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Tenöre waren vor den Kickern im Stadion

LIVE AID CONCERT AT WEMBLEY STADIUM, LONDON , BRITAIN - 1985
Ob Kunst oder Sport, die Masse schaut, lauscht und grölt.NILS JORGENSEN / Rex Features / picturedesk.com
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Natürlich kann man in einem Stadion auch Fußball spielen. Gesungen hat man dort allerdings schon viel früher. Die Grenzen zwischen Musik und Sport waren für die Erbauer der ersten Stadien fließend.

Fußball, das ist die Sache mit den Opernsängern. Jedenfalls ist Belcanto mit der von den Massen adorierten Sportart eine Allianz eingegangen, die wiederum dafür gesorgt hat, dass unglaublich viele Menschen mit Arien konfrontiert wurden.

Zumindest mit einer Opernarie. „Nessun dorma“, die Arie des Prinzen Kalaf aus Puccinis „Turandot“, können seit geraumer Zeit auch Leute mitpfeifen, die nie ein Opernhaus von innen gesehen haben und die auch keine Ahnung haben, wer Giacomo Puccini war.

Es geht die Mär, dass die Oper von dieser unheimlichen Hochzeit mit dem Sport ungemein profitiert hätte. In einem Stadion zu singen, das scheint auch seriösen Musiktheaterstars plötzlich attraktiv.


Die Oper muss einen Monat lang spielen. Die Kollegen von der Pop- und Rock-Abteilung haben den Freiluftzauber schon lang für sich entdeckt. Immerhin erreicht man ja mit Auftritten in Stadien im Schnitt 60.000 Menschen live. Das ist, über den Daumen gepeilt, die Menge an Leuten, die ein Haus vom Format der Wiener Staatsoper im Monat besuchen.

Die Sache ist, versteht sich, auch höchst lukrativ. Wobei man sich allerdings auch verspekulieren kann. Paul McCartney, der gerade vorgestern im Münchner Olympiastadion triumphierte, musste vor einem Jahrzehnt ein Konzert aus dem Schalke-Stadion in eine kleinere Halle verlegen, weil der Veranstalter nur knapp 10.000 statt der veranschlagten 50.000 Eintrittskarten an den Mann bringen konnte.

Wenn die Rechnung aufgeht, zahlt es sich aber aus. Von Elīna Garanča bis Jonas Kaufmann singen die Stars gern unter freiem Himmel. Die Stones sollen in Zürich für ihren Stadionauftritt an die fünf Millionen Euro kassiert haben, die Devotionalienverkäufe noch gar nicht eingerechnet.


Ein Milliardenauditorium. Also muss doch auch die Oper, mussten einst Die drei Tenöre dem Fußball dankbar sein, dass er ihnen zur Weltmeisterschaft anno 1990 ein Forum gab und dass der Wettstreit der teuersten Klassikkünstler – Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und José Carreras – dermaßen einschlug. Die folgenden Weltmeisterschaften waren ohne das Trio nicht mehr denkbar. Auch wenn die Gagen des legendären ersten gemeinsamen Auftritts wohltätigen Zwecken zugutekamen, die Umwegrentabilität muss enorm gewesen sein. Immerhin war eine geschätzte Milliarde Menschen via TV damals dabei.

Auch bei den diversen Remakes dieses Events ging es offenbar um nicht zu vernachlässigende Summen. Auftritte der drei Tenöre führten zu Querelen und Klagen und hatten – nach einander widersprechenden juristischen Ansichten über die Umsatzsteuerpflicht – sogar Konsequenzen für das deutsche Steuerrecht.


Sport und Musik. Begonnen hat das alles übrigens gar nicht im Fußballstadion, sondern in den römischen Caracalla-Thermen. Und das führt unsere Erkenntnis vielleicht auch auf die rechte Spur: In Wahrheit trügt der Schein. Jedenfalls waren es nicht Fußballer, um derentwillen man Arenen gebaut hat.

Wiewohl der Sport auch bei den Altvordern, auf deren Humus die europäische Kultur gedeihen konnte, eine eminente Rolle spielte. Aber, wie heutige Marketingstrategen sagen würden, im Package mit Kultur: In der Hochphase der griechischen Antike fußte der Lehrplan auf drei Säulen: Lesen und Schreiben, Musik und Gymnastik.


Die Geburt des Schiedsrichters. Letztere wurde für die sogenannten Epheben dann Schritt für Schritt erweitert zur vielfältigen körperlichen Ertüchtigung für den militärischen Dienst in den Grenzgarnisonen. Die Führer der Stämme bestimmten dann – schon nähern wir uns den Fußballbräuchen – die Schiedsrichter, die die Ertüchtigungen des soldatischen Nachwuchses zu überwachen hatten.

