Automobil: Russland entdeckt die Schrottprämie

Ab Jänner sollen alte Westautos verschwinden, wünscht sich die Autobranche.

Moskau. Wenn Expräsident Wladimir Putin seine Gäste unterhalten wollte, setzte er sie mitunter in einen PKW sowjetisch-russischer Provenienz. US-Amtskollege George W. Bush etwa nahm 2005 in einem vormodernen Wagen der Marke Wolga Platz – und tourte sichtlich vergnügt aus der Moskauer Gegenwart in die russische Vergangenheit. Ebendorthin, auf den Müllhaufen der Geschichte, sollen bald alle alten Autos von Russlands Straßen verschwinden.

Das wünschen zumindest die russischen Autobauer, die neue Absatzmöglichkeiten suchen. Und so sieht es ein Konzept, das eine von der Regierung eingesetzte Arbeitsgruppe soeben verabschiedet hat, vor, wie die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ am Mittwoch berichtete.

Konkret geht es um jene Fahrzeuge, die älter als zehn Jahre sind und sich seit mindestens einem Jahr im Eigentum des Besitzers befinden. Wer sich von seinem russischen oder ausländischen Wagen trennt, erhält einen Gutschein von 50.000 Rubel (etwa 1100 Euro) für den Kauf eines neuen Fahrzeugs. Das Industrieministerium rechnet damit, dass die Aktion bereits mit 1. Jänner 2010 starten könnte.

Automarkt halbiert sich

Mit der Idee einer Abwrackprämie setzt nun auch der zweitgrößte Automarkt Europas auf vergleichbare Ideen aus anderen Teilen der Welt. Die USA haben sich kürzlich zu einer ähnlichen Aktion entschlossen. Deutschland führte zu Jahresbeginn eine Abwrackprämie ein, Österreich im April.

In Russland ist der Automarkt katastrophal eingebrochen. Nachdem das Land im Vorjahr zum zweitgrößten Automarkt Europas aufgestiegen war, ging der Verkauf laut der Association for European Businesses heuer in den ersten sieben Monaten um 50 Prozent auf 879.144 Fahrzeuge zurück.

Der Boden ist damit erreicht, meinen Marktexperten. Man hofft weiter auf Belebung durch Krisenbekämpfungsmaßnahmen. Nach einer erfolglosen Erhöhung der Schutzzölle gegen den Autoimport hat die Regierung zuletzt die Zuschüsse bei Autokrediten erhöht. Mit den gestützten Krediten können Autos im Wert von bis zu 600.000 Rubel erworben werden.

Im Unterschied zum Kreditprogramm ist der Autokauf mit der Abwrackprämie preislich nicht limitiert. Wie Kritiker anmerken, wird das Programm höchstens die Nachfrage nach billigen Autos russischer Produktion ankurbeln und am ehesten in der weniger anspruchsvollen russischen Provinz angenommen werden. Stanley Root, Autoexperte bei PricewaterhouseCoopers, hält die Initiative für aussichtsreich. Das Potenzial sei groß, in Russland seien mehr als die Hälfte aller Autos älter als zehn Jahre, meint er. Laut offizieller russischer Statistik sind 14,7 Millionen Autos davon betroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2009)

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