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Alkoholismus: Ein russischer Kraftakt für trockene Zeiten

Mikhail Kalashnikov wirbt für Vodka
(c) AP (JOHN D MCHUGH)
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Russen sollen acht statt 18 Liter Alkohol im Jahr trinken. Bis zum Jahresende sollte das staatliche Programm für den nationalen Kraftakt fertig sein, versprach Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa.

Moskau. „Bier ohne Wodka ist Geld in den Wind“, sagt der Russe gern. Zu Deutsch: Das prozentuell minderwertige Hopfengetränk allein zu trinken, ist hinsichtlich der erwünschten Wirkung rausgeschmissenes Geld. In Wahrheit ist beides in Kombination oder auch für sich ein Wahnsinn, befand dieser Tage Kremlchef Dmitri Medwedjew.

18 Liter reinen Alkohols nämlich trinke der Russe im Schnitt pro Jahr, wie das Gesundheitsministerium ermittelt hat; doppelt so viel wie die Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsgefährdendes Niveau festgelegt hat. „Sie können selbst umrechnen, wie viele Flaschen Wodka das ergibt“, sagte Medwedjew: „Es verschlägt einem den Atem!“

Um der Trinkfreudigkeit den Kampf anzusagen, hatte der Präsident die Verantwortlichen der einschlägigen staatlichen Institute in seine Sommerresidenz ans Schwarze Meer gerufen. Geht es nach seinem Wunsch, soll die „nationale Plage“, wie er den Alkoholismus nannte, schon alsbald der Vergangenheit angehören. Bis zum Jahresende sollte das staatliche Programm für den nationalen Kraftakt fertig sein, versprach Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa.

Der Kraftakt ist nötig. Zwar haben sich die Trinkgewohnheiten der Russen vor allem in der Mittel- und Oberschicht weg vom harten Wodka hin zu Bier und Wein verlagert. Andererseits ist gerade Bier zum omnipräsenten Modegetränk der Jugend geworden. Rein statistisch würden laut Kremlchef ein Drittel der Burschen und ein Fünftel der Mädchen täglich oder jeden zweiten Tag leichte Alkoholika konsumieren.

 

Gesunder Lebensstil gefragt

Nicht zuletzt ist es – neben der psychischen Dauerbelastung der Transformationszeit, dem Tabakkonsum sowie Verkehrs- und Arbeitsunfällen – auch der Alkohol, der für die betrübliche demografische Situation verantwortlich zeichnet. Binnen der letzten zehn Jahre ist Russlands Bevölkerung um über sechs Millionen Menschen geschrumpft. Die Weltbank rechnet mit einem Rückgang um 17 Millionen bis 2025.

Die durchschnittliche Lebenserwartung des Mannes liegt heute mit 59,2 Jahren um elf Jahre unter jener der Frau. Jährlich stirbt eine halbe Million Russen an den Folgen von überhöhtem Alkoholkonsum. So setzt Russland Maßnahmen gegen die Trunksucht, um beizeiten den Pro-Kopf-Jahresverbrauch von reinem Alkohol auf acht Liter zu senken. Allein, Effekt gleich null, wie Medwedjew ernüchternd festhält: „Von qualitativen Veränderungen braucht man noch nicht zu sprechen.“

Die sollte das neue Großprogramm erbringen: Alkohol an Minderjährige auszuschenken, wird strenger bestraft. Der Verkauf von Alkoholika in der Nähe von Sport- und Schulanlagen soll verboten werden. Überhaupt soll Alkohol nicht mehr an jeder Straßenecke zu haben sein. Die Werbung soll beschränkt werden, und schließlich sollen leichte Alkoholika wie Bier gleich hoch wie harte Getränke besteuert werden.

Wie viel davon zu stemmen ist, bleibt offen. Vor zwei Jahrzehnten hatte Staatschef Michail Gorbatschow mit seinem berühmten „Trockenen Gesetz“ eine Antialkoholkampagne versucht – und scheiterte. Es brauche einen systematischen Zugang, so Medwedjew: „Das Wichtigste ist, dass die Leute den Wunsch und die Möglichkeit spüren, gesund zu leben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2009)