Der Rekordtransfer von Marko Arnautovic zu Inter Mailand sorgte für Aufsehen. Der 20-Jährige ist einer von 31 österreichischen Fußballlegionären. Auslandserfahrung ist lohnend.
Neun Millionen soll Inter Mailand der Kauf von Marko Arnautovic wert gewesen sein. Fünf Millionen blätterte Napoli für Erwin Hoffer hin. Diese beiden Transfers sind die spektakulärsten, die Österreich in der jüngeren Fußballgeschichte erlebte. Nicht so sehr wegen der kolportierten Beträge (diese sind Peanuts im Vergleich zur absoluten Weltspitze – Real Madrid zahlte für Cristiano Ronaldo 93 Millionen Euro), sondern weil die beiden in die Serie A, die höchste Spielklasse des Weltmeisterlandes Italien, wechselten.
31 österreichische Fußballprofis verdienen derzeit ihr Geld bei Erstligisten in 13 verschiedenen europäischen Ländern. Größtes „Exportland“ ist Deutschland mit acht Legionären, Nummer zwei ist neuerdings Italien mit vier Österreichern. In der englischen Premier League hält Paul Scharner mit Wigan die Stellung, in der Primera Division der Fußballgroßmacht Spanien haben heimische Kicker kein Leiberl. Zum Vergleich: In Österreichs höchster Spielklasse, der Tipp3-Bundesliga verdingen sich derzeit 73 Legionäre aus 33 verschiedenen Ländern.
Bei aller gebotenen Skepsis im Umgang mit Rankings zeigen sie doch, dass Österreichs Nationalteam- wie Ligafußball auf europäischem Niveau nur von unterdurchschnittlichem Niveau ist. Umso verständlicher ist daher, dass es Spieler ins Ausland zieht.
Was aber braucht es, dass der Weg ins Ausland zum Karriereturbo wird? „Einen fast fertigen Spieler“, sagt Willi Ruttensteiner. Der Sportdirektor des Österreichischen Fußballbundes meint damit Fußballer, die sich in jungen Jahren vom Nachwuchs in die erste Mannschaft spielen, dort gleichsam die „letzte Stufe der Ausbildung“ erleben und dann im Ausland „engagiert“ werden. Diese Spieler sind als Persönlichkeit gefestigt und bringen ein Maß an Erfahrung mit. Sebastian Prödl sei so ein Beispiel, sagt Ruttensteiner. Prödl war im Vorjahr der Wechsel von Sturm Graz zu Werder nach Bremen gelungen.
Und die nächsten Spieler, die behutsam auf diesen Sprung vorbereitet werden, sieht Ruttensteiner quasi in der „Pipeline“: die beiden Rapidler Christopher Drazan und Christopher Trimmel. Sie könnten schon in Bälde das Vorbild ihres Ex-Mannschaftskollegen Erwin Hoffer nachahmen.
Karriereknick statt Karrierekick. Doch Ruttensteiner warnt auch vor den Verlockungen des Auslands: „Ich habe Bedenken, wenn junge Leute von der Nachwuchsabteilung eines Klubs gekauft werden.“ Großvereine könnten es sich leisten, talentiertes Spielermaterial en gros einzukaufen und auszusieben. Viele Nachwuchskicker würden auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Situation überfordert und ihre Persönlichkeit dafür noch zu wenig entwickelt ist.
Um den Karriereknick im Zuge des Wechsels zu verhindern, brauche es viel Feingefühl im Umfeld. Deshalb legt Ruttensteiner in der Trainerausbildung auf das Kapitel „Persönlichkeitsbildung“ großen Wert. Denn im Zusammenspiel mit Managern und Eltern komme den Trainern eine besondere Aufgabe zu, sich nicht nur um die finanziellen und sportlichen Interessen des Klubs, sondern auch um den Spieler zu kümmern. Der Druck von außen ist groß, sagt der ehemalige Nachwuchsbetreuer: „Bei jedem Spiel der Nachwuchsnationalteams sitzt regelmäßig eine Schar Scouts auf den Rängen.“ Und die Begehrlichkeiten dieser Herren sind groß.
Was am Arbeitsmarkt gang und gäbe ist und sich als sinnvoll erwiesen hat, nämlich längerfristige Karrierepläne zu erstellen, das hält die Fußballwelt (vorerst noch) für weitestgehend entbehrlich. Der ÖFB stellt Teamspielern juristische, psychologische und die Nationaltrainer als sportliche Berater zur Seite, doch die Aktiven machen von diesem Angebot wenig Gebrauch, bedauert Willi Ruttensteiner. Wenn ein Wechsel, ein Karriereschritt anstehe, dann stehe in den meisten Fällen das Wort des Managers im Vordergrund, und damit ein Argument – der Profit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)