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Psychisch krank, rechtsextrem? Rätseln über Motive im Fall Cox

APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS
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Der Angreifer auf die britische Labour-Abgeordnete hatte angeblich eine lange Vorgeschichte psychischer Probleme. Er soll auch an Neonazis gespendet haben.

Mitten in der Debatte um einen Ausstieg aus der EU ist Großbritannien in einer Sache über alle politischen Lager vereint - dem Entsetzen über den tödlichen Angriff auf die die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox. Angesichts des Schocks setzen Brexit-Befürworter und -Gegner zumindest für Freitag ihren Wahlkampf für das Referendum kommende Woche aus.

Zwei Ermittlungslinien deuten auf mögliche Motive des 52-jährigen Verhafteten hin: Rechtsextremismus und psychische Labilität. Der Bruder des mutmaßlichen Täters, Thomas Mair, berichtete am Donnerstagabend gegenüber der Zeitung "Daily Telegraph" von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes.

"Es fällt mit schwer zu glauben, was passiert ist", sagte Scott Mair der Zeitung. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch." Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen, sagte Mair. In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meistens für sich geblieben sei.

Hassmails drei Monate vor Angriff

Dem Southern Poverty Law Center, einer Anti-Rassismus-Vereinigung in den USA, liegen hingegen Beweise vor, die Mair als jahrelangen Unterstützer der US-Neonazi-Gruppe National Alliance ausweisen.

Klar ist: Die 41-Jährige hat vor ihrem Tod Drohungen erhalten. Die Labour-Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie "bösartige Mitteilungen" erhalten habe, erklärten die Sicherheitsbehörden am Freitag. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Es bestehe aber keine Verbindung zwischen den Drohungen und dem Angriff vom Donnerstag.

Auswirkunf auf Votum noch unklar

Cox war Donnerstagmittag kurz vor ihrer Sprechstunde als Abgeordnete im nordenglischen Birstall nahe Leeds attackiert worden. Wenig später erlag sie im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der Tatverdächtige habe zwei Mal auf sie geschossen und auf sie eingestochen. Er habe "Britain first" ( "Großbritannien zuerst") gerufen. Die lautstarke Brexit-Gegnerin habe in einen Streit zwischen zwei Männern eingegriffen und sei dann attackiert worden, berichten Medien. Die Polizei erklärte, auch ein 77-jähriger Mann sei angegriffen und verletzt worden. Er schwebe aber nicht in Lebensgefahr.

"Britain First" ist der Name einer rechtsgerichteten Gruppe, die sich im Internet als eine Art Bürgerwehr und "patriotische Partei" beschreibt. Sie distanzierte sich aber entschieden von dem Angriff, den sie als "absolut widerlich" bezeichnete. Sie betonte, "Britain First" sei auch ein in der Brexit-Debatte üblicher Slogan von den Befürwortern eines EU-Austritts.

Wie sich der Tod der zweifachen Mutter und die Unterbrechung im Wahlkampf auf die Volksabstimmung auswirkt, war zunächst ungewiss. Das Land ist tief gespalten über sein künftiges Verhältnis zur EU. Zuletzt lagen die EU-Treuen in Umfragen hinter dem Lager, das der Gemeinschaft den Rücken kehren will.

"Glaubte an eine bessere Welt"

In ganz Großbritannien bekundeten Menschen ihre Trauer für die volksnahe Politikerin. Premierminister David Cameron sprach von einer Tragödie. Cox sei eine engagierte und fürsorgliche Parlamentarierin gewesen. Seine Gedanken seien jetzt bei ihrem Ehemann und den beiden kleinen Kindern. Mit ihnen hatte Cox in London auf einem in der Themse vertäuten Hausboot unweit des Tower gelebt. Ihr Ehemann Brendan Cox erklärte, seine Frau habe gewollt, dass sich nun alle vereinten, um gegen den Hass zu kämpfen, der sie getötet habe. "Jo glaubte an eine bessere Welt und kämpfte dafür an jedem Tag ihres Lebens."

Der Chef der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, erklärte: "Jo starb, als sie im Herzen unserer Demokratie ihren Dienst an der Öffentlichkeit tat, in dem sie den Menschen zuhörte, die sie zu ihrer Vertreterin gewählt hatten."

Die Absolventin der Elite-Universität Cambridge war bekannt für ihren Kampf für Frauenrechte. Im Jahr 2008 engagierte sie sich zudem im Wahlkampfteam von US-Präsident Barack Obama. Bevor sie 2015 Abgeordnete für den Wahlkreis Batley and Spen wurde, arbeitete sie jahrelang für die Hilfsorganisation Oxfam.

>>> Zum Bericht im "Telegraph".

>>> Zum Bericht des Southern Poverty Law Center.

(APA/AFP/red.)