Film. „The Assassin“, die jüngste Arbeit des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien, ist nur ganz vordergründig ein Historienfilm. Seine Kraft liegt in der Poesie und der Raffinesse der vielschichtigen Erzählkunst.
Das Erste, das auffällt, ist der Wind. Wie er sanft durchs Blattwerk weht, Kerzenflammen erzittern lässt, die Faltenwürfe wallender Gewänder und die Seidenvorhänge zum Tänzeln bringt oder nächtlichen Nebel über einem ruhigen Gewässer vor sich hertreibt. Er haucht den Bildern stillen Atem ein, bewahrt sie vor Sterilität, verleiht ihnen eine subtile Gegenwärtigkeit, nach der handelsübliche Historienfilme meist vergeblich trachten. Aber „The Assassin“, die neueste Arbeit des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien, ist alles andere als gewöhnlich. In jeder Hinsicht erscheint diese wundersame Preziose wie ein Ufo in der zeitgenössischen Kinolandschaft, schillernd und geheimnisvoll, strahlend klar und undurchschaubar zugleich.
Filigrane Stilistik
„The Assassin“ wurde 2015 in Cannes mit dem Regiepreis bedacht und von der Kritik mit nahezu einhelliger Begeisterung begrüßt. Wenig überraschend: Hou steht international bei den Cinephilen spätestens seit seinem Zentralwerk „A City of Sadness“ (1989) hoch im Kurs. Das epische Familienporträt beleuchtete die blinden Flecken taiwanesischer Geschichte nach der japanischen Besatzung, zeigte persönliche Dramen in Abhängigkeit vom historischen Ganzen – und perfektionierte nebenher Hous unverwechselbare Bildsprache: Lange, distanzierte und detailreiche Einstellungen, durchdrungen von den Gesten, Klängen und Gefühlen der abgebildeten Zeit, Sammelbecken für unscheinbare Ereignisse, deren poetische Prägnanz sich oft erst nachträglich erschließt. Hous filigrane Stilistik fand viele Nachahmer und hievte ihn ins Pantheon der späten Kinomoderne. Im Laufe seiner Karriere lotete er wiederholt ihre Möglichkeiten aus und entfernte sich dabei immer weiter von herkömmlichen Narrationsformen. „The Assassin“ ist ein Kulminationspunkt dieser Entwicklung.
Der Film basiert auf einer chinesischen Geschichte aus dem 9. Jahrhundert und spielt zur Zeit der sagenumwobenen Tang-Dynastie. Die professionelle Attentäterin Nie Yinniang (Starschauspielerin und Hou-Muse Shu Qi) wird von ihrer Lehrmeisterin beauftragt, in ihren Heimatort Weibo zurückzukehren und den mächtigen Militärgouverneur Tian Ji'an (Chang Chen) zu töten. Der Haken: Vor ihrer Ausbildung hätte Yinniang Ji'ans Frau werden sollen, insgeheim empfindet sie immer noch etwas für ihn.
So simpel diese Inhaltsangabe klingt, so schwer sind die Verwicklungen des Plots beim ersten Sehen zu erfassen: Um den Kern spinnt Hou ein komplexes Geflecht von Familienbanden und Palastintrigen, ohne Zusammenhänge auszubuchstabieren. Im Internet kursieren erläuternde Infografiken, doch eigentlich sind die Spezifika der Handlung Nebensache: Primär geht es um die atmosphärische Rekonstruktion einer verlorenen Ära, deren Legenden den Regisseur schon als Kind faszinierten. Acht Jahre hat das Projekt in Anspruch genommen, minutiöse Recherchen wurden gemacht, um Architektur, Mobiliar, Kostüme, Musik, Etikette und Sprache der Tang-Periode möglichst authentisch nachzubilden. Daraus werden exquisite Stimmungsgemälde von atemberaubender Schönheit und Farbenpracht. Die Interieurs wirken wie samtige Tapisserien aus Rot, Ocker und Gold, während die üppigen Landschaftsaufnahmen neue Erhabenheitsmaßstäbe setzen (gedreht wurde in Taiwan, China, Japan und der Mongolei – auf 35 mm).
Schwelgerischer Expressionismus
Doch mit der „Schöne Bilder“-Floskel wird man der Raffinesse von Hous vielschichtiger Erzählkunst, die radikalen Realismus und schwelgerischen Expressionismus, Kontrolle und Improvisation vereint, letztlich nicht gerecht. Er visualisiert Emotionen: Ein Treffen zwischen Ji'an und seiner Konkubine sieht man etwa durch den Schleier eines wabernden Vorhangs. Erst nach einer Weile wird klar, dass es sich um die Perspektive der versteckten Attentäterin handelt – und um ihre innere Zerrissenheit. Überdies gibt es eine politische Dimension: Die gemessene Gestik der Figuren wirkt, als hätten sie Angst, die Bildkompositionen aus dem Gleichgewicht zu bringen, als wären sie Gefangene in ihren Nobelgemächern. Tatsächlich steckt jeder auf seine Weise fest im Netz der Machtverhältnisse, und der Film dokumentiert Yinniangs Emanzipation von dieser Welt.
Nominell gehört „The Assassin“ dem traditionsreichen Wuxia-Genre an, das unglaublichen Abenteuern heldenhafter Schwertkämpfer verpflichtet ist, doch wer Edel-Action à la „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ erwartet, sei gewarnt. Gefechte sind selten, knapp und auf das Wesentliche reduziert. Ein Nebelschwaden, der einen Gebirgshang hinaufzieht, ist für Hou nicht weniger spektakulär als ein Dolchduell. Das ist fordernd, aber es erinnert auch daran, dass Kino mehr sein darf als das bloße Abklappern von Schlüsselreizen, dass seine poetische Kraft anderswo liegt – im Spiel von Licht und Schatten, im Rhythmus einer Bewegung, und nicht zuletzt im Wind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2016)