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Gehörlosenunterricht "ein Desaster"

(c) Bildarchiv Hansmann / Interfoto (www.picturedesk.com)
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Lehrer, die gehörlose Kinder unterrichten, müssen die Gebärdensprache nicht sprechen. Die Wissensvermittlung leide darunter enorm.

Wien. Es klingt absurd, ist in Österreichs Schulen aber Realität: Lehrer, die gehörlose Kinder unterrichten, müssen die Gebärdensprache nicht zwingend beherrschen – und viele tun das auch tatsächlich nicht. „Vielerorts lehren die Kinder die Lehrer die Gebärdensprache – und nicht umgekehrt“, sagt die grüne Behindertensprecherin, Helene Jarmer, zur „Presse“. Das gehe auf Kosten der Wissensvermittlung und des Wortschatzes. Der Erfolg von gehörlosen Kindern hänge also stark vom Engagement der Eltern ab. „Das ist ein großes Desaster.“

Die Gebärdensprache sei die Muttersprache der gehörlosen Kinder, und in dieser müssten sie gefördert werden. Es bräuchte also einen Unterricht in beiden Sprachen. Derzeit passiere das laut Jarmer viel zu wenig. Zum einen wegen der mangelhaften gebärdensprachlichen Ausbildung der Lehrer, zum anderen auch, weil es noch kein Recht auf bilingualen Unterricht gibt und die Gebärdensprache nicht als Unterrichtssprache anerkannt ist.

Die rund 1400 Kinder und Jugendlichen (circa zwei Promille), die laut einer IHS-Studie aus dem Jahr 2015 als gehörlos oder hörbehindert eingestuft werden, können eine Sonderschule bzw. eine eigene Schule für Hörbeeinträchtigte besuchen oder integrativ in gewöhnlichen Klassen unterrichtet werden. Das ist je nach Bundesland und Wunsch der Eltern anders. Laut IHS entscheidet sich die Hälfte für eine Sonderschule und die andere Hälfte für inklusiven Unterricht.

In beiden Schulformen ist die Gebärdensprache nicht Unterrichtssprache. Vor allem jene Kinder, die gewöhnliche Klassen besuchen, werden nur sehr selten in ihrer Muttersprache, also der Gebärdensprache, unterrichtet. Die gehörlosen Schüler haben nämlich nicht ständig einen Dolmetscher um sich, sondern nur an vier Stunden pro Woche einen Stützlehrer.

 

Wortschatz von Kindern gering

In der Praxis heißt das: Lippenlesen. „Dabei weiß man, dass maximal 30 Prozent dadurch verstanden werden können und es in 70 Prozent der Fälle zu Missverständnissen führt“, so Jarmer. Die Versäumnisse eines qualitätvollen Unterrichts durch entsprechend ausgebildete Lehrer würden sich in Zahlen messen lassen. Demnach haben 15-jährige gehörlose Schüler einen Wortschatz, der sich mit dem eines achtjährigen hörenden Kindes vergleichen lässt. „Bei richtiger Förderung ließe sich das definitiv auf dasselbe Level angleichen“, so Jarmer.

Das wirkt sich auch auf die weitere Schul- und Berufslaufbahn aus. Von den rund 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich haben nur 20 bis 30 ein Studium absolviert. Dass die Zahl nicht so gering sein müsste, beweist das ähnlich große Schweden. Dort gibt es mehr als 1000 gehörlose Studienabsolventen. In Schweden sind aber auch die Voraussetzungen in den Schulen völlig andere. Gebärdensprachlicher Unterricht ist in dem skandinavischen Land im Lehrplan verankert. Die Ausbildung der Lehrer ist in dem Bereich mit 520 bis 580 Stunden hoch. Sie muss absolviert und mit einer Prüfung abgeschlossen werden. In Österreich gibt es eine 70-stündige berufsbegleitende Zusatzausbildung, die Lehrer absolvieren können. Verpflichtende Prüfung gibt es keine. „Dabei braucht es 500 Kursstunden, um die Gebärdensprache ausreichend zu beherrschen, sodass sie im Unterricht eingesetzt werden kann“, sagt Jarmer.

 

Bereits seit 2005 in Verfassung

Die verfassungsrechtliche Grundlage zur Anerkennung der Gebärdensprache wurde in Österreich eigentlich schon vor mehr als zehn Jahren geschaffen. „Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze“, steht seit 1. September 2005 in der Verfassung geschrieben. „Nur gibt es hier nichts Näheres im Unterrichtsgesetz“, sagt Jarmer.

Sie hat kürzlich zwei Entschließungsanträge zum Thema eingebracht. Einer zielte darauf ab, das Angebot für Gebärdensprachkurse für Lehrer an den dem Bildungsministerium unterstehenden Pädagogischen Hochschulen (PH) auszubauen. Es würde zu wenige Kurse geben. Im zweiten Antrag forderte Jarmer, dass die Zeit für das Erlernen der Sprache als Teil der Weiterbildungsverpflichtung angerechnet wird. Außerdem plädierte sie für einen Kostenersatz für die Kurse. Als „bescheidene, kleine Schritte“ bezeichnet Jarmer die Anträge. Beide wurden vertagt.

AUF EINEN BLICK

Rund 1400 Schüler sind laut einer IHS-Studie aus dem Jahr 2015 als gehörlos oder hörbehindert eingestuft. Das entspricht zwei Promille. Sie können entweder in einer Sonderschule bzw. einer Schule für Hörbeeinträchtigte sowie in einer gewöhnlichen Schule integrativ unterrichtet werden. Die Gebärdensprache ist als Unterrichtssprache aber nicht anerkannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)