Wenn Kindergartenpflicht, dann ohne Opt-out

(c) Clemens Fabry
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Familienministerin Sophie Karmasin hält wenig von Ausnahmen beim paktierten zweiten Kindergartenjahr. Ende Juli soll klar sein, welche Ressourcen es für den Bildungskompass braucht. Der unter Experten umstritten ist.

Wien. Ein Punkt der Bildungsreform, der vielfach kritisiert wurde, ist für Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) kein Thema: Dass Eltern ihre Kinder nach drei Monaten wieder vom paktierten zweiten Kindergartenjahr abmelden können, stehe derzeit nicht zur Diskussion. „Ich finde diese Opt-out-Variante nicht sehr kindgerecht und auch nicht zielführend“, so Karmasin. „Wenn, dann muss es ein zweites Gratiskindergartenjahr für alle sein.“

Die Opt-out-Variante hatte der Pädagogikprofessor Wilfried Datler bei der „Presse“-Debatte am Montag zuvor recht heftig kritisiert. Einer von vielen Kritikpunkten am Elementarpädagogikpaket der Bildungsreform, das Karmasin zwar nicht ausverhandelt hatte – das sie aber nun (teils) umsetzen soll. Das zweite Kindergartenjahr scheint in ihren Augen ohnehin nicht zu drängen: 95 Prozent der Vierjährigen seien bereits im Kindergarten. Es stelle sich die Frage, ob es die Verpflichtung brauche – die ja mit Kosten verbunden ist – oder ob Gespräche mit den Eltern der übrigen fünf Prozent reichen. Diese wurden kürzlich gestartet und laufen bis 2018. „Vorher muss man nicht handeln. Aber man kann handeln.“

Konkreter – aber umso umstrittener – ist der Bildungskompass, mit dem die Entwicklung der Kinder ab dreieinhalb Jahren dokumentiert werden soll, damit auch Volksschullehrer besser über die Kinder Bescheid wissen. Bis Ende Juli legt eine Arbeitsgruppe ein Konzept vor: Es soll ein Beobachtungsinstrument sein, das auf motorische, sprachliche, kognitive und soziale Fertigkeiten abstellt. Die Experten – geführt vom Charlotte-Bühler-Institut – legen dann auch vor, welche Ressourcen die Umsetzung braucht: von der Ausbildung der Pädagogen bis zu zusätzlichen Stunden. Dann werde mit Ländern und Finanzministerium verhandelt, sagt Karmasin.

Die Pädagogin Nina Hover-Reisner von der FH Campus Wien hält den Plan für löblich, aber sehr komplex: „Es bräuchte zuerst einmal Klarheit darüber, was das bringen soll und was eine Lehrerin daraus für den Unterricht an Gewinn ziehen kann.“ Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer drängt darauf, die Pädagogen zu befähigen, miteinander zu reden. „Solange das nicht passiert, wird das Dokumentation um der Dokumentation wegen.“ Karmasin setzt darauf, dass auch von den Eltern eingefordert wird, dass die Daten berücksichtigt werden. Für den Bildungsforscher Stefan Hopmann sind standardisierte Verfahren überhaupt verfehlt. Diese seien nicht geeignet, um einzelne Kinder zu beschreiben. In Skandinavien habe man sich dagegen entschieden. Es gebe eine „zentrale Werkzeugkiste“ mit diagnostischen Tools und Unterstützungspersonal, das man anfordern könne.

Am besten funktioniere eine Form der Kommunikation zwischen Kindergarten und Schule, bei der man sich zusammensetze. Eine für alle verbindliche Standardisierung führe dagegen nicht zu besserer Pädagogik in den Schulen. Dafür zu Nebeneffekten: „Ich hätte Horror davor, Eltern mit dem Bildungskompass zur Schuleinschreibung gehen zu lassen. Sie hätten dann viele Beschreibungen, die mit ihrem Kind wenig, aber mit ihren Gefühlen sehr viel zu tun haben.“

Man werde das auch in die Diskussion einbringen und entsprechend hinterfragen, versprach Karmasin. (beba)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)

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