Die QInvest-Bank hat für Stettin und Danzig noch nichts überwiesen. Premier Tusk bekniet die Scheichs.
Warschau. Macht der ersehnte Retter aus dem Morgenland in letzter Sekunde einen Rückzieher? Seit einigen Tagen ist die Zukunft der polnischen Werften wieder mehr als ungewiss. Noch vor wenigen Wochen hat die Regierung in Warschau erleichtert verkündet, dass die Investmentbank QInvest aus Katar die Betriebe in Szczecin (Stettin) und Gdynia (Gdingen) übernehmen wolle. Doch noch immer ist kein einziger Cent des Kaufpreises von 381 Millionen Zloty (rund 85 Millionen Euro) geflossen. Nun geht die Angst um, dass sich der Investor wegen der globalen Wirtschaftskrise und der fast übermächtigen Konkurrenz aus China die Sache noch einmal überlege.
Der Verkauf der Werften ist auf Druck der EU-Kommission in die Wege geleitet worden. Brüssel hat von Polen verlangt, die drei Werften in Stettin, Danzig und Gdingen zu privatisieren, weil der polnische Staat die Standorte in den vergangenen Jahren mit mehreren Hundert Millionen Euro subventioniert hatte – nach Ansicht der EU-Kommission eine eklatante Wettbewerbsverzerrung. Das Werk in Danzig ist bereits an einen ukrainischen Investor verkauft worden.
An den Werften hängen nicht nur viele Tausend Arbeitsplätze, sie haben in Polen auch einen hohen symbolischen Wert. Die Betriebe waren die Keimzelle der Freiheitsbewegung gegen den Kommunismus in den Achtzigerjahren. Aus diesem Grund machte sich der polnische Regierungschef Donald Tusk persönlich auf den Weg, um die Probleme auf allerhöchster Ebene zu besprechen. Am Wochenende traf er sich mit dem Premierminister von Katar, Scheich Hamad Bin Jassim Bin Jabr Al-Thani, in dessen Urlaubsresidenz in Nizza. Die Regierung möge doch Druck auf den Investor ausüben, das fehlende Geld zu überweisen.
Arbeitsplätze gegen Flüssiggas
Donald Tusk stieß offensichtlich auf offene Ohren. Er werde sich der Sache annehmen, versprach Al-Thani. Doch gab er zu bedenken, dass nicht die Regierung von Katar, sondern ein privater Investor die beiden Werften gekauft habe – und der Staat werde sicher nicht für QInvest als Geldgeber einspringen. Aber, so wird in Polen spekuliert, der Einfluss des Premiers von Katar reiche weit, und es handle sich gewissermaßen um eine Familienangelegenheit. Er ist nämlich ein Cousin des unumschränkten Herrschers von Katar, Scheich Hamad ibn Dschasim ibn Dschabir Al-Thani, dessen Sohn wiederum die Investmentbank QInvest leitet. Die Verantwortlichen in Warschau hoffen nun, dass das Geld in den nächsten Tagen überwiesen wird. Nächster Stichtag ist der 17. August.
Man sei guter Dinge, dass alles glatt über die Bühne gehe, denn der Premier aus Katar habe sich sehr viel Zeit für seinen Kollegen aus Polen genommen, war aus Regierungskreisen zu erfahren. Grund dafür sei auch gewesen, dass Katar nicht nur an den Werften Interesse gezeigt habe. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern solle weit darüber hinaus ausgedehnt werden, hieß es nach dem Treffen. Vereinbart wurden bereits die Lieferungen von jährlich einer Million Tonnen Flüssiggas aus Katar nach Polen. 2014 sollen die ersten Schiffe an einem neuen Gasterminal in Swinoujscie (Swinemünde) anlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2009)