Im Sternenstädtchen hängt der Himmel schief. Der Stadtchef ist in Untersuchungshaft.
MOSKAU. Das sogenannte „Sternenstädtchen“ 25km außerhalb von Moskau war immer schon ein ungewöhnlicher Ort. Nirgendwo war die atheistische Sowjetunion dem Himmel näher als hier. Nirgendwo freilich auch dem irdischen Ruhm. Wer zur Ehre der Sowjets ins Weltall flog, wurde hier trainiert und ausgebildet. Wer der russischen Raumfahrt nach dem Fall der Sowjetunion als Weltraumtourist Dollarmillionen bringen sollte, ebenso.
Um unter sich zu sein, hatten die ersten Kosmonauten schon vor gut 40Jahren ihren Wohnsitz gleich neben das Trainingsgelände verlegt. Hermetisch durch einen Zaun sowie strenge Wachposten von der Außenwelt abgeriegelt und über sich nur den Himmel – so leben noch heute über 8000 Menschen hier. Ein Teil von ihnen in der Raumfahrt beschäftigt, viele von ihnen Helden der Nation.
Als „Held“ der Gegenwart in die Geschichte einzugehen dürfte derzeit Nikolaj Rybkin. Seit über 30 Jahren wohnt der gebürtige Ostukrainer im Sternenstädtchen. Zuvor hatte der heute 62-Jährige die Ausbildung in der KGB-Kaderschule durchlaufen, war Pilot in der Jagdfliegerstaffel, nahm an Geiselbefreiungen in Afrika teil und riskierte schon mal Stichwunden, als er im Urlaub einen bewaffneten Verbrecher stellte. Im Sternenstädtchen war Rybkin als Spezialist der Spionageabwehr später Vizechef des Ausbildungszentrums für Raumfahrer. Seit 24.Juni dieses Jahres sitzt er in Untersuchungshaft. Und versucht daher, aus dem Kittchen über seine Stellvertreter die Geschicke des Städtchens zu lenken.
Zuerst inhaftiert, dann gewählt
Rybkin ist Bürgermeister. Zumindest de iure. Mit satten 82,6% gewählt am 27.Juni, drei Tage nach seiner Inhaftierung. Der erste Bürgermeister in der Geschichte des Sternenstädtchens, das erst im Jänner 2009 aus der Verwaltung des Verteidigungsministeriums ausgegliedert wurde. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Betrug, sprich Schmuggel chinesischer Produkte in Höhe von 321.000Dollar, vor. Laut Auskunft der Zeitung „Wedomosti“ soll eine von Rybkin mitgegründete Stiftung bis vorigen September 19,65% an einer Zollbrokerfirma gehalten haben. Eine Durchleuchtung der Firma habe keine Unregelmäßigkeiten ergeben.
Für die Bewohner des Sternenstädtchens ist indes klar: Ihr Liebling Rybkin wurde im Zuge der Bürgermeisterwahlen hinter Gitter gebracht, weil er einem anderen Kandidaten in die Quere kam. Dieser andere, ein gewisser Nikolaj Jumanov, ist Politikberater und ein Protegé der dominanten Kreml-Partei „Einiges Russland“. Emissäre der Gebietsverwaltung hätten vor der Wahl zu verstehen gegeben, dass Jumanov den Job bekommen müsse, heißt es aus Rybkins Stab.
Es wäre nicht zum ersten Mal, dass die russischen Machthaber die Notbremse ziehen, wenn jemand ungebeten um die vordersten Plätze mitspielen will. In den vergangenen Monaten ist der Staatsapparat dabei kleinlicher geworden und hat – nicht zuletzt wegen Vertrauensverlusten durch die Wirtschaftskrise – auch vermehrt auf der Kommunalebene eingegriffen. Die Notbremsung auf der Mikroebene des Sternenstädtchens indes zeige eine neue Stufe der Gereiztheit, meint ein Kommentator bei „Wedomosti“: Es sei, als ob beim Fußball Torraub begangen würde, indem man Kampfflugzeuge gegen den Stürmer aufsteigen lässt und mit Maschinengewehren auf ihn schießt.
Kosmonauten intervenieren
Die Bewohner des Kosmonautenstädtchens schießen zurück. Der Kosmonautenbund hat Präsident Medwedjew um Intervention gebeten, weil ohne Rybkin das Sternenstädtchen wirtschaftlich und sozial gefährdet sei. Rybkin selbst will seine Unschuld binnen drei Monaten beweisen. Es ist jene Frist, in der ein Bürgermeister de iure sein Amt auch de facto antreten muss.
AUF EINEN BLICK
■Das Sternenstädtchen außerhalb Moskaus mit all den Aus- bildungszentren für Raumfahrer war bis Anfang 2009 dem Verteidigungsministerium unterstellt. Nun ist die Kosmonautensiedlung eine eigene administrative Einheit. Nikolaj Rybkin, früherer Vizechef des Zentrums für Raumfahrer, ist der erste Bürgermeister des Sternenstädtchens.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2009)