Religionsunterricht: Nach 92 Jahren: Wieder Religion in Russlands Schulen

Präsident Medwedjew gibt den Kindern die Wahlmöglichkeit zwischen drei Fächern.

Fast ein Jahrhundert war die Religion aus den russischen Schulen verbannt. Und in den letzten Jahren hat Machtgerangel die Diskussion über die Wiedereinführung religiöser Inhalte ins Curriculum begleitet. Nun hat Staatspräsident Dmitrij Medwedjew eine Entscheidung getroffen: Ab dem nächsten Jahr werden die Schüler in den Grundlagen der religiösen Kultur und der bürgerlichen Ethik unterrichtet. Zunächst in 18 russischen Regionen mit insgesamt 12.000 Schulen. Ab 2012 soll das neue Unterrichtsfach im ganzen Land verbindlich mit zwei Wochenstunden auf dem Stundenplan stehen.

Schüler und Eltern haben die Wahl zwischen drei Varianten. Entweder Geschichte und Kultur jener der vier großen Religionen im Land, zu der sich der Schüler bzw. seine Familie bekennt: russische Orthodoxie, Islam, Judentum, Buddhismus. Oder Geschichte und Kultur aller in Russland traditionellen Religionen. Vor allem Schülern ohne Konfession wird Unterricht in den Grundlagen der bürgerlichen Ethik angeboten.

Von einer „großen Sache“ sprach ein Vertreter der orthodoxen Kirche, auch die islamische Kirche ist zufrieden. Die Wissenschaft ist skeptischer: „Eine staatliche Schule sollte einheitliche Standards vorgeben“, meint Nikolaj Schaburow, Religionssoziologe an der Uni in Moskau, zur „Presse“: „Bei uns ist die Gesellschaft atomisiert und leidet unter zwischennationalen Konflikten. Die Schule muss der Ort der Integration sein.“ Er hielte es für sinnvoller, für alle einen einheitlichen Kurs in Geschichte der traditionellen Religionen einzuführen. Immerhin sei die jetzige Lösung besser als der Vorschlag der orthodoxen Kirche (ROK), einen verbindlichen Unterricht in den „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ einzuführen. Die ROK hat das damit begründet, dass knapp drei Viertel der Staatsbürger orthodoxen Glaubens sind. In Wirklichkeit sind laut Umfragen nur etwa fünf Prozent praktizierende Orthodoxe. Dass sich weitaus mehr Leute für orthodox ausgeben, beschreibt Schaburow mit Dostojewskis Definition, dass ein Russe eben orthodoxen Glaubens sei: „Die weitläufige Auffassung ist: Das ist unser nationaler Glaube, der die russische Kultur und den russischen Staat geschaffen hat.“

So gab es auch nach dem Ende der atheistischen Sowjetunion eine Annäherung zwischen ROK und Staat, der diese Kirche bevorzugte. Mit ihrer fertigen Ideologie im Sinn einer national-patriotischen Identität kam sie dem Staat, der vergeblich nach einer anderen staatsbildenden Idee suchte, sehr zupass. So half auch der Staat, dass sich die ROK gegen neue religiöse Strömungen durchsetzte und im Wettkampf etwa mit den Katholiken siegreich blieb. Die anderen Großreligionen in Russland – ein Siebtel der Bevölkerung hängt etwa dem Islam an – werden übrigens als ethnische Religionen akzeptiert, in ihrer territorialen Beschränkung auf gewisse Landesteile.

Manche meinen freilich, dass die ROK, die seit Kurzem mit Erlaubnis der dominanten Kremlpartei „Einiges Russland“ auch Gesetzesanträge prüft, jetzt abermals bevorzugt wird. Denn auch in die Armee kehrt die Seelsorge zurück. Und man fürchtet, dass wegen der zahlenmäßigen Dominanz der orthodoxen Soldaten Geistliche anderer Religionen nicht in die Einheiten vorgelassen werden.

In der Schule werden nicht Geistliche den Religionsunterricht halten, sondern zivile Lehrer, 40.000 müssen umgeschult werden. Die Kommunisten warnen dennoch: „Sie werden sehen! Schon sehr bald werden Popen unterrichten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2009)

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