Schlau - und manchmal grausam: Jaime Lannister

„Game of Thrones“ Staffel sechs, Folge acht

„No One“ stellt Fragen nach der Moral – aber in „Game of Thrones“ sind diese nicht einfach zu beantworten.

Spoiler-Warnung: In diesem Episodenblog wird die Handlung der jeweils beschriebenen "Game of Thrones"-Folge verraten.

Und schon wieder erklingt „The Rains of Castamere“ in einer Burg (ehemaliger) Stark-Treuer. Der Handlungsstrang in Riverrun, der in „No One“, der achten Folge der sechsten Staffel „Game of Thrones“, vermutlich sein Ende fand, stimmt mich traurig. Jaime hat Edmure Tully mit seiner feurigen Liebeserklärung an Cersei überzeugt, die heimatliche Burg aufzugeben. Objektiv betrachtet ist das gar nicht so unschlau. Denn die Belagerung von Riverrun kann nicht ewig dauern, auch wenn Brynden „Blackfish“ Tully das gerne so hätte. Am Ende wären die Tullys vermutlich allesamt tot – und die Freys bekämen erst recht deren Burg. Edmure mag so gesehen vielleicht das Richtige getan haben, um seinen Familienzweig zu retten – damit eben nicht der Regen in leere Hallen fällt, wo ihn niemand hört.

Man vergisst gerne, zu welchen Grausamkeiten auch der so nett wirkende Jaime fähig ist. Erst schäkert er noch ein wenig mit Brienne (als die beiden im Zelteingang standen, dachte ich wirklich kurz, sie küssen sich gleich). Aber er erinnert uns in der Folge auch an seine dunkle Seite. Freimütig gibt er zu, dass Riverrun die Belohnung für die Freys für das Red-Wedding-Massaker an der Familie Stark ist. „The things we do for love“, wiederholt Jaime später im Gespräch mit Edmure. Denselben Satz sagte er auch in der ersten Folge, bevor er Bran Stark aus dem Fenster stieß. Er würde also alles für Cersei tun, so wie Cersei und Catelyn alles für ihre Kinder tun würden bzw. getan hätten. Koste es, was es wolle.

Podrick Payne zu Brienne: ''Looks like a siege, Mylady.''
Podrick Payne zu Brienne: ''Looks like a siege, Mylady.''(c) HBO

Dass der Blackfish auf Briennes Angebot eingehen und mit ihr in den Norden hätte reiten sollen, um Sansa Stark dabei zu helfen, Winterfell zurückzuerobern, haben wir doch gleich gewusst. Sansa und Jon Snow können weiß Gott jeden Ritter gut brauchen. „Not everyone wants to die for someone else's home“, meint der Blackfish. Dann schon lieber daheim sterben mit einem Schwert in der Hand. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen: Ich gehe davon aus, dass er sich nicht zum Narren gemacht hat.

Angesichts dieser Folge frage ich mich: Gibt es Gerechtigkeit in Westeros?

Wer die Dinge „richtig“ macht (der Tully-Kommandant, der der Befehlskette folgt; Brienne etc.), scheitert oder wird bestraft. Wer jene hintergeht, denen er die Treue geschworen hat, und das Gastrecht aufs Ärgste missachtet, wird belohnt (die Freys, Lannisters). Da passt, was Bronn dem ehemaligen Knappen seines ehemaligen Chefs Tyrion, Podrick Payne, beibringt: Was nutzen all die Schwertkünste, wenn dich jemand von hinten niederstreckt?!

Brynden ''Blackfish'' Tully
Brynden ''Blackfish'' Tully(c) HBO/HELEN SLOAN

„Cold winds are rising in the North“

Trotzdem: Irgendwann wird es Rache geben für die Red Wedding, da vertraue ich auf George R.R. Martin, der schon einen Sinn für Gerechtigkeit hat. Das zeigt die Episode um die Brotherhood Without Banners. Ich habe mich schon gewundert, warum die Bruderschaft mordend und plündernd durch die Lande zieht, hat sie doch einen Ehrenkodex. Der wurde - von ein paar Abtrünnigen - nun deutlich übertreten.

Die Anführer der Truppe, Beric Dondarrion und Thoros of Myr, sind schon dabei, die Mörder aus den eigenen Reihen zu betrafen, als Sandor The Hound Clegane mit der Axt in der Hand zu ihnen stößt. Statt eines blutigen Massakers gibt es einen Überredungsversuch: Der Hound soll sich ihnen anschließen und nach Norden ziehen. „Cold winds are rising in the North. We need good men to help us“, weiß Beric. Immerhin: der Hound darf einen aktiven Part beim Hängen der Bösewichte, darunter der gelb gewandete „Lemoncloak“, spielen.

In der vergangene Woche habe ich mich beim Hound übrigens vertan: Die von mir zitierte Theorie sah ihn nicht bei der Brotherhood, sondern bei Priestern der Sieben. Ich fand immer, dass er gut zur Brotherhood passen würde. Ob er wirklich Richtung Norden geht, werden wir sehen.

Kein „Trial by Combat“, kein „Cleganebowl“

Eine andere beliebte Theorie hätte ihn nämlich im Süden gesehen, in King's Landing. Dann hätte er als Champion für den High Sparrow in Cerseis Prozess antreten können – und damit gegen seinen Bruder Gregor The Mountain/Zombie Clegane. „Cleganebowl“ wird diese Theorie genannt.

