Russland: Europas stärkste Macht auf dem Schlachtfeld

The Russian Navy large landing ship
The Russian Navy large landing ship(c) REUTERS (MURAD SEZER)
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Vor 20 Jahren war Russlands Militär nach dem Zerfall der UdSSR zerlumpt. Doch das Land, das über Jahrhunderte die meisten seiner Kriege letztlich gewann, ist vielen Maßstäben zufolge heute wieder Europas größter Krieger.

Deutschland und seine Alliierten wie Italien, Finnland und Rumänien scheiterten in den 1940ern daran. Frankreich und seine Verbündeten, etwa Österreich, taten es 1812, Schweden und die Türkei im Lauf der Jahrhunderte sogar mehrfach: Das riesige Russland erwies sich in den meisten Kriegen mit europäischen und anderen Mächten als zu stark.

Klar: Weite und Wetter sind seine Freunde. Doch wie auch immer. Russland ist auch heute nicht nur das größte und einwohnerstärkste Land der EM-Teilnehmer, sondern auch militärisch auf Platz eins. 2015 reihte eine Studie der Credit Suisse über Militärstärke Russland global auf Rang zwei nach den USA. EM-Staaten wie Frankreich nehmen Rang sechs ein, Italien acht, Großbritannien (stellvertretend für die Qualifikanten England und Wales) neun, die Türkei zehn, Deutschland Rang 18. Die Studie ist zwar methodisch fraglich: Man hat die Zahl von Soldaten, Panzern, Fliegern, U-Booten und anderem Gerät nach unterschiedlichen Gewichtungen kombiniert, aber viele Faktoren wie Qualität und Ausbildungsniveau ignoriert, ebenso die Tatsache, dass etwa Schiffe bei Territorialkonflikten in Osteuropa weniger zählen als zum Beispiel im pazifischen Raum.

Dennoch sprechen die nackten Zahlen, wiewohl sie je nach Quelle schwanken und die Russen selten richtig Buch führen, für Russland: Das Militär im engeren Sinn (Heer, Flotte, Luftwaffe, Luftlande- und Raketentruppen) umfasste 2015 gut 800.000 Mann aktiv (Weltrang fünf) ohne Reserven und Kräfte etwa des Innenministeriums. Im EM-Vergleich folgen nach der Definition die Türken (510.000), Ukrainer (250.000) und Franzosen (220.000). Russland hat gut 2800 kampffähige moderne Panzer, die Türkei 1700, Griechenland 1200 und Polen 900. Auch bei vielem anderen Gerät wie Jets und Schiffen liegt Russland vorn. Just Italien hat mit den Flugzeugträgern Cavour und Giuseppe Garibaldi einen mehr als die Russen mit der Admiral Kusnezow.

Natürlich bedeuten Zahlen nicht zwingend Überlegenheit, können kleinere, aber qualitativ überlegene Streitkräfte größere schlagen. Doch Russlands Militär ist nicht mehr das von 1996, einem Tiefpunkt des Landes, als es in den Wirren nach dem Ende der UdSSR mit 1,7 Millionen Mann noch Europas größte Militärmacht war, aber so marod, dass der geringe Sold monatelang ausblieb, Fahrzeuge kaum Sprit hatten, Soldaten bettelten, Offiziere sich als Türsteher verdingten und man von „Elendsgestalten in Uniform“ sprach. 20 Jahre später sind die stark reduzierten Streitkräfte großteils modern gerüstet und die Männer motiviert. Ein enormes Rüstungsprogramm will mit mehr als 650 Milliarden Dollar 2011 bis 2020 unter anderem 800 neue Kampfflugzeuge, 18 Kreuzer und sechs Flugzeugträger finanzieren.

Das große Budgeträtsel

Die Höhe des reinen Militärbudgets ist indes schwer zu präzisieren. Zwar galt noch 2015 Großbritannien als führendes EM-Land (umgerechnet 56 Mrd. Dollar), doch nannte Russland für damals 83 Mrd. Dollar. Letztlich wird weniger geflossen sein, zehn bis 20 Prozent der Militärausgaben versickern in dunklen Kanälen, dazu gab es Wechselkursschwankungen, sodass westliche Beobachter die effektiven Ausgaben 2015 mit 43 bis 67 Mrd. Dollar ansetzen. Dafür ist wegen des geringeren Sold- und Preisniveaus aber auch mehr zu haben als im teuren Großbritannien. (wg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2016)

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