Es gibt "Krankheiten", die nur Menschen über 30 befallen. Und die vor allem den anderen wehtun. Die Autorin und passionierte Verhaltensforscherin Nina Puri hat sie diagnostiziert.
Stefan sieht man vieles an. Aber ganz sicher nicht sein Alter. Er ist groß, schlank, fit und verdeckt seinen leicht rückläufigen Haarwuchs elegant mit einer schnuckelig rasierten Kurzhaarfrisur. Und Stefan macht „junge“ Dinge. Wie Rollerfahren. Bis er vor Kurzem Opfer eines bissigen Passanten wurde. „Na“, sagte der, als Stefan elegant einen Rollerachter um ihn herumzog. „Willst an Schlecker?“
Der Hieb saß. Denn Stefan ist 50. Ein Umstand, den er normalerweise erfolgreich kaschiert. Vor allem vor sich selbst. Und damit ist er nicht allein. Denn das Phänomen der „Ü-30-Krankheiten“ ist offenbar ansteckend. Anfällig sind all jene, die die 30 bereits – teilweise weit – überschritten haben, noch immer aber den Spagat zwischen ihrem „gefühlten“ und ihrem „tatsächlichen“ Alter versuchen: Sei es auf dem „dance floor“, oder sei es auf der Joggingpiste – auch wenn sie zur Sicherheit schon am Abend davor für den Morgen danach einen Termin beim Osteopathen ausmachen. Doch wirklich weh tun Ü-30-Krankheiten nur den anderen. Vor allem jüngeren Menschen. Ein waschechter Ü-30 ist gegen Nebenwirkungen wie Lächerlichkeit oder Peinlichkeit immun.
Magische Altersgrenze. Behauptet zumindest Nina Puri. Die „passionierte Verhaltensforscherin“ – sie hört gerne „mit nach unten geklappter Kinnlade“ den Gesprächen am Nebentisch zu und beobachtet mit Argusaugen das Verhalten ihrer Freunde und Bekannten – hat das Phänomen in allen Facetten untersucht. „Mit 30 verändert sich viel“, sagt Nina Puri im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. „Man hat Geld, man bekommt Kinder, man merkt, dass es nicht mehr nur immer bergauf geht. Gleichzeitig aber ist man nicht bereit, den Anschluss an die eigene Jugend zu verlieren.“
Auch wenn Puris Buch leichte Kost und alles andere als ernst gemeint ist – „30“ als magische Altersgrenze für den Beginn des geistigen und körperlichen Verfalls kommt nicht ganz von ungefähr. Eine Studie dokumentierte vor Kurzem, dass die Schnelligkeit des Gehirns, die visuelle Auffassungsgabe und das logische Denkvermögen bereits mit 27 nachlassen. Bis zum Alter von 37 kompensiert man noch durch die Erinnerung, dann wird auch die immer löchriger.
Der Mensch baut ab. Körperlich sieht das Bild ähnlich aus. „Bei Knochen etwa baut der Mensch zwischen 16 und 18 Jahren seine maximale Knochenfestigkeit auf, um die 30 bis 35 fällt das deutlich ab. Mit anderen Organen verhält es sich ähnlich“, sagt Peter Pietschmann, Pathophysiologe und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie. Puri sucht und findet die Ü-30-Krankheiten allerdings nicht auf der physischen Ebene, sondern im Kopf. Ihre „Altersflecken“ sind nicht hässliche braune Spots, sondern „kleine bis mittelgroße Flecken Erde, die Ü-30er kaufen, um sie später als Alterssitz zu nutzen“.
Der „Bildwuchs“ ist ein unkontrollierbar wuchernder Haufen noch nicht im Album eingeklebter Familienfotos. Die „Erbkrankheit“ – sich zunehmend wie die eigenen Eltern benehmen. Der „Google-Hupf“ – überschäumende Euphorie beim Googeln. Die „Namenswucherung“ – nachhaltige Folgen der im Lauf der Jahrzehnte gescheiterten und neu gegründeten und wieder gescheiterten und wieder neu gegründeten Lebensgemeinschaften. „Nordic Talking“ – über Nordic Walker lästern als heilsame Therapie bei Ü-30ern, die noch nicht Ü-60 sind. Das „Treuegeschwür“ – die wuchernde Ansammlung von Kundenkarten im Ü-30-Geldbörsel. Und schließlich die „Endloskrise“ – irgendwas ist immer.
Feine Unterschiede. Laut Puri gibt es dabei aber feine Unterschiede: nicht nur zwischen den einzelnen Altersgruppen der Ü-30, sondern auch zwischen den Geschlechtern. Das männliche Ü-30-Gehirn beschäftigt sich mit Bundesliga, Karriere, Retrotrainingsjacken, Erektion, der alten Plattensammlung, gemeingefährlichen Sportarten, dem Golf-Handicap und dem Traum vom roten Ferrari-Cabrio. Das weibliche Ü-30-Gehirn tendiert hingegen zu Buddhismus, Ashton Kutcher, Sex, Handtaschen, Tierdokumentationen, Yoga, Jamie-Oliver-Rezepten, Begonien und dem Memorieren diverser PIN-Nummern.
Puri selbst befindet sich mitten drinnen in der Ü-30-Krise. Als Jahrgang 1965 hat die in England geborene und in Hamburg lebende Kreativdirektorin auch selbst schon so manchen Anfall überstanden.
Den Rest der Symptome haben Freunde und Bekannte beigesteuert. Und das macht – trotz teilweise krampflustiger Verballhornungen und Beschreibungen – den Charme des Buches aus. Kein Ü-30 wird es lesen können, ohne sich und seine Umgebung nicht wenigstens irgendwo wiederzuerkennen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)