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Hundstorfer will Überstunden eindämmen

Hundstorfer
(c) Michaela Bruckberger
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Seine Forderungen untermauert der Sozialminister mit Daten des EU-Statistikamts Eurostat, wonach österreichische Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 42,9 Stunden pro Woche arbeiten. Das sei ein europäischer Rekord.

Wien (b.l.). Durch Arbeitszeitverkürzung neue Jobs schaffen– das ist eine alte gewerkschaftliche Forderung. Seinen Vorstoß in Sachen Überstundenreduktion will Sozialminister und Ex-Gewerkschaftschef Rudolf Hundstorfer (SPÖ) freilich nicht so verstanden wissen: „Das Plädoyer für eine 35-Stunden-Woche werden Sie nicht von mir hören“, sagte er am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Wien.

Er rechnet dennoch vor: 307 Millionen Überstunden würden die Österreicher heuer leisten. Das entspräche 180.000 Vollzeitjobs. „Ich bin aber realistisch: Überstunden werden weiterhin geleistet.“ Zudem entstehe beim Abbau von Überstunden ein Produktivitätsgewinn, sodass nur ein Drittel der eingesparten Überstunden beschäftigungswirksam würde. „Das wären noch immer 60.000 Arbeitsplätze.“

Über die Maßnahmen für sein Vorhaben will Hundstorfer noch mit den Sozialpartnern diskutieren. Ideen hat er aber schon:

• An der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden will der Minister grundsätzlich festhalten. Doch die zahlreichen Ausnahmebestimmungen (etwa Jahreszeitmodelle, Ausnahmen für Schichtarbeiter oder im Tourismus) will er „neu gestalten“. Welche dieser Regelungen fallen sollen, müsse noch diskutiert werden.

• Die Zahl der 700.000 All-in-Verträge– das sind Arbeitsverträge, bei denen Überstunden pauschal abgegolten werden– soll drastisch reduziert werden. Solche Verträge soll es nur noch für Führungskräfte geben, für die sie ursprünglich auch vorgesehen waren. Derzeit gebe es sie etwa auch für Portiere.

• Freie Dienstnehmer sollen in das Arbeitszeitgesetz einbezogen werden. Auch für sie soll es künftig Arbeitszeitaufzeichnungen geben.

• Die Strafe bei fehlenden Zeiterfassungssystemen soll erhöht werden. Derzeit liegt sie zwischen 72 und 1815 Euro pro Mitarbeiter. Dem Sozialminister schwebt eine Verdoppelung vor.

•Auch die steuerliche Besserstellung von Überstunden müsse man „hinterfragen“, sagte Hundstorfer.

Seine Forderungen untermauerte er mit Daten des EU-Statistikamts Eurostat, wonach österreichische Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 42,9 Stunden pro Woche arbeiten. Das sei ein europäischer Rekord. Laut Statistik Austria leistete im ersten Quartal jeder fünfte Beschäftigte Überstunden, und zwar im Schnitt 8,5 Stunden pro Woche. 27 Prozent der Überstunden werden nicht bezahlt.

Auch eine Studie des SPÖ-nahen Ifes-Instituts wurde präsentiert. Demnach würden drei Viertel der Beschäftigten, die Überstunden leisten, gerne weniger arbeiten– auch, wenn sie in Folge weniger bezahlt bekämen. Leute mit Überstunden geben auch häufiger an, unter psychischen und körperlichen Beschwerden zu leiden.

 

WKÖ: „Milchmädchenrechnung“

Während die Arbeiterkammer dem Vorstoß einiges abgewinnen kann, hält ihn die Wirtschaftskammer (WKÖ) für „kontraproduktiv“. „Wir haben in den vergangenen Jahren den flexiblen Spielraum bei der Arbeitszeit mühsam erarbeitet“, sagt Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der WKÖ. Nun seien die Betriebe dank Abbau von Zeitguthaben in der Lage, tausende Arbeitsplätze zu erhalten. Gäbe es diese Zeitguthaben nicht, müsste man nun Jobs abbauen. Hundstorfers Rechnung bezeichnet Gleitsmann als eine „Milchmädchenrechnung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2009)