Der patriotische russische Burger

Symbolbild
Symbolbild(c) Stanislav Jenis
  • Drucken

Moskau kann kaum auf Erlass der EU-Sanktionen hoffen. Das Lebensmittelembargo hat zur Aufwertung von heimischen Produkten geführt, doch die Mehrzahl der Bürger muss sparen.

Moskau. Verfolgt man die Trends in der Moskauer Lokalszene, würde man nicht annehmen, dass man sich in Konfrontation mit dem Westen, in der Ära von EU-Sanktionen und eines von Moskau verhängten Lebensmittelembargos gegen Waren aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen befindet. In Russlands Hauptstadt machen just jene Gerichte Furore, die westliche kulinarische Verlockungen verkörpern wie keine anderen: Handgemachte Burger und saftige Steaks gibt es gefühlt an jeder zweiten Ecke zu kaufen. Sei es im stilvollen Woronesch, das mit dem „Geschmack der russischen Provinz“ wirbt, wo in der Imbissstube im Erdgeschoß ein Laibchen nach dem anderen gebraten wird und man im ersten Stock echt russische Steaks verzehrt. Sei es im Brisket BBQ, wo texanisch inspiriertes Barbecue aufgetischt wird, oder im Farsch (Faschiertes), vor dem junge Menschen Schlange stehen für einen Platz.

Während findige Restaurantmanager westliche Kulinarik aufgreifen und unter dem nunmehr hippen Etikett „made in Russia“ neu interpretieren, sind die Verhältnisse in der politischen Realität weit weniger symbiotisch.

Saga vom baldigen Ende

Zwar verkaufen die russischen Staatsmedien ihrem Publikum nach wie vor die Saga vom baldigen Ende der Sanktionen: Als der französische Senat Ende Mai eine Resolution zur Lockerung der EU-Sanktionen verabschiedete, war dies eine Hauptnachricht. Auch das Regionalparlament von Venetien hatte es zuvor mit einer ähnlichen Resolution in die Schlagzeilen geschafft.

Doch eine – auch schrittweise – Aufhebung der EU-Sanktionen kann Moskau derzeit nicht erwarten, da sich im Minsker Verhandlungsprozess zur Lösung des Konflikts in der Ostukraine kaum etwas bewegt. In den nächsten Tagen wird die EU höchstwahrscheinlich die abermalige Verlängerung der sektoralen Sanktionen bis Jahresende beschließen. Beim Streitthema Sanktionen folgen die meisten Russen der Linie ihrer politischen Führung, wie eine Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums Ende Mai ergab. 48 Prozent glauben „eher“, dass die EU-Sanktionen weitergeführt werden, 23 Prozent sind sich „sicher“. Drei Viertel halten die bisherige kompromisslose Politik Russlands als Antwort auf die Sanktionen für richtig. Gespaltener ist die öffentliche Meinung allerdings im Falle einer möglichen Abschaffung der Gegensanktionen – damit könnte sich die Mehrheit anfreunden.

Das Embargo gegen westliche Fleisch- und Milchprodukte, Fisch sowie Obst und Gemüse ist ein sensibles Thema, vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise und sinkender Realeinkommen. „Made in Russia“ mag hip sein, doch Sparen ist angesagt. Laut einer Umfrage geben 40 Prozent der Russen die Hälfte ihres Budgets für Essen aus – Tendenz steigend. Während sich die Mittelschicht von Freunden aus dem Westen den sanktionierten italienischen Käse mitbringen lässt und manche Russen sich neuerdings als Parmesanhersteller versuchen, haben in den Supermärkten weißrussische Lebensmittel die früheren westlichen ersetzt. Über den Umweg Minsk finden sich auch Westprodukte in den Regalen wieder, die eigentlich auf der schwarzen Liste stehen. Obst und Gemüse werden aus Chile, China, Serbien und Ex-Sowjetrepubliken importiert, die ebenso vom Embargo gegen die Türkei profitieren.

Importsubstitution en vogue

War vor einigen Jahren in Kreml-nahen Expertenkreisen das Schlagwort „Modernisierung“ en vogue, so ist es heute „Importsubstitution“. Vor Kurzem schlug Premier Dmitrij Medwedjew eine Verlängerung der Gegensanktionen bis Ende 2017 vor – um der heimischen Landwirtschaft längerfristige Investitionen zu ermöglichen. Ist das Embargo am Ende gar eine Chance, um die hohe Importabhängigkeit zu drosseln? Bis 2020 wolle Russland autark in der Herstellung von Fleisch, Milchprodukten und Gemüse sein, erklärte Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschew vor Kurzem. Der Landwirtschaftssektor boomt und ist 2015 um drei Prozent gewachsen.

Längerfristig könnte eine Abkehr vom Import die eigene Landwirtschaft stärken. Noch sind Konsumenten aber mit kurzfristiger Geschäftemacherei und Produkten minderer Qualität konfrontiert. In den Regalen sind sogenannte Käseprodukte „made in Russia“ aufgetaucht, zu deren Herstellung Palmöl verwendet wird. Schmackhaft kann man sie nicht nennen.

AUF EINEN BLICK

Im August 2014 verhängte Russland als Antwort auf die westlichen Sanktionen ein Embargo auf Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen. Die Maßnahmen sind vorerst bis Anfang August in Kraft.

Über die Sanktionen entscheidet der EU-Außenministerrat am 20. Juni bzw. spätestens der EU-Gipfel Ende Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2016)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.