Doch es wird keinen „Trial by Combat“ für Cersei oder Loras Tyrell geben. Tommen, der König mit der kindlich hohen Stimme, schafft diese Möglichkeit ab. Wieder eine Niederlage für Cersei. Dabei hatte sie endlich wieder gelächelt! Nämlich, als der Mountain einem militanten Glaubensbruder den Kopf abgerissen (!) hat.

Cersei hat keinen Grund zu lächeln mehr
Cersei hat keinen Grund zu lächeln mehr(c) HBO/HELEN SLOAN

Von welchem Gerücht sprachen Cersei und Qyburn? Von dem Wildfire? Es soll ja noch viel von dem hochentzündlichen Stoff unter der Hauptstadt lagern. Würde Cersei tatsächlich die Stadt abfackeln, um den High Sparrow auszuschalten und sich zu rächen? Nicht, wenn sie damit ihren Sohn gefährden könnte, glaube ich.

Action mit Arya

In Braavos spielt Lady Crane erneut die trauernde Cersei - bei ihrer Darstellung ist nicht nur das Theaterpublikum nahe dran, Tränen zu vergießen, selbst für Joffrey. Die Frau hat noch andere Fähigkeiten, nämlich die Verarztung von Stichwunden. Mütterlich versorgt sie die schwer verletzte Arya, die zu ihr geflohen ist. The Waif findet sie dort trotzdem – und Lady Crane scheidet aus dem Stück aus.

Die anschließende Verfolgungsjagd zeigt, wieso ich „Game of Thrones“ mag: Nach sechs Staffeln fällt ihnen immer noch was Neues ein – selbst bei der Action. Das ist keine Schlacht, kein effektvolles Duell, sondern eine clever choreografierte (Freerunning) und cinematografisch gut umgesetzte (die Fruchtkörbe!) Sequenz. Den abschließenden tödlichen Kampf sieht man gar nicht – nur eine Kerze wird gelöscht. Well done, „Game of Thrones.“ Wobei viele The Waif gerne hätten sterben sehen.

Ein neues Gesicht für die Hall of Faces: The Waif
Ein neues Gesicht für die Hall of Faces: The Waif(c) HBO

Der Titel der Folge, „No One“ bezieht sich natürlich auf Arya. Jaqen H'ghar sieht ihre Ausbildung als abgeschlossen an. „Finally a girl is no one“, sagt er. Aber das Mädchen sieht das anders: „A girl is Arya Stark of Winterfell!“ Warum werde ich den Verdacht nicht los, dass er das genau so geplant hat?

Wein und Witze in Meereen

In Meereen zeigt sich wieder einmal, dass Tyrion seiner Schwester Cersei ähnlicher ist, als er es gerne hätte (oder sie). Er ist dabei, denselben Fehler zu begehen. „You made a pact with fanatics“, wirft ihm Varys vor. In einem Fall mit dem High Sprrow, im anderen mit den Roten Priesterinnen. Konsequenzen hat dieser Pakt für Tyrion derweil aber noch nicht. Er muss sich aber von Varys verabschieden, der offenbar nach Westerso zurück will – die Szene ist fast ein wenig sentimental. Tyrion wirkt ein bisschen verloren in Essos – in seiner gewohnten Umgebung ist er besser aufgehoben. Auch wenn er Missandei und Grey Worm beinahe dazu bringt, locker zu werden. Aber dann landen Schiffe im Hafen. Es sind nicht jene von Theon und Yara Greyjoy, sondern jene der Sklavenhalter. „The Masters have come for their property“, weiß Missandei. Wie war das nochmal mit dem Waffenstillstand? Rettung naht – von oben, denn da landet etwas auf dem Dach und plötzlich steht Königin Daenerys vor dem Trio. Und sie hat einen „Kinder, was habt ihr angestellt?“-Blick drauf. Das gibt Schelte!

Bemerkungen:

  • Auch Arya ist auf dem Weg nach Winterfell: Wenn dann vier Starks in der Heimatburg sind (Jon, Sansa, Rickon und Arya), geht „Game of Thrones“ dann wieder von vorne los?
  • Der Einsatz der Milk of the Poppy – also Opium - war sehr auffällig. Ich hoffe mal, Arya wird kein Junkie. Schließlich sind wir hier bei „Game of Thrones“, nicht bei einer Seifenoper!
  • Tyrion Lannister träumt davon Winzer zu werden und hat auch schon einen Namen für seine Schöpfung: „The Imp's Delight“.
  • Für jene, die auf einen Auftritt von Lady Stoneheart hofften: Die Rückkehr von Thoros of Myr und BEric Dondarrion macht diese sehr unwahrscheinlich, fürchte ich.

Zitate der Woche:

  • Lady Crane zu Arya: „If my soup didn't kill you, nothing will.“
  • The Hound (überhaupt immer gut für Sager): „You're shit at dying, you know that?“
  • Brienne zum Blackfish: „Don't fight for pride when you could fight for your blood.“
  • Arya: „What's west of Westeros? I'd like to see that.“ Ein mögliches Spin-Off vielleicht?

 

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Redaktioneller Hinweis: Die aktuellen "Game of Thrones"-Folgen werden der Autorin vom Sender Sky zur Verfügung gestellt, der die Serie in Österreich zeigt.