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Vitouch: "Unis sind Feindbild für Identitäre"

Rektorenchef Oliver Vitouch
Rektorenchef Oliver Vitouch(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Oliver Vitouch sieht Parallelen zur NS-Zeit und will seine Lehrenden nun coachen. Würde man Ländergeld in Universitäten stecken statt in FH, bekäme man mehr fürs gleiche Geld.

Die Presse: Identitäre stürmten am Donnerstag eine Vorlesung über Flucht und Asyl an der Uni Klagenfurt. Eine Lehrveranstaltung muss nach der Störaktion nun unter Polizeischutz stattfinden. Fürchten Sie, dass sich so etwas wiederholt?

Oliver Vitouch: Lehrveranstaltung unter Polizeischutz halte ich für übertrieben. Wir haben den Verfassungsschutz informiert, und es ist zu erwarten, dass dieser ein Auge darauf hat. Was mir aber wichtig ist: dass wir ein offenes Haus bleiben. Es ist auch ein Ziel solcher Stör- und Drohaktionen, überzogene Sicherheitsvorkehrungen hervorzurufen. Wir werden denen nicht den Gefallen tun, die Schotten dichtzumachen. Aber wir werden das Thema Sicherheit stärker mitdenken.

 

Was wird denn das bedeuten?

Wir werden die Augen offen halten. Konkret überlegen wir Trainings für Lehrende dazu, wie man mit Störfällen kompetent umgeht. Aber da geht es nicht um Jiu Jitsu.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Identitären an die Uni gehen. Zuletzt störten sie eine Theateraufführung an der Uni Wien.

Sie haben sich die Veranstaltungen spezifisch ausgesucht. Und so sehr auch betont wird, das sei kreativer Protest, ist der eigentliche Zweck unübersehbar: den Personen, die sich für diese Themen interessieren, und den beide Male anwesenden Flüchtlingen zu signalisieren: Ihr seid hier nicht sicher.

 

Ist auch im Fokus, wofür die Universität als solche steht?

Ganz sicher, weil sie für Internationalität, Offenheit, vernunftgeleiteten Zugang steht und nicht für reflexhafte Reaktionen. Schon gar nicht in Richtung verhetzender Vereinfachungen, bei denen es einfache Schuldige und einfache Lösungen gibt. Das sind tatsächlich Sachen, die im Dritten Reich passiert sind.

 

Sie sehen also klare Parallelen.

Ein Stück weit dockt man an das leider wieder an. Daher weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Zum einen sind das lächerliche Inszenierungen. Zum anderen fühlt man sich – so sehr sie sich bemühen, ihre Symbolik zu verkappen und auf Armeslänge von Verbotsgesetz und Strafrecht entfernt zu bleiben –, an die Anfänge der SA erinnert. Das beginnt beim Logo und geht bis zu den Stoßtrupps.

 

Sie positionieren sich hier sehr klar. Darf, soll, muss man das als Rektor einer Universität?

Ich bin überzeugt, dass die Unis den Auftrag haben, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und nicht nur auf die oberflächlichen Inszenierungen zu achten. Daher sind sie für die sogenannten Identitären auch ein Feindbild. Das wird dann in das Eck gestellt, dass mit staatlichen Mitteln Propaganda betrieben würde.

 

Tatsächlich wird immer wieder so argumentiert.

Aber Aufgabe der Unis ist es, Licht hinter die Dinge zu bringen. Dass wir das tun und dass wir uns ernsthaft um Integration und Bildungsangebote für Migranten bemühen, wird uns zum Vorwurf gemacht.

Ein anderes Thema: Der Bund darf Privatunis nicht finanzieren, Länder stecken aber Geld hinein. Wünschen Sie sich neue Regeln?

Ich orte hier einen eigenartigen Umgang mit öffentlichen Mitteln. Dort, wo privat draufsteht, sollte auch privat drin sein – und nicht Steuergeld. Das sogenannte Private ist hier vielfach Etikettenschwindel.

 

Müsste man die Pläne für die geplante private Medizinuni in Tirol stoppen, an der die Landespolitik bastelt?

Man sollte sich sehr gut anschauen, ob das eine sinnvolle Verwendung öffentlicher Mittel ist.

 

Sollte den Bundesländern ähnlich wie dem Bund verboten werden, Privatunis zu finanzieren?

Natürlich denkt niemand daran, den Privatunis plötzlich die öffentliche Finanzierung zu entziehen. Aber man muss sich eine Regelung überlegen, die nicht dazu führt, dass der Bund aus der rechten und das Land aus der linken Hosentasche zahlt, letztlich alles aus Steuergeldern, zum Teil doppelt und dreifach. Und so auch sehr schiefe Wettbewerbsbedingungen schafft.

 

Da sprechen Sie jetzt auch von den Fachhochschulen.

Auch da gibt es ein eigenartiges Bild. Manche Bundesländer finanzieren Länge mal Breite dazu. Eine wesentliche Ansage des Wissenschaftsressorts ist derzeit: Das System muss effizienter werden. Gleichzeitig wird argumentiert, das gelinge am besten, indem man den FH-Sektor vergrößert. Da wird vorgegaukelt, die Fachhochschulen seien billiger und effizienter. Wenn man sich die tatsächlichen Kosten anschaut, stellt man aber fest, dass die FH derzeit vielfach die teureren Institutionen sind.

 

Und die Unis die effizienteren?

In manchen Fällen muss man tatsächlich sagen: Wenn man die Mittel, die das Bundesland in eine Fachhochschule steckt, der Universität gäbe, würden wir deutlich effizienter damit umgehen. Man bekäme mehr für das gleiche Geld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)