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Türkei: Wenn der Strand leer bleibt

(c) REUTERS (MURAD SEZER)
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Auf den Hotels an der türkischen Riviera lasten Terror und Politik: Die Europäer wollen aus Angst nicht kommen, die Russen dürfen nicht.

Wien. Wenn der Tourismus nicht nach Antalya kommen will, dann muss das personifizierte Antalya eben zum Tourismus – sprich in die Herkunftsmärkte – gehen. Menderes Türel, Bürgermeister der Stadt an der türkischen Riviera, reist zurzeit durch die europäischen Hauptstädte. Im Gepäck hat der zur Regierungspartei AKP gehörende Politiker eine Botschaft: Antalya ist weit weg von den Problemherden im Südosten des Landes, wo es zu Zusammenstößen mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK kommt. Und noch weiter weg vom Bürgerkrieg im benachbarten Syrien.

Man habe bisher noch nie Probleme in der Küstenregion gehabt, beherberge nicht ohne Grund Hochsicherheitsveranstaltungen wie einen G20-Gipfel und Nato-Spitzentreffen, betont Türel. „Es gibt nirgends auf der Welt einen sicheren Ort“, ergänzt er mit Verweis auf das Attentate von Orlando.

Der Einbruch bei den Urlauberzahlen zeigt, wie sehr die Anschlagsserien in Istanbul und der Kurdenregion solche Beteuerungen überschatten. Reisten zwischen Jänner und April 2015 noch knapp sieben Millionen Urlauber in die Türkei, ging ihre Zahl heuer im selben Zeitraum auf 5,8 Millionen zurück. Ökonomen rechnen bis Ende des Jahres mit einem Wegfall von einem Viertel der ausländischen Gäste und Einnahmeneinbußen von mehreren Mrd. Euro. So angespannt war die Lage für die Reisebranche seit 1999 nicht mehr, als Anhänger von PKK-Führer Öcalan nach dessen Festnahme eine Serie von Bombenattentaten verübten.

 

Russische Eiszeit

Neben der Angst vor Terrorattacken lasten die Sanktionen Moskaus seit dem Abschuss eines russischen Kampfjet vergangenes Jahr schwer auf der Branche. Auf Geheiß des Kremls sind Charterflüge in die Türkei ebenso untersagt wie der Verkauf von Türkei-Reisen durch russische Veranstalter. Ahmet Barut, österreichischer Honorarkonsul in Antalya und selbst Hotelchef, sagt, man hätte zwar aufgrund der schlecht laufenden russischen Wirtschaft und des Rubel-Verfalls mit weniger Gästen gerechnet. Aber nicht damit, dass ihre Zahl von drei Millionen, die Antalya 2015 besuchten, auf quasi null fiel, sagt Barut. Bei zwölf bis 13 Millionen ausländischen Gästen, die in normalen Jahren die südtürkischen Strände frequentieren, kann man sich die Auswirkung des russischen Boykotts ausmalen. „Die Krise ist zu 100 Prozent politisch, aber nicht von Dauer“, gibt sich Bürgermeister Türel optimistisch. Man nähere sich langsam wieder an Russland an, sagt der AKP-Politiker. Und falls das mit der Annäherung doch nicht so schnell gelinge, müssten eben alternative Urlaubergruppen erschlossen werden. Türel nennt China und die Golfstaaten als potenzielle Märkte. Wobei bei Ersterem die Distanz eine Hürde sei. Und die Golfstaaten aktuell nicht ausreichend Direktflüge nach Antalya anbieten würden.

Auch die Regierung hat den Ernst der Lage begriffen. Insgesamt 250 Mio. Euro werden vom Staat zur Ankurbelung des Tourismus in die Hand genommen. Jede Linie, die Antalya anfliegt, erhält seit Jahresbeginn pro Flug eine Subvention von mittlerweile rund 7100 Euro.

Barut hofft auf die Last-Minute-Bucher. Schließlich hätten die Preise nachgelassen, nicht die Qualität. Dass die Ausweichdestinationen der Europäer wie Spanien oder Kroatien langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, könnte der Türkei bei den noch Unentschiedenen zugutekommen. Laut Kathrin Limpel, Sprecherin von TUI Österreich, bei der die Türkei-Buchungen um 40 Prozent einbrachen, würde das Ziel in den Reisebüros sowie online seit Kurzem wieder vermehrt nachgefragt. Auch die Vorständin der Verkehrsbüro-Gruppe, Helga Freund, prognostiziert einen möglichen Aufschwung aufgrund der ausgelasteten übrigen Destinationen. Derzeit verzeichnen aber auch ihre Ruefa-Reisebüros für diesen Sommer gegenüber 2015 ein Buchungsminus von rund 50 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)