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Provinz-Industriestadt schlägt Weltstadt

Lille
(c) REUTERS (PASCAL ROSSIGNOL)
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Frankreich ist Europameister im Tourismus, mehr noch: sogar Weltmeister, 2015 mit 84,5 Millionen Gästen. Kein Wunder daher, dass die EM-Spiele strategisch über das ganze Land verteilt wurden. Ein Beispiel ist Lille.

Kunst in Lille ist unerwartet gut und konzeptionell andersartig. Dies verdankt die nordfranzösische Stadt dem Dekret Napoleons, Kunst nicht ausschließlich in Paris zu zeigen. Und natürlich auch der Tatsache, dass Lille seit 2004 europäische Kulturhauptstadt ist.
Auffällig ist vor allem die Dichte hochwertiger Kunst der vergangenen 500 Jahre, insbesondere jedoch der letzten 100 Jahre bis heute. Manche Kunstmuseen übertreffen konzeptionell jene in Paris, indem sie zum Beispiel im Palais des Beaux-Arts nicht nur nach Epochen trennen, sondern alte und neue Werke nebeneinander konfrontieren. Die Präsentation von Kunst sollte auch in Paris heutigen Anforderungen angepasst werden. Besucher schieben sich dort in Massen an den Werken vorbei, nicht so in Lille. Kein Wunder, dass die Stadt in Französisch-Flandern seit 2004 europäische Kulturhauptstadt ist.
Ab Samstag, 11. Juni, gastieren in Lille und im nahen Lens diverse Fußball-Nationalteams. Das Stadion des OSC Lille gilt als modern, das Dach lässt sich verschließen, damit nicht nur der Fußball regiert, sondern auch Hand- oder Basketball gespielt werden kann. Das Stadion fasst 50.083 Fans, das kleinere in Lens 38.223. Vor allem wegen ihrer Größe wurden diese Stadien als Spielstätten ausgewählt.

Experimentierfreudig

Die Spiele werden viele Fans anziehen, die von den Bahnhöfen Lille Flandres und Lille Europe schnell zu den Toren der dazwischenliegenden Kunsthalle Tripostal gelangen. Wie experimentierfreudig man dort stets ist, hat die Jahresausstellung „Tu dois changer ta vie“ von 2015 gezeigt. In abgedunkelten Räumen haben verspielte Metallobjekte Bewegungen von Tieren und Pflanzen verdeutlicht, im Keller Videos entspannt, Stimmen verschiedener Sprecher sind durch das dämmrige Gewölbe geschallt und haben eine meditative Stimmung erzeugt.
In Lilles Innenstadt befindet sich auch das Palais des Beaux-Arts. Der Palast wurde 1892 vor 10.000 Besuchern eingeweiht. Das Museum geht auf ein Dekret Napoleons zurück: 15 Städte sollten „Miniatur-Louvres“ erhalten und die im Louvre und in Versailles liegenden Kunstreserven präsentieren. So weist das zweitwichtigste Museum Frankreichs eine Sammlung alter Meister wie Rubens, Goya, Delacroix, David und Chardin auf.
Ein weiteres Schmuckstück ist das Lille Métropole Musée d'art moderne (LaM). Dieses liegt in einer von Wiesen und Wald umsäumten Parklandschaft bei Villeneuve-d'Ascq. Es gibt nicht viele französische Museen dieses Typs – die meisten liegen in den Stadtzentren. Das Haus besteht aus zwei Flügeln mit unterschiedlichen Fassaden. Der linke wurde in den 1970er-Jahren gebaut, der rechte Flügel wurde erst 2009 in völlig neuem Stil errichtet. Der rote Backstein des linkes Flügels bildet einen Kontrast zum weiß gestrichenen Beton des rechten.
Der Architekt des linken Flügels könnte ein Kubismus-Adept sein, während der rechte Flügel deutlich an den mozarabischen Stil erinnert. Der Spanien-Kenner sieht, dass die Wände mittelalterlichen Kirchen in Asturien und Galizien ähneln, die maurische Gestaltungselemente übernommen haben. Diese Bauweise wirkt in Nordfrankreich fremd. Tagsüber fallen Lichtflecken in das Gebäudeinnere. Wenn das Licht nachts eingeschaltet wird, leuchten die Wände fast wie magische Laternen nach außen. Der aufgebrochene Beton nimmt dem Gebäude das Brutale.

