Hunde entstanden mehrmals im Westen und Osten Eurasiens

Wo kommen die Hunde ursprünglich her? Wie so oft in der Wissenschaft endet ein Schulenstreit in einer Synthese.

Seit Jahrhunderten bewegte Menschen die Frage nach dem Ursprung des Hundes. Das Rätsel wurde nun in groben Zügen von einem Konsortium um Laurent Frantz von der Universität Oxford gelöst. Ihre Ergebnisse lösen den Schulenstreit der vergangenen Jahre zwischen US-amerikanischen und skandinavisch-chinesischen Forschungsgruppen.

Die einen legten nämlich Belege dafür vor, dass Hunde mehrmals unabhängig vom heutigen Europa bis Zentralasien aus Wölfen entstanden. Und zwar schon vor etwa 35.000 Jahren, zeitgleich mit dem Auftauchen der großen Mammutjägercamps. Die anderen wiederum wiesen nach, dass Hunde vor etwa 15.000 Jahren im südöstlichen Asien, in einem Gebiet südlich des großen chinesischen Stromes Yangtse, entstanden sein müssten.

Die neuen Erkenntnisse beruhen auf einem Vergleich der Gensequenzen von sechzig 14.000 bis 3000 Jahre alten Hunden – darunter ein fast 5000 Jahre alter aus einem Grab in Irland – mit denen von 685 „modernen“ Hunden. Den Hund aus Irland kann man sich als wolfs- beziehungsweise spitzähnlichen Dorfhund vorstellen.

Tatsächlich stellte sich damit heraus, dass Hunde mehrmals, sowohl im westlichen Eurasien, später aber in einem großen Domestikationsereignis auch im südöstlichen Asien entstanden sein mussten. Wie so oft in der Wissenschaft endet damit ein Schulenstreit in einer Synthese.

Man brachte das Entstehen der südostasiatischen Hunde aus dortigen Wölfen immer wieder in Zusammenhang mit dem sehr frühen Sesshaftwerden und der damit verbundenen verstärkten Selektion auf Zahmheit.

Wie der russische Genetiker Dmitrij Belajev am Beispiel seiner Forschungen zu Silberfüchsen zeigte, reicht eine Selektion auf Menschenfreundlichkeit aus, um kleine und große, einfarbige und bunte, stumpf- und langschnäuzige, hängeohrige, ringelschwänzige etc. Füchse entstehen zu lassen.

Bei Hunden stellt man sich die Entwicklung ihrer Vielfalt aus dem Wolf ähnlich vor. Diese „neuen Hunde“ verbreiteten sich mit den Menschen relativ rasch über die ganze Welt. Sie kamen bald auch ins westliche Eurasien, wo sie die Gene der dortigen, viel älteren Hunde nahezu vollständig verdrängten.

Dabei kam es – ähnlich wie bei den Vorfahren des Menschen während ihrer Auswanderung aus Afrika – zu einem „genetischen Flaschenhals“. Dies erklärt, warum moderne Hunde genetisch nicht allzu vielfältig sind.

Spärliche genetische Reste der früh domestizierten Hunde finden sich übrigens noch in manchen nordischen Rassen, wie etwa Eurasier, Grönländer oder Husky, die alle eine Mischung aus alten europäischen und neuen ostasiatischen Genen aufweisen. In allen modernen Hunderassen sind aber fast ausschließlich die ostasiatischen Gene zu finden.

Nahezu weltweit stellten die ostasiatischen Hunde die Dorfmeute der mehr oder weniger Sesshaften, einschließlich die verschiedenen asiatischen Dingos und die afrikanischen Basenjes. Aus diesen Dorfhunden entstanden die mittelalterlichen Jagd- sowie Wachhundetypen – und seit etwa 170 Jahren durch gezielte Zucht sämtliche unserer Hunderassen.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Universität Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2016)


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