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1939: Sterben für Danzig?

Wachsfigur von Adolf Hitler bei Madame Tussaud
(c) AP (Markus Schreiber)
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Europa, Mitte August 1939. Hitlers Nervenkrieg gegen Polen und die sensationelle Wende in Moskau.

Europa, Mitte August 1939. Wem die Freie Stadt Danzig hoch oben an der Ostsee bisher nur ein vager Begriff war, der lernt jetzt rasch nach. Um die wichtige Hafenstadt an der Ostsee tobt ein Nervenkrieg, den Adolf Hitler beharrlich und stetig steigert.

Danzig. Einst eine Hansestadt, vom Deutschen Orden geprägt, ist seit dem Ersten Weltkrieg eine „Freie Stadt“, also weder Polen noch dem Deutschen Reich zugehörig. Die Stadt ist 1892 Quadratkilometer groß, zählt 400.000 Einwohner. Die sind zu 95 Prozent deutsch und in der Mehrzahl evangelisch. Es gibt zwei polnische und acht deutsche Zeitungen. Eine, der „Danziger Vorposten“, ist nationalsozialistisch. Ebenso die Mehrheit im Danziger Senat, also dem Regierungsgremium der Freien Stadt. Es gibt eine eigene Staatsbürgerschaft, eine eigene Währung, sogar Briefmarken. Die Post wird von den Polen besorgt, ebenso der Zoll.

 

Danzig & Gdingen

Danzig ist für Polen und für Deutsche gleichermaßen ein wichtiger Handelsplatz. Der Hafen mit den mächtigen Getreide- und Zuckerspeichern zeugt ebenso davon wie zwölf vollbeschäftigte Reedereien. Unweit davon hat der junge polnische Staat den Hafen von Gdingen großzügig ausgebaut – er zählt zu den modernsten Anlagen in der Welt. Und dann ist da noch ein polnischer Munitionshafen, nördlich von Danzig, fast noch im Stadtgebiet. Die „Westerplatte“. Sie sollte am 1.September 1939 in die Weltgeschichte eingehen.

Die Stadt Danzig soll „heim ins Reich“, zu Ostpreußen zurückkehren. Das sei – so Hitler – seine allerletzte Forderung an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Dann erst sei die Revision des Versailler Friedensvertrags restlos erfüllt.

 

Ribbentrops Fehleinschätzung

In allen bisherigen Vorstößen Großdeutschlands haben die Westmächte letztlich dem „Führer und Reichskanzler“ nachgegeben: die Heimkehr des Saarlandes“, Österreichs „Anschluss“ 1938, die Einverleibung der Sudetengebiete, die Errichtung des „Protektorats“ über die restlichen Gebiete Böhmens, die „Rückkehr“ des Memellandes. Auch diesmal werde weder Frankreich noch England zu den Waffen greifen, ist man in der Berliner Reichskanzlei überzeugt. Die Briten schon gar nicht – davon ist der Außenminister Joachim von Ribbentrop zutiefst überzeugt. Wozu war er schließlich deutscher Botschafter in London? Er meint, die Engländer zu kennen. Und Hitler, der keinerlei Auslandserfahrung besitzt, keine Fremdsprache beherrscht, aber das britische Empire bewundert, er vertraut diesem Blender.

Im Alltagsleben ist die Stadt Danzig längst ein Teil des Deutschen Reichs. Die Gestapo agiert ganz offen, der „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler, weilt inkognito in der Stadt. Es wimmelt von Militär, im August des Schicksalsjahres 1939 erhalten viele Danziger ihren Einberufungsbefehl.

 

Illusionen in Polen

Paris, London, Warschau, Berlin: Zwischen den Staatskanzleien herrscht diplomatischer Hochbetrieb. Die NS-gesteuerten Zeitungen berichten täglich über neue Gräueltaten der Polen an der deutschen Bevölkerung. Die Polen sind ihrerseits auch nicht zimperlich. Sie wissen England und Frankreich als Verbündete auf ihrer Seite. Und die polnischen Militärs hängen einer unglaublichen Schimäre nach: Sollte Berlin es wagen, in Polen einzufallen, so werde man innerhalb weniger Wochen die deutsche Reichshauptstadt erobert haben, glauben sie in völlig irrealem Nationalstolz.

Aber wie wird sich der übermächtige Nachbar im Osten, die Sowjetunion, verhalten? Die Beziehungen zu Polen waren in den vergangenen Jahren vielen Hochs und Tiefs ausgesetzt, brüderlich sind die Gefühle keinesfalls. Gelingt den Westmächten eine Zusage des Kremls, den ungeteilten Bestand Polens zu garantieren? Auch militärisch? Aber wie soll das funktionieren, wenn sich die Polen – sie sind gebrannte Kinder – strikt weigern, sowjetische Truppen auf ihr Territorium zu lassen? Das Bemühen des demokratischen Westens ist klar: Dann hätte Hitler im Ernstfall mit einem Zweifrontenkrieg zu rechnen, den er schon in seinem Buch „Mein Kampf“ als Wahnsinn hingestellt hat.

 

Stalins Kehrtwende

Der Schlüssel liegt nun bei Josef Stalin. Während der Kreml-Herr eine Militärdelegation der Westmächte tagelang hinhält, signalisiert er am 21. August völlig unvermittelt den Nazis in Berlin, ein Bündnis zwischen den beiden ideologischen Todfeinden wäre durchaus möglich. Und zwar sofort.

Stalin akzeptiert Hitlers Offert, seinen Reichsaußenminister Ribbentrop unverzüglich in Marsch zu setzen – am 23.August möge sich dieser in Moskau einfinden. Einen Augenblick lang soll Hitler erwogen haben, selbst nach Moskau zu fliegen. „Ich setze alles auf eine Karte“, sagt er. Dann hat er sich doch für Ribbentrop entschieden.

Am 22.August, es ist der Dienstag, flattert tausenden jungen Berlinern der Gestellungsbefehl ins Haus. Die Kunde vom bevorstehenden Nichtangriffspakt mit Russland lässt einen kurzen Polen-Feldzug immer wahrscheinlicher werden.

Hitler hat sich samt Hofstaat auf den „Berghof“ bei Berchtesgaden begeben. Dort treffen zu Mittag an die 50 geladene Gäste ein: Es sind die Führer der Heeresgruppen und Armeen, die Kommandeure von Marine und Luftwaffe. Alle in Zivil, wie es der „Führer“ befohlen hat.

 

Befehlsausgabe am „Berghof“

Er sei nun endgültig entschlossen, beginnt Hitler seinen Vortrag. England und Frankreich bildeten kein Hindernis. Es fehle ihnen an Staatsmännern. Und deren Hoffnungen auf Russland habe er ihnen nun durchkreuzt. Trotzdem sei die militärische Auseinandersetzung mit dem Westen nur aufgeschoben, erklärt der Diktator seinen verdutzten Heerführern. Das deutsche Volk werde sich wieder an den Kampf gewöhnen müssen – und Polen sei dazu eine ganz gute Vorübung.

Der Weg in den Abgrund hat begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2009)