Fensterloser Kubus

Insgesamt gliedert sich das Lille Métropole in drei Teile. In der Mitte befindet sich die Eingangshalle, deren Dach durch rote Säulen getragen wird. Dahinter Glas, rechts und links je ein kubusartig wirkender hoher fensterloser Bau. Die Mauern werden durch halbsäulenartige Vorsprünge und Schlitze, das Dach durch turmartig wirkende Aufsätze gegliedert. Weiße Betondächer, rote Mauern – es gibt nur wenige vergleichbare Bauten.
Das 1983 eröffnete LaM birgt auch die Sammlung Masurel. Auffällig ist, dass die eindrucksvollsten Werke aus den Jahren unmittelbar vor, zwischen und nach beiden Weltkriegen stammen. Den Künstlern scheint es erst in den Zwischenkriegszeiten gelungen zu sein, die Erlebnisse der schwersten Jahre zu verarbeiten. Daher die Thematik mancher Ausstellungsteile: Panzer, Flugzeuge, Maschinengewehre, Maschinen des modernen Kriegs, die auch die Zivilbevölkerung getroffen haben.
Einer der typischen Maler nach dem ersten Weltkrieg ist der Normanne Fernand Léger (1881–1955), der mit dem Sozialismus sympathisierte. Léger ist vor allem bekannt für die geometrischen Formen aus seiner mechanischen Periode nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Diese plakativ gehaltenen Gemälde muten wie Entwürfe von modernen Maschinen an.
Aus der Zwischenkriegszeit stammt ebenfalls das Werk „Nature morte au compotier“ von 1923. Seine Phase der Nature morte geht der mechanischen Periode knapp voraus. „Der Mensch lebt mehr und mehr in geometrischer Ordnung“, erkennt Léger 1924. In den Schützengräben von Verdun hat ihn dort vor allem die Menschlichkeit der Soldaten beeindruckt, die oft vom Land gekommen sind. Die Kanonen hätten ihm mehr beigebracht als alle Museen der Welt, meinte Léger.
In dem zweiten kubistisch-mozarabisch gestalteten Flügel des Museums finden sich jedoch auch völlig neue Ansätze und Formen moderner Kunst hauptsächlich des 20. Jahrhunderts: Die Sammlung der sogenannten Art brut ist in Frankreich einzigartig. Es handelt sich um mehr als 3900 Werke von 170 Künstlern. Damit ist es die größte französische Sammlung dieser Kunstrichtung. Sie gehört dem Museum seit 1999.
Den Begriff Art brut prägte der hier ebenso vertretene französische Maler Jean Dubuffet für Künstler, die nie Kunst studiert haben. Geradezu bedrohlich wirkt in einem Raum die große Sammlung an Maschinenpistolen, obwohl es sich nur um Holznachbildungen handelt. Griff und Lauf mancher Waffen werden aus Teilen von Konservendosen gebildet. André Robillard hat etliche von ihnen in den 1980er-Jahren geschaffen, als er sich in einer psychiatrischen Klinik hat behandeln lassen. Andere Patienten malten Bilder, er schuf stattdessen Waffen.
Die drei Museen im Raum Lille überragen die verstaubt daherkommenden Museen in Paris konzeptionell bei Weitem. Diese greifen nämlich immer noch auf herkömmliche Konzepte zur Präsentation von Kunst zurück. Die drei Häuser in Lille aber zeigen, wie man Kunst vom 16. bis 21. Jahrhunderts ansprechend präsentieren kann – so zeitgenössisch und modern, dass man sogar bei blendend schönem Sommerwetter im Tripostal Scharen von Jugendlichen antreffen kann.

GUSTIEREN, VERKOSTEN, SHOPPEN UND BESTAUNEN

Schlafen: Novotel Suites Lille Europe
Boulevard de Turin, accor.com
Clarance hôtel, 32 rue de la Barre, www.clarancehotel.com
Regionale Leckerei: Cramique de Sucre, Rosinenbrot mit Zuckerkruste.

Shopping: Als die Altstadt renoviert wurde, zogen Luxusgeschäfte in die Haupteinkaufsstraßen Rue de la Monnaie und Rue de la Grande-Chaussée. Belgische Frauen sagen: „Was ich an Mode haben will, finde ich in Lille.“

Brauereien: Lille ist wegen des guten Biers bekannt. Vivat Factory 3 Place Gilleson; www.brasserieducateau.fr
Restaurants: Le Barbue d'Anvers, 1 rue du Curé St Etienne. lebarbuedanvers.fr
La Table (im Clarance hôtel)
32 rue de la Barre

Anschauen: La Vieille Bourse. Die 1653 errichtete Börse setzt sich aus 24 schmalen, hohen Häusern zusammen. Außerhalb Lilles: Villa Cavrois von 1931, ein Meisterwerk im Stil des Art Déco von Robert Mallet-Stevens, 60 Ave. du Président J. F. Kennedy, Croix, www.villa-cavrois.fr

Anreise: Wien–Paris u. a. mit Austrian oder Airfrance, ab Paris mit dem TGV, ca. eine Stunde Fahrzeit.