Sag mir, wo die Buden sind...

Die 1990er gelten im heutigen Russland als stockdunkles Jahrzehnt, als Zeit der Wirren, abgelöst glücklicherweise von der Putin'schen Ära der Stabilität.

Die Demütigung eines stolzen Volkes, der machtlose Staat, die gierigen Oligarchen, der trunkene Jelzin: An all das erinnert man sich nicht gern. Nun hat sich Moskau des letzten Überbleibsels dieser Epoche entledigt: der Buden.

Die Buden russischen Typs kommen in vielen Formen und Farben vor. Man kann sie als Aluminiumkioske auf öffentlichen Plätzen sehen oder als schmale gläserne Showrooms in den Unterführungen. Hier wird angeboten, worauf man sonst gern vergisst oder was man anderswo nicht finden kann: Nagelzwicker, Feuchttücher, Socken, Fliegengitter, Feuerzeuge, Strumpfhosen, Handyakkus. Die Buden sind der Nukleus der russischen Marktwirtschaft.

Weil aber von den 1990ern nichts bleiben soll als schlechte Erinnerungen, hat man den Buden unlängst den Garaus gemacht: Bagger haben sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion demoliert, Glasscheiben wurden eingeschlagen, Händler mussten fliehen. Wo sie sich verstecken, ist ungewiss. Wo man jetzt den überlebensnotwendigen Krimskrams herkriegen soll, weiß niemand.

Ein Luxusproblem, finden Sie? In Moskau kennt man dafür ein anderes Wort: Defizit. (som)

Reaktionen an:jutta.sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)

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