Und die auch die ersten Spiele für Zuschauermassen arrangierten: Die Athener bestaunten den Fackellauf von Piräus ins Zentrum ihrer Stadt. Dieses Schauspiel krönte traditionsgemäß die Ausbildungsphase der jungen Männer. Die gesamte Bevölkerung nahm Anteil und säumte – die ersten Schlachtenbummler! – die Straßen.

Mangels Flutlichtanlagen wird man bei diesem nächtlichen Ereignis übrigens nicht viel mehr als das Ballett der tanzenden Lichter der Fackeln gesehen haben.

Sportlichen Wettkämpfen wohnte man bei Tag bei – und suchte bei fortschreitendem Verfall der Kultur nach immer grausamerem Nervenkitzel. Die Freude an der Schönheit vollkommen beherrschter körperlicher Bewegung wich der Lust am brutalen Kräftemessen. Um 200 v. Chr. delektierten sich die Griechen lieber an der rohen Gewalt von Boxkämpfen.

Vor allem: Das Ziel war längst nicht mehr die eigene sportliche Betätigung. Die Sache wurde zum Theater. Und sie verschwisterte sich mit diesem. In den riesigen Theaterbauten blühte zur Hochzeit der Kultur das Schauspiel, stets religiös konnotiert. Während der Dionysien wurde Theater gespielt. Den ganzen Tag lang. Drei Tragödien, ein Satyrspiel und eine Komödie. Man war live dabei; oder man konnte nicht mitreden – die Aufführungen wurden nur ein einziges Mal gezeigt. Wer sie versäumte, musste der Truppe nachreisen; ins Theater der nächsten größeren Stadt.


Die ersten Hooligans. Und weil es sich um eine Massenbelustigung handelte, wich die religiöse Komponente bald. Die Sitten verrohten, man raufte um Sitzplätze, man klatschte und grölte, bejubelte seine Favoriten, beschimpfte Darsteller, die einem unsympathisch waren. Getrampel galt als Protest – nicht wie heute in München oder Bayreuth als Applausverstärker – eine Vorstufe zum bis heute legendären Aktionismus: Auf dem Höhepunkt flogen faule Früchte, Oliven, Feigen, manchmal sogar Steine.

Und dann machten sich die Politiker mit der populären Sache gemein. Niemand Geringerer als Kaiser Nero nahm unter dem haltlosen Jubel seiner Untertanen im Jahr 59 in der Arena kniend, wie sich das für einen ordentlichen Schauspieler gehörte, den Applaus entgegen: Er trat als Harfenspieler und Sänger auf. Seine Lieder wurden zu Schlagern. Man sang sie auf der Straße! Ein ganz außerordentlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass die kaiserlichen Kompositionen ja nicht bis zur Besinnungslosigkeit in Radiohitparaden gesendet oder von Tonträgern abgespielt werden konnten . . .

Als anno 64 Rom brannte, soll der verrückte Kaiser, längst hatte er seine Göttlichkeit proklamiert, die Stadt in die größte Arena der Geschichte verwandelt haben, um vom Turm seines Palastes aus das selbst gedichtete Epos über den Untergang Trojas zu singen.


Kaiser Nero und die Oper. Er hätte auch Puccinis „Nessun dorma“ singen können, mit dem sieghaften „vincerò“ am Ende: Gesiegt hat der Künstler-Kaiser ja als Sportler – und zwar gleich in allen Bewerben der olympischen Spiele. „Nero Takes It All“, hieß das Motto.

Aber der Kaiser reüssierte nicht nur in sämtlichen sportlichen Disziplinen, sondern auch als Sänger. Heute trennt man nicht nur die athletischen Disziplinen fein säuberlich. Zuletzt sang zur Olympia-Eröffnung Anna Netrebko – und hatte vielleicht weniger Mühe, das Interesse eines Massenpublikums ganz auf sich zu fixieren, als weiland seine Majestät: Der Historiker Sueton berichtet indigniert, dass das Publikum während Neros Darbietung das Stadion nicht verlassen durfte. Manche sollen sich tot gestellt haben, um hinausgebracht zu werden. Sie ändern sich ja doch, die Zeiten.

Euro-Song

David Guetta
lieferte den offiziellen Song zur Euro 2016. Der französische DJ kreierte mit „This One's for You“ die Fußballhymne des Jahres. Die schwedische Sängerin Zara Larsson sang den Song bei der Eröffnungsfeier in Paris.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2016)