Wo Marie von Ebner-Eschenbach einst ihre Pferde gehalten hat, wird heute Salami verkauft und Mozzarella gemacht: Das Lingenhel hat eröffnet.
„Bei jeder meiner Eröffnungen hat es geregnet.“ Nachdem Johannes Lingenhel aber ein erfolgsverwöhnter Mensch ist, nimmt er das als gutes Omen. „Habt ihr jetzt schon offen? Darf ich echt reinkommen?“ Ein älterer Anrainer kann es fast nicht glauben. Auch ein anderer bemerkt: „Habt ihr's geschafft?“ Beide haben offenbar mitbekommen, dass rund um die Eröffnung von Lingenhels neuem Genusszentrum in der Landstraßer Hauptstraße nicht alles wie geplant verlaufen ist.
Johannes Lingenhel selbst drückt das mit einem knappen Satz aus, mehr möchte er dazu wohl nach einigen bisweilen zermürbenden Monaten nicht mehr erzählen: „Und dann kam die Behörde dazu.“ Er hatte eigentlich schon im Februar sein Delikatessengeschäft samt Restaurant und Schaukäserei eröffnen wollen, aber.
Johannes Lingenhel schätzt, dass es bereits zwanzig Jahre sein müssen, in denen er beruflich mit Delikatessen zu tun hat (auch wenn man ihm das keineswegs ansieht). 2014 verkaufte er seine Anteile vom Pöhl am Naschmarkt; dass seine berufliche Zukunft wieder etwas mit Essen und Trinken zu tun haben würde, mit dem Besuchen kleiner Schinken- und Käseproduzenten in Italien, in Portugal, war klar. „Mich darf man nicht nach italienischen Kirchen fragen. Dafür aber nach Osterien, Käsereien und Weingütern.“
Ein Haus mit Geschichte
Ende 2014 kaufte er gemeinsam mit einem Partner das Haus Landstraßer Hauptstraße 74. Ein Biedermeierhaus mit Innenhof und so mancher Überraschung. Etwa einem zwanzig Meter tief gelegenen Keller, den Lingenhel irgendwie mit dem Geschäft verbinden will, sobald der jetzige Nebenmieter auszieht. „So ein Keller ist ja ideal zum Käselagern.“ Ein spektakulärer Fund waren auch die fünf steinernen Pferdetränken samt gusseisernen Heuspendern, „davon nur vier, einer wurde gestohlen“, im hinteren Bereich des Erdgeschosses. Die Tränken gehörten den fünf Pferden von Marie von Ebner-Eschenbach, die hier den gesamten ersten Stock bewohnte. Das Bundesdenkmalamt sei ihm beim Zutagefördern der Geschichte des Hauses sehr behilflich gewesen, erzählt Johannes Lingenhel. Und wo sich einst die Pferde gelabt haben, spielt heute Lab eine Rolle: Im Raum mit den Tränken hat der Käselehrling Lingenhel die Schaukäserei eingerichtet.
Lehrmeister war kein geringerer als Robert Paget, Käse-Ikone und Büffelmilch-Vordenker aus dem Kamptal, „ein Herzensfreund“. Auf einem Urlaub habe er Zeit gehabt zum Nachdenken über das damals noch jungfräuliche Projekt Landstraßer Hauptstraße, erzählt Johannes Lingenhel. „Ich habe mich nach einem Mehrwert meines Geschäfts gefragt. Käse und Wurst verkaufen, schön und gut, Restaurants gibt es auch genügend gute, und auf noch eine Bar haben die Leute jetzt auch nicht gewartet.“ Irgendwie sei ihm die Idee mit der Schaukäserei gekommen. „Ich habe Robert angerufen und gesagt: ,Ich kann das nur mit dir machen.‘ Es war von uns beiden ein bedingungsloses Ja, ohne dass wir weitergedacht haben, wie das alles geht. Wie wir mit der Milch umgehen oder wie das hier neben Roberts eigener Käserei gehen kann.“ Paget wird ab Juli zweimal pro Woche hier käsen, „und am Abend mozzen wir gemeinsam. Die Leute können dabei bei einem Glas Wein zuschauen.“ Und einmal im Monat wird es Käseworkshops geben.
Gestaltet wurde das Lingenhel vom Destilat Design Studio. In Verona kaufte man einen massiven Block des schwarzen Steins Golden Viper, der etwa an der Budel und der Bar eingesetzt wurde. Stolz ist Lingenhel auf die Taschenablage an der Käsetheke und das „Lümmelbord“ gegenüber. Im Restaurant im hinteren Bereich, das mit Juli eröffnen wird, sollen Sessel und Bänke der spanischen Designerin Patricia Urquiola ebenfalls ein wenig Lümmeln ermöglichen. „Robert Paget hat hinten auch so eine Bank, auf ihr macht er sein Mittagsschläfchen.“ Küchenchef Daniel Hoffmeister, der zuvor etwa im Hangar 7 und im Motto am Fluss war, wird hier naturgemäß eine milch- und käselastige Karte bieten. Etwa mit einem Minimagnum aus Büffelmilcheis, Tannenwipfeln und schwarzem Trüffel.
ZUR PERSON
Johannes Lingenhel verkaufte 2014 seine Anteile von Pöhl am Naschmarkt, das er gemeinsam mit Christian Pöhl geführt hatte. Im selben Jahr erwarb er ein Biedermeierhaus auf der Landstraßer Hauptstraße und eröffnete hier nun das Lingenhel, ein Delikatessengeschäft (Mo–Sa 8–20 Uhr) mit Restaurant und Schaukäserei (beides ab Juli). Lingenhel, Landstraßer Hauptstraße 74, 1030 Wien, www.lingenhel.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2016)