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Eine gemischte Festwochen-Ära geht zu Ende

WIENER FESTWOCHEN: FOTOPROBE ´FIDELIO´
WIENER FESTWOCHEN: FOTOPROBE ´FIDELIO´(c) APA/MONIKA RITTERSHAUS
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Das Wiener Festival ist auch unter Markus Hinterhäuser vor allem ein Theatertreffen geblieben, zuletzt stark russisch dominiert. Was war, was könnte besser werden? Eine wertende Rückschau unserer Rezensenten.

Drei Jahre nur war Markus Hinterhäuser Intendant der Wiener Festwochen. Große Erwartungen wurden in ihn gesetzt, er hat dem Festival tatsächlich neue Impulse gegeben, vor allem musikalisch, sogar unter persönlichem Einsatz als Pianist. Er ist ein begehrter Manager, das beweist auch seine frühe Bestellung zum Intendanten der Salzburger Festspiele. Hat ihn das vielleicht ein wenig von Wien abgelenkt?
Am meisten Glanz hatte die erste Spielzeit, da stand ihm mit Frie Leysen eine tolle Theatermacherin zur Seite. Mit seinen Schauspieldirektorinnen hatte er sonst weniger Glück. Shermin Langhoff zog noch vor seinem Antreten in Wien das Berliner Gorki-Theater den Festwochen vor. Frie Leysen verabschiedete sich bereits 2014, mit harter Kritik: Dem Festival fehlten Visionen. Es folgte für zwei Jahre eine Einengung im Schauspiel: Stefan Schmidtke (2015) und Marina Davydova (2016) favorisierten russisches Theater. Die Dominanz des Ostens ging auf Kosten anderer Theaternationen. Englische, französische, skandinavische Produktionen wurden selten.
2017 beginnt in Wien die Ära von Tomas Zierhofer-Kin, der einst gemeinsam mit Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen die Reihe „Zeitfluss“ gestaltete. Beim Donaufestival in Krems, das er von 2015 bis 2016 leitete, pflegte er vor allem die Avantgarde. Für die Wiener Festwochen plant er u. a. einen neuen „Parsifal“, komponiert von Bernhard Lang, inszeniert von Jonathan