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Wo Fußballkenner die EM sehen

EM im Stammbeisl: Fußball-Kolumnist Jürgen Pucher im Anzengruber
EM im Stammbeisl: Fußball-Kolumnist Jürgen Pucher im Anzengruber(c) Stanislav Jenis / Die Presse
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Im Stammbeisel, im Flex und die wichtigen Spiele konzentriert daheim vorm Fernseher: Wie Fußballexperten die Euro verfolgen. Eine kleine Profi-Anleitung zum Start der EM.

Wien. Es ist, keine Frage, eine Veranstaltung für die Massen: Bei der Fußball-Europameisterschaft starren ab heute, Freitag, auch die Wiener auf die größeren und kleineren Bildschirme dieser Stadt: darunter wohl auch viele, die sich mitunter im Rest des Jahres nur mäßig für Fußball interessieren.

Dabei ist die Euro aber natürlich gerade für echte Fans eine große Sache, die man – da sind sich die Fußballauskenner einig – eigentlich nicht in den großen Public-Viewing-Arenen (siehe unten) in der Masse mitverfolgen sollte, wenn man sich ernsthaft für Match, Taktik und Spielverlauf interessiert. Zumindest nicht die relevanten Spiele. Wo schauen also die Profis? Ein Tipp-Überblick.

Martin Blumenau ist der fußballaffinste unter den Moderatoren des Radiosenders FM4, der das nationale und internationale Fußballgeschehen in seinem Blog analysiert (fm4.orf.at/blumenau). Er hält es da wie Peter Handke, der unlängst sinngemäß meinte: Ein Fußballspiel anzuschauen sei wie ein Buch zu lesen. Man würde in beiden Fällen das Privileg genießen, sich konzentrieren zu dürfen.

„Zu dürfen“, sagt Blumenau, „da hat er recht.“ Das mit der Konzentration sei beim Public Viewing kaum möglich. „Wir sehen uns dabei selbst zu, erleben uns als kollektiven Körper, feuern aus allen Spiegelneuronen-Rohren, ergeben uns in einer emotionalisierten Gemeinschaft. Das ist eine wichtige Funktion, keine Frage“, sagt er. „Mit Fußballschauen hat das allerdings nichts zu tun.“ Die beste Aufnahmesituation sei im Stadion, wo man allerdings absolute Konzentration benötige – oder ungestört vor einem Bildschirm. Blumenau – als EM-Favoriten sieht er Frankreich, Deutschland und Spanien, Österreich traut er das Viertelfinale zu – wird heuer kaum im WUK sein, wo FM4 wie gehabt sein EM-Quartier ausrichtet. Nur zum Finale sendet er von dort sein „Zimmerservice“. Pünktlich zum Anpfiff ist die Sendung aber aus. Das Match wird er im WUK verfolgen. Allein. In einem Hinterzimmer.



Die wichtigen Spiele verfolgt Jürgen Pucher, Fußball-Kolumnist bei Laola1.at („12 Meter“) und Betreiber der Podcast-Plattform Blackfm.at (die sich dem SK Sturm widmet), zwecks besserer Konzentration in Ruhe daheim. Für die weniger relevanten Matches zieht es ihn häufig in das Café Anzengruber im Vierten. „Ich mag die Stimmung dort, und die Verpflegung ist im Vergleich zu vielen großen Fanzonen bedeutend besser.“ Im Publikum seien dort „viele andere Schreiberlinge, viele Stammgäste“, die es wie Pucher halten: Fußball wird dort geschaut, wo man sowieso immer gern hingeht. Auch Pucher traut Österreich das Viertelfinale zu, „es wird aber viel davon abhängen, wie das erste Spiel läuft“. Den EM-Titel holen könnten die Deutschen, „weil sie den besten Kader haben“.
Zwischen Hunderten oder gar Tausenden Besuchern bei einem Public Viewing ist auch für Nicole Selmer, stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins „Ballesterer“, undenkbar. Wenn sie die Spiele nicht live im Stadion verfolgen kann (heuer ist sie beruflich in Frankreich dabei), sieht sie am liebsten in kleiner Runde zu, „mit Leuten, die man kennt, die keinen Unsinn erzählen und nicht mit rot-weiß-roten Blumenketten daherkommen“.

In Wien schätzt sie zu diesen Zwecken kleine Beiseln: das Pulse in der Schottenfeldgasse etwa und das Café Nelke am Volkertmarkt. Weil man da immer Fußball schauen kann – nicht nur zur EM.

Wie man die EM richtig schaut? Mit Gleichgesinnten, sagt Schauspieler und Kabarettist Manuel Rubey. Nicht im Sinn von „Gleichschaltung des Mitfieberns“, sondern im Sinn des Interesses. Menschen, die während der Partien „Wer spielt eigentlich?“ fragen, „würde ich im Sinn des weiteren friedvollen Miteinanders während der Euro eher meiden“.

Beim Public Viewing mag es Rubey traditionell: So wie immer schon im Flex, das seinerzeit eines der ersten Lokale war, das zum Public Viewing geladen hat, „lang, bevor dieser Begriff bekannt und zum Massenphänomen wurde“. Außerdem, sagt Rubey, sei der Fluss so schön, und das LED funktioniere auch bei den Nachmittagsspielen einigermaßen.

Der EM-Titel sollte, findet Rubey, an England gehen, „das Mutterland des Fußballs. Jetzt, da man Beckham nicht mehr mitschleppen muss, wäre es doch mal Zeit“. Verdient hätten es aber auch die Deutschen, „weil sie die beste Mannschaft haben“. Österreich sieht der Schauspieler im Achtelfinale, „danach kann an dem einen oder anderen perfekten Tag auch noch mehr passieren“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2016)