Egal ob Tschetschenien oder Dagestan. Die russische Problemregion versinkt immer mehr im Blut. Jüngstes Opfer: eine Menschenrechtlerin.
Moskau. Es war helllichter Tag, 14Uhr, in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Drei Leute in Zivil kamen am Montag ins Büro der Menschenrechtsaktivistin Sarema Sadulajewa. Möglicherweise haben sie sich unverdächtig gegeben. Sadulajewa und ihr Mann Alik Dschabrailow nämlich hätten sich „freiwillig und ohne Gewalt ins Auto“ der drei gesetzt, sollten Augenzeugen später zu Protokoll geben.
Kurze Zeit später war das Paar von Kugeln durchsiebt. Dienstag früh wurde es im Kofferraum in einem Vorort Grosnys gefunden.
Sadulajewa hatte mit ihrer Stiftung „Retten wir die Generation“ vor allem den Kindern unter den Kriegs- und Minenopfern in Tschetschenien geholfen. Und damit Menschenrechte verteidigt wie ihre berühmte Kollegin Natalja Estemirowa – auch die war vor einem Monat am helllichten Tag in Grosny entführt und erschossen worden. Er werde die Ermittlungen der russischen Staatsanwaltschaft mit allen Mitteln unterstützen, hatte der gefürchtete tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow damals gesagt, nachdem die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ ihn als Hintermann der Ermordung beschuldigt hatte.
Der Mord ist bis heute nicht geklärt. Stattdessen hat Kadyrow dieser Tage Estemirowa in einem Interview posthum erniedrigt. Sie sei eine Frau gewesen, die niemand brauchte, sagte er: „Eine Frau ohne Ehre und Gewissen.“
Der Zynismus in Tschetschenien wird immer salonfähiger, die Morde werden häufiger und undurchsichtiger. Allein in der ersten Woche nach der Ermordung Estemirowas wurden sieben Menschen entführt, wie „Memorial“ in ihrem Monitoring feststellte.
„Situation ist außer Kontrolle“
In den ersten sieben Monaten des Jahres verschwanden laut offiziellen Angaben 35 Personen; fünf wurden tot aufgefunden. „Gewalt gegen zivile Aktivisten ist gängige Praxis“, meint die Chefin der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmila Alexejewa. „Die Situation ist einfach völlig außer Kontrolle“, sekundiert Alexandr Brod vom Moskauer Büro für Menschenrechte.
Dabei wollte Moskau am 16. April Tschetschenien Normalität attestieren, indem es zur Freude Kadyrows die „antiterroristische Operation“ offiziell beendete und damit die relative Ruhe nach Jahren roher Gewalt und die Fortschritte beim Aufbau honorierte. „Natürlich gibt es Kriminalität, auch Morde und Explosionen, aber das gibt es überall. Wir müssen das bekämpfen, damit es bei uns besser ist als bei anderen“, sagte Kadyrow Ende April im Exklusivinterview mit der „Presse“, in dem er jegliche Schuld an Ermordungen von Exiltschetschenen – etwa in Wien – von sich wies.
Kaum Fahndungserfolge
Wer in Tschetschenien in wessen Interesse mordet, ist in Ermangelung von Ermittlungserfolgen weitgehend undurchsichtig. Dass sich auch die Rebellen wieder Raum verschaffen, zeigt sich in den noch gefährlicheren Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan: Am Dienstag wurde in Dagestan der Journalist Malik Achmedilow erschossen aufgefunden. Die Region bleibt Russlands Brandherd Nummer eins: Im ersten Halbjahr wurden bei mehr als 300 Anschlägen über 100 Polizisten und Zivilisten getötet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2009)