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Janosch: "Dein Vater kann dich nur totschlagen"

Janosch in der Wiener Galerie Augustin, wo noch bis 2. Juli seine Bilder zu sehen sind.
Janosch in der Wiener Galerie Augustin, wo noch bis 2. Juli seine Bilder zu sehen sind.Die Presse/Clemens Fabry
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Er schrieb gut 300 Kinderbücher – hatte aber selbst nie Kinder, weil man ihnen das Risiko des Lebens nicht zumuten könne: Autor und Illustrator Janosch über seinen Vater und seine noch größere Angst vor der Hölle,

Janosch sitzt in der Galerie Augustin an einem Schreibtisch und begutachtet eine dort klebende Post-it-Notiz. Die Schrift, meint er, deute auf eine ausgeprägte Sinnlichkeit des Schreibers hin.

 

Sie haben sich mit Grafologie beschäftigt?

Janosch: Ja.

 

Wann denn?

Als ich alles wissen wollte.


Wann war das?

Oh, schon ganz lang her. Wie alt bin ich denn jetzt? Also sagen wir vor 60 Jahren. Ich bin sogar in psychologische Vorlesungen gegangen. Ich wollte die Leute ein bisschen durchschauen.

 

Eigentlich wollte ich in das Gespräch mit meinem Lieblingszitat einsteigen, einer Frage aus dem „Zeit“-Magazin: „Herr Janosch, welches Haustier soll man sich anschaffen?“ Ihre Antwort war: „Ein Pferd. Es verbreitet eine gemütliche Stimmung. Und falls man mal schnell verschwinden muss, ist man damit flugs auf und davon.“ Was hat es mit den Pferden auf sich?

Mein Vater hatte ein Pferd. Er fing mit 13 zu arbeiten an, in der Grube unter Tage. Da wurde er lungenkrank, auch weil er schlecht ernährt war, und da sagte der Steiger: „Wenn du in der Grube bleibst, bist du in einem Jahr tot.“ Ab da arbeitete er als Kohlenfuhrmann. Als er dann so 15, 16 war, kaufte er ein Pferd auf dem Schlachthof. Wenn die Pferde nicht mehr ziehen konnten, wurden sie getötet und gefressen. Aber wenn man sie haut, laufen sie noch eine Weile weiter. Deshalb hänge ich mit Pferden zusammen – weil mein Vater immer von Pferden erzählte.


Mochte er sie?

Er behauptete es, er ging immer auf die Zigeunerwiese – aber ich glaube, er ging eigentlich wegen der Zigeunerinnen dort hin und nicht wegen der Pferde. Und ich ging mit. Also: Pferde sind für mich persönliche Geschwister.


„Die Geschichte von Valek dem Pferd“ war Ihr erstes Kinderbuch. Danach mussten Sie noch 20 Jahre warten, bis Sie Erfolg hatten. Warum haben Sie durchgehalten?

Ich kann nichts anderes. Ich hab mich da getäuscht. Ich hab gedacht, es sei keine Arbeit, ein Buch zu machen, da brauchte man sich bloß hinzusetzen. War ein Irrtum. War dann doch Arbeit.

 

Was ist es für ein Gefühl, dass Ihre Bücher weltweit in Kinderzimmern gelesen werden?

Ich hab noch nie daran gedacht. Ich weiß nicht, warum. Wenn ein Tischler einen Tisch macht, denkt er auch nicht darüber nach, was danach noch passiert. Hauptsache, der Tisch funktioniert.

 

Sie selbst haben nie Kinder gehabt. Absicht?

Ja. Ich möchte kein Kind sein, daher kann ich auch nicht anderen zumuten, ein Kind zu sein. Ich finde das Leben nicht so lustig. Es kann schiefgehen. Das Risiko ist zu hoch, für das Kind, nicht für den Vater.

 

Sie sind heuer 85 geworden. Wenn Sie zurückschauen, hat es sich doch ausgezahlt?

