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Christoph Waltz: "Nazis spiele ich nicht mehr"

Christoph Waltz and US director Quentin Tarantino
(c) EPA (JENS KALAENE)
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Der Wiener Schauspieler Christoph Waltz hat sich dank Tarantinos "Inglourious Basterds" nach Hollywood katapultiert. Der Part des Nazi-Oberst Landa ist vermutlich seine "Lebensrolle", verrät er der "Presse".

Der Mann bleibt so schrecklich höflich. Da wird er in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet, für seine beeindruckend gespielte Rolle des fiesen wie schlauen SS-Offiziers Hans Landa in Tarantinos Nazisatire „Inglourious Basterds“. Da wird er für eine Oscar-Nominierung ins Spiel gebracht, die ihm plötzlich jeder zutraut. Und was wollen die Leute von ihm, Christoph Waltz, als Allererstes wissen, immer und immer wieder? Wie es denn so war, mit Quentin Tarantino zu drehen. Und mit Brad Pitt.

Und Waltz verbreitet geduldig das obligatorische Lob in Richtung der beiden Hollywoodstars. Wie ist es denn eigentlich so, mit Christoph Waltz zu drehen? Waltz schaut überrascht und lächelt. „Ich glaube, wenn's gut läuft, ist es sehr angenehm, mit mir zu arbeiten“, sagt der Schauspieler zur „Presse am Sonntag“. „Es läuft aber nicht immer gut. Dann wird's ein bissl schwieriger, weil ich nicht lockerlassen will.“ Anders formuliert: Waltz legt, wie man es vermuten würde, wenn man ihn in „Inglourious Basterds“ (Kinostart: 21.August) sieht, wie er als SS-Offizier scheinbar mühelos vom Deutschen ins Französische, vom Englischen ins Italienische wechselt, seine Rollen penibel, ja fast pedantisch an. Den Hang zum Perfektionismus teilt er durchaus mit Tarantino, der dafür bekannt ist, Szenen oft x-mal wiederholen zu lassen, bis jedes kleine Detail stimmt. Diesbezüglich, sagt Waltz, sei ihm Tarantino, sogar „noch zehn Schritte voraus“.

Dass Waltz, der gebürtige Wiener, lange in Berlin gelebt hat – mittlerweile lebt er in London –, hört man. In seinen gut 30 Jahren als Schauspieler – Waltz hat am Max-Reinhardt-Seminar studiert – hatte er schon weniger spektakuläre Jahre als 2009. Seit der Auszeichnung in Cannes hat der 52-Jährige mehr Aufmerksamkeit bekommen und vermutlich mehr Interviews gegeben als in all den Jahren davor zusammen. Dass er ein außergewöhnlicher Schauspieler ist, der vor allem Psychopathen (etwa den Oetker-Entführer Cilov in „Tanz mit dem Teufel“ 2001) überzeugend anlegt, wusste man. Dennoch blieb er lange, was er war: Unterbewertet, ein Darsteller, dessen Namen man sich nicht so recht merken wollte, obwohl man sein Gesicht öfter gesehen hatte, im „Tatort“, bei „Polizeiruf 110“ oder simpel gestrickten TV-Romanzen wie „Weihnachtsmann gesucht“. Und plötzlich gelingt dem ewigen Nebendarsteller, Tarantinos jüngstem Film sei Dank, der Sprung nach Hollywood. Ganz ohne Zwischenstopps.
Gegen alle Stereotypen. Waltz mag den Begriff „Hollywood“ nicht, aber natürlich, sagt er, habe ihm die Rolle die Tore zu einer internationalen Karriere geöffnet. Angebote gab es, ehe die „Basterds“ überhaupt in den Kinos liefen, so viele, dass sich „die interessanten Projekte ein bisschen in die Quere kommen“. Einige hat er von vornherein ausgeschlossen. „Einen Nazi“, sagt Waltz, „werde ich nicht noch mal spielen.“ SS-Mann Landa in den „Basterds“ war die Ausnahme, „weil die Rolle so grandios ist. Nazi-Spielen zum Broterwerb ist mir zu banal“. Weniger, weil es Nazis sind – oft die einzige Chance für deutschsprachige Schauspieler, in eine internationale Produktion zu kommen. Sondern, „weil ich es fad finde, Stereotypen zu spielen“.

Fad und stereotyp. Attribute, die „Inglourious Basterds“ fehlen, in dem Waltz als SS-Mann in Frankreich so skrupellos wie erfolgreich Juden verfolgt, während eine Truppe amerikanischer Juden, angeführt von Brad Pitt als Leutnant Raine, auf Nazijagd geht. Das alles, typisch Tarantino, sehr blutig, sehr skurril, ohne Anspruch auf Geschichtsschreibung. Das hat Waltz gereizt. „Dass er einen anderen Ansatz findet, den Ansatz über das Kunstwerk.“ Tarantinos seltsame, ja, lustige Auseinandersetzung mit dem ernsten Thema findet Waltz „inspirierender“ als „die ewige Bestätigung der Tatsache, dass wir auf der richtigen Seite stehen und uns gar nicht mehr mit dem Thema befassen brauchen“.

Auch wenn man bei Tarantino immer wieder lachen muss. „Warum sollen wir nicht Spaß dabei haben?“, fragt Waltz. „Warum muss Auseinandersetzung immer schwer sein?“ Weniger gern als über den Film redet Waltz über seine Zukunft. So wie er „damals nicht über Cannes nachgedacht hat“, spricht er jetzt nicht über Oscar-Chancen. Waltz wirkt nachdenklich. Vielleicht, sagt er, ist die Rolle in Tarantinos Film „schon die Rolle meines Lebens gewesen. Es ist eine Rolle, die nicht nur bei mir 30 Jahre gebraucht hat, bis sie kommt. Sondern eine, die beim überwiegenden Teil der Schauspieler überhaupt nie kommt.“ Dass er so spät noch den großen Durchbruch feiert, „damit hab ich nicht mehr gerechnet“, sagt er. Man glaubt es ihm. Der Mann ist auch noch so schrecklich bescheiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)