Gerade erst staatlich als Religionsgemeinschaft anerkannt, halten die Zeugen Jehovas im Wiener Ernst-Happel-Stadion einen ihrer Kongresse ab.
"Millions now living will never die“ – Popkundige mögen bei diesem Satz an die Chicagoer Band Tortoise denken, die ein Album so nannten, vielen Zeugen Jehovas ist er so vertraut wie Katholiken der Anfang des Vaterunser. Der Erste Weltkrieg ging in Europa zu Ende, da sagte in den USA ein gewisser Joseph Franklin Rutherford vorher, Millionen seiner Zeitgenossen würden ewig leben – und zwar nicht im Himmel, das hätte damals niemanden verwundert, sondern auf der Erde. Rutherford war der zweite Präsident der „Watchtower Society“, unter ihm wurden aus den Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten „Bibelforschern“ die Zeugen Jehovas.
Die „Millionen heute Lebenden“ sind fast alle gestorben, aber die Zeugen Jehovas leben dennoch – und wie! Davon zeugen nicht nur die „Wachtturm“-Träger an den Straßenrändern oder die gepflegt wirkenden Damen und Herren, die hinter Haustüren verlorene Seelen suchen, sondern auch die jährlich in vielen Städten stattfindenden, von der in New York ansässigen Watchtower Society gleichgeschalteten Kongresse.
Zehntausende Gläubige kommen da zusammen, wie noch bis Sonntag im Wiener Ernst-Happel-Stadion, mit Massentaufen in riesigen Schwimmbecken. Das Besondere am heimischen Ereignis: Die Zeugen Jehovas, fünftgrößte Glaubensgemeinschaft im Land, feiern den Kongress als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Dieses Ziel haben sie mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg im Mai erreicht. Damit haben sie auch das Recht auf eigenen Religionsunterricht – das sie wohl nicht in Anspruch nehmen werden, weil sie sich jeder politischen, damit auch staatlichen Betätigung enthalten. So ersparen sie dem Unterrichtsministerium einige Verlegenheit: Immerhin hätte dann das Diskriminierungsverbot der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu geführt, dass in der Schule Homosexualität als schwere Sünde gelehrt wird.
„Wie überlebe ich das Ende der Welt?“
„Wie überlebe ich das Ende der Welt“ lautet einer der Vortragstitel des Wiener Kongresses. Bisher haben die Zeugen Jehovas zwar nicht das Weltende, aber ihre Prophezeiungen desselben eindrucksvoll überlebt – seit fast 100 Jahren. Charles Taze Russell, der von den Adventisten beeinflusste Gründer der Internationalen Bibelforscherbewegung, aus der die Zeugen Jehovas hervorgingen, hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert die Zukunftsaussagen der Bibel studiert und Armageddon, also das Ende der Welt, für 1914 prophezeit. Die Rechtgläubigen würden die Reinigung der Erde von allem Bösen über- und in einem irdischen Paradies ewig weiterleben.
1916 starb Russell und die Welt stand immer noch. Sein Nachfolger Rutherford, der nicht nur den Namen „Jehovas Zeugen“ prägte, sondern der Gemeinschaft auch eine autoritäre Struktur, die Theokratische Organisation, gab, sagte das irdische Paradies für 1925 voraus. Dann würden auch die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob auf die Erde zurückkehren, für sie ließ Rutherford im freundlichen Kalifornien eine Villa bauen, „Beth Sarim“, Haus der Fürsten; er wohnte einstweilen selbst darin. Das unmittelbar bevorstehende Weltende wurde auch in großen Zeitungsinseraten verkündet, neue Anhänger kamen in Scharen.
1925 geschah viel, aber nicht der Weltuntergang. Drei Viertel der Mitglieder hätten damals enttäuscht die Organisation verlassen, schätzt der kanadische Historiker und ehemalige Zeuge Jehovas James Penton („Apocalypse Delayed – The Story of Jehovah's Witnesses“). 1975 erwarteten die Zeugen Jehovas wieder das Weltende, allerdings nicht ganz offiziell – abermals strömten ihnen viele Mitglieder zu und gingen danach viele enttäuscht von hinnen. 1995 verabschiedeten sich die Zeugen Jehovas auch still und leise von der Prophezeiung, dass jene Menschen, die 1914 auf der Welt waren, das Weltende noch erleben würden.
Heute pochen die Zeugen Jehovas nicht mehr auf Jahreszahlen, im „Wachtturm“ wurde aus dem Satz „Millions now living will . . .“ ein „Millions now living MAY never die.“ Doch die Naherwartung bleibt. „All evidence shows that this ,day‘ is very near, which means that you may ,never die at all‘“, steht etwa in einer Ausgabe von 2005 zum Weltende. Das wirkt sich auch auf die Lebensplanung aus, viele verschieben Studium oder Familiengründung, um schnell noch die eigene und andere Seelen zu retten.
Weltweit sind es heute rund sechs Millionen Zeugen, und es werden mehr. Doch der Zuwachs kommt vor allem aus der Dritten Welt, in Europa stagnieren die Mitgliederzahlen oder gehen zurück, wie bei den großen christlichen Religionsgemeinschaften. Den Eindruck, dass unermüdliche Hausbesuche kein sehr effizientes Mittel zur Missionierung sind, bestätigen Statistiken der „Wachtturm“-Gesellschaft. Aufgelistet wird nicht nur die Zahl der Taufen, auch, wie viele Stunden zum „Predigen der guten Botschaft“ aufgewendet wurden; gemäß einer Berechnung des deutschen Netzwerks „Sektenausstieg“ müsste der „Durchschnittzeuge“ über 50 Jahre im Predigtdienst zubringen, bis es zur Taufe kommt!
In Russland schikaniert
Die Donquichotteske Hartnäckigkeit, mit der die Zeugen Jehovas ihr Seelenrettungsprogramm verfolgen, nötigt jedenfalls Respekt ab – wie die Geschichte ihrer Verfolgung, nicht nur im Nationalsozialismus. Schon Rutherford saß 1918 in den USA wegen pazifistischer Äußerungen im Gefängnis. Die Zeugen Jehvoas wurden jahrzehntelang von der portugiesischen Polizei Zeugen verprügelt, ihre Schriften konfisziert; erst in den Achtzigerjahren hob Belgien ein Transportverbot für ihre Publikationen per Post oder Bahn auf, erst 1991 erhielten sie in Frankreich die Erlaubnis, ihre Heftchen in Farbe statt in Schwarzweiß zu drucken. Russland stuft die Zeugen Jehovas als „extremistische Organisation“ ein, sie sind ständigen Schikanen ausgesetzt, in vielen muslimischen Ländern werden sie, wie die Christen, verfolgt.
Zumindest in der westlichen Welt geht es den Zeugen Jehovas freilich so gut wie noch nie – die staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft in Österreich ist ein Symptom. Und da die Zeugen Jehovas glauben, dass sie unmittelbar vor dem Weltende ganz besonders verfolgt werden, müsste ihnen das eigentlich zu denken geben. Vielleicht ist das Weltende ja doch nicht so nah?
("Die Presse" Printausgabe vom 08. August 2009)