Bei mir ja. Manches lief nicht gut, aber das kann man wegschieben. Der Rest war dann doch gut.


Was war denn nicht gut?

Ach, dass ich andauernd operiert wurde. Und die Eltern. Die Jugend war Scheiße. Der Vater war ein Säufer, die Mutter war dumm. Also was heißt dumm, sie hatte keine Ahnung von nichts. Dann die Nazizeit . . . Ich konnte das dann aber umdrehen.

 

Wann – und wie?

Es ist irgendwas passiert . . . Ah ja, ich glaube, das hat sich umgedreht, als ich aus der Kirche ausgetreten bin. Da hab ich eingesehen, was das für ein Blödsinn ist, katholisch gewesen zu sein. Eine völlige Idiotie. Ab dem Zeitpunkt hat sich das Leben geändert.

 

Welchen Einfluss hatte die Kirche auf Sie?

Unheimliche Angst vor dem, was kommt. Eine ständige Angst: Wenn jetzt etwas passiert und ich hab keine letzte Ölung, dann komm ich in die Hölle. Ich war bis dahin ausgeliefert. Ab dann lebte ich sozusagen auf eigene Rechnung.

 

Vater, Nazis, Kirche. Vor wem hatten Sie die größte Angst?

Vor der Kirche. Alles andere kann man überwachen. Dein Vater kann dich schlimmstenfalls totschlagen. Aber bei der Kirche, da hat man überhaupt keine Übersicht. Man weiß nicht, was passiert. Es wird gesagt: „Du wirst auf ewig im Feuer brennen.“ Mir reichte es schon, wenn ich mir den Finger verbrannte.


Was glauben Sie jetzt, was danach kommt? Sonne, Tiere – und kein Gott?

Ich glaube, es ist dann zu Ende. Aber ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es eine Wiedergeburt, ohne dass man weiß, dass man schon einmal gelebt hat. Dass man als Schweinehund oder als Pferd wiedergeboren wird, das immer gehauen wird – das halte ich für möglich.

 

Welches Tier wären Sie dann gern?

Ein Tiger.

 

Woher kommt Ihre Faszination für die Tiger?

Eigentlich ausgelöst durch ein Gedicht von Rilke. Das mit den Stäben. Es beginnt damit, wie der Tiger zwischen den Stäben hin und her wandert. Müssen Sie mal googeln. (Die Suche führt zu Rilkes „Panther“: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/und hinter tausend Stäben keine Welt.“)


Der Tiger und der Bär landen bei Ihnen am Ende wieder zu Hause. Demnach müssten Sie in Polen oder Deutschland leben, jedenfalls nicht auf Teneriffa.

Ich kann ja irgendwann einmal wieder hingehen. Ich glaube, ich bin jetzt polnischer Ehrenbürger. Hat mir jemand erzählt. Ich weiß nicht, ob das stimmt.

 

Aber es reizt Sie eigentlich nicht.

Nein. Ich kenn das ja noch alles. Ich will das nicht wiedersehen. Mir würde dann wieder alles einfallen – wie mein Vater besoffen herumgetorkelt ist. Das will ich nicht wieder wissen. Und Deutschland mag ich nicht wegen des Wetters. Im Winter ist es da zu kalt.


Haben Sie Ihren Eltern heute verziehen?

Ja, ich nehm ihnen das nicht übel. Sie taten, was sie konnten.

 

Haben Sie versucht zu verstehen, wieso Ihr Vater zum Alkoholiker geworden ist?

Ja – ich kann auch verstehen, warum ich Alkoholiker gewesen bin.


Warum denn?

Ach, das hab ich schon wieder vergessen. Ich müsste drüber nachdenken, es ist schon so lang her. Wenn ich das nicht brauche, dann schick ich das weg. Und wenn mich keiner fragt, dann brauch ich das nicht.

 

Nennt Sie heute noch jemand Horst Eckert?

Ja leider. Ich vergess die Leute sofort.

 

Seit wann sind Sie auch privat Janosch?

Seit dem ersten Buch. (Wobei Karriere und Künstlername der Überlieferung nach auf einer Verwechslung beruhen, Anm.) Mein Vater hat zu mir immer Janek gesagt. Er konnte den Namen, auf den er mich getauft hatte, nicht leiden, der war eklig. Den konnte keiner leiden.

 

Und wieso hat er Sie so genannt?

Da er in der SA war, und da gab es einen Horst Wessel.

 

Haben Sie mit ihm je darüber gesprochen?

Nein. Wozu?

 

Ich habe gelesen, dass Sie eine Art von telepathischer Verbindung zu Ihrer Lebensgefährtin haben, sodass sie einkauft, worauf Sie Lust haben. Seither versuche ich das auch.

Das darf sie nicht wissen, sonst geht sie etwas anderes kaufen! Aber ich denk nicht so viel darüber nach. Wenn es funktioniert, gut. Wenn nicht, auch gut.


Denken Sie, dass es Menschen gibt, die eine spezielle Verbindung haben?

Das glaub ich, ja.

 

Haben Sie das auch mit anderen erlebt?

Ja. Aber ich habe mir das nicht gemerkt, weil es für mich nichts Besonderes ist. Oder doch, eines fällt mir ein. Ich hab mich einmal operieren lassen, ohne das jemandem zu sagen. Und gerade als die Narkose anfing, da kam meine Mutter an, und sagte, ich solle mich nicht operieren lassen, aber es war zu spät. So etwas kam oft vor.

 

Waren Sie eigentlich jemals in Panama?

Vom Präsidenten eingeladen, echt. Der hat den Flug bezahlt, ein Hotel zur Verfügung gestellt. Ich war im Palast und hatte eine Leibgarde dabei. Und er hatte eine schöne Frau, eine Schönheitskönigin. Und dann bekam ich einen Chauffeur, und er fuhr mich in den Urwald und zeigte mir Panama.

 

Und war es schön?

Ja, wahnsinnig. Aber als Freund vom Präsidenten ist es überall schön.

 

Herr Janosch, darf man Sie auch fragen...

1. . . was Sie machen, wenn Sie sich selbst auf die Nerven gehen?

Ist noch nicht vorgekommen. Dann würde ich einen trinken.


2. . . ob Sie sich schon einmal selbst mit einer Ihrer Lebensweisheiten getröstet haben?

Jeden Tag.


3. . . ob Sie das Leben mehr unheimlich oder mehr schön finden?

Es ist eine Mischung. Eigentlich mehr unheimlich. Ich glaube, ich hab den Trick gefunden, dass es nicht unheimlich ist. Aber wenn man ihn nicht findet, dann ist das schon eine Riesenscheiße hier.


4. . . was Ihr wichtigster Rat an Kinder ist?

Die Eltern nicht ernst nehmen. Ihnen ausweichen. Kommt drauf an. Es gibt ja auch vernünftige Eltern. Es gibt aber auch zu viele Idioten.

 

Steckbrief

Am 11. März 1931
wurde Janosch als Horst Eckert in Hindenburg O.S., heute Zabrze, in Oberschlesien geboren.

1946
flüchtete er mit seiner Familie nach Westdeutschland. Er besuchte u.a. einen Lehrgang für Textilzeichnen. Ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München musste er wegen „mangelnder Begabung“ abbrechen.

1960
erschien sein erstes Kinderbuch. Es war der Start einer Karriere mit über 300 Büchern, die in 40 Sprachen übersetzt wurden, Weltbestsellern wie „Oh, wie schön ist Panama“ (1978) oder „Post für den Tiger“ und berühmten Figuren wie der Tigerente.

Bis 2. Juli
ist in der Galerie Augustin die Ausstellung Janosch zum 85. Geburtstag zu sehen: Wien 1, Lugeck 3.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2016)