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Bolivien will keine Hühner vom Rüpel Gates

Billionaire philanthropist and Microsoft´s co-founder Bill Gates speaks to the media in Manhattan
(c) REUTERS (MIKE SEGAR)
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Bill Gates verteilt zur Bekämpfung der Armut 100.000 Hühner an Familien in Entwicklungsländern. In Bolivien verweigert die Regierung Morales das Geschenk und fühlt sich beleidigt. Zu Recht?

Wien. Ein geniales Betriebssystem hat Bill Gates zum reichsten Menschen der Welt gemacht. Jetzt hat der Philanthrop eine neue Leidenschaft entdeckt: „Ich bin begeistert von Hühnern“, gesteht er in seinem Blog – auch wenn er zugeben muss, dass dies „komisch klingt“. Der Gründer der Gates-Stiftung will nämlich 100.000 lebende Hühner verteilen. Sie sollen bedürftigen Familien eine wirtschaftliche Basis sichern und sie aus der extremen Armut befreien. Das Federvieh soll in 20 Länder gehen, vor allem nach Schwarzafrika, aber auch nach Bolivien.

Doch die linke Regierung des südamerikanischen Staats weist das Geschenk indigniert zurück: Bolivien sei ja kein „armseliges Dritte-Welt-Land“, empört sich Landwirtschaftsminister César Cocarico. Der amerikanische Magnat glaube wohl, „dass wir wie vor 500 Jahren mitten im Urwald leben“. Der Standpunkt von Gates sei „rüpelhaft“ und „beleidigend“, er solle sich gefälligst entschuldigen: „Wir haben unsere Würde.“ Der Verband der Hühnerzüchter steuert Daten bei: Produktionsmenge, Pro-Kopf-Verbrauch, Exportkapazität. Das Fazit: Bolivien habe eine blühende Geflügelbranche und könne sich bestens selbst versorgen. Die Polemik wirkt: Statt Sympathiepunkte zu sammeln muss der Microsoft-Gründer imagemäßig Federn lassen. Aber wird der größte private Spender zurechtgerupft?

Zunächst: Hinter den „Hühnerstall-Träumen“ steckt nicht die exzentrische Idee eines weltfremden Milliardärs, sondern ein bewährtes Konzept. Seine Stiftung arbeitet mit Heifer International zusammen, einer Organisation, die seit 1944 Lebendvieh verteilt und Viehzucht schult. Die Empfänger müssen sich verpflichten, einen Teil der Brut einer anderen armen Familie zu schenken. Die Dorfgemeinschaft setzt sich selbst Ziele und entscheidet, welche Art von Unterstützung sie will. Hühner bieten sich besonders an: Sie sind einfach zu züchten, vermehren sich rasch, lassen sich gewinnbringend verkaufen und sorgen durch ihre Eier für eine bessere Ernährung der Kinder. Anders als bei Ziegen und Kühen ist ihre Aufzucht keine Männerdomäne. Das stärkt die Stellung der Frauen – jenen Familienmitgliedern, die erfahrungsgemäß am besten mit Geld umgehen.

 

Abgeschreckte Investoren

Freilich geht es der Regierung von Evo Morales nicht um Kritik an einer Form der Entwicklungshilfe. Der seit 2005 amtierende Präsident sieht seine Bewegung zum Sozialismus als Bollwerk gegen die „imperialistischen“ Yankees. Da ist eine ungeschickt präsentierte Initiative eines gönnerhaften US-Milliardärs natürlich Wasser auf die ideologischen Mühlen. Doch die nüchternen Fakten klingen anders als die Rhetorik von Stolz, Würde und Antikapitalismus. Zwar ist Boliviens Wirtschaft in den letzten zehn Jahren prozentuell stark gewachsen, aber von einer sehr niedrigen Basis: Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 2900 Dollar ist es immer noch das bei Weitem ärmste Land in Südamerika. In absoluten Zahlen sind die Nachbarn Peru und Chile davongaloppiert. Dabei ist der gebirgige Binnenstaat reich an Bodenschätzen: Erdgas, Öl, Zink, Silber und Gold.

Die Überschüsse aus der Periode hoher Rohstoffpreise flossen in Sozialprogramme, die Armut zwar rasch, aber oft nicht nachhaltig bekämpfen. Die guten Jahre wurden nicht genutzt, um die Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen. Dazu brauchte es Kapital aus dem Westen. Doch die Regierung Morales hat potenzielle Investoren erfolgreich abgeschreckt. Der Kreditschutzversicherer Coface stuft das Land als „hoch riskant“ ein und zeichnet ein düsteres Bild des Geschäftsklimas: unsichere Gesetzeslage, ständig drohende Enteignungen und Verstaatlichungen, Korruption, schlechte Infrastruktur und die Gefahr sozialer Unruhen.

Immerhin: Einen scharfen Isolationskurs wie in Venezuela hat Morales vermieden. Damit steht Bolivien im Vergleich zu den Brüdern im revolutionären Geist noch gut da – und kann die Weltöffentlichkeit mit kleinen Scharmützeln um Hühner und ahnungslose Superreiche unterhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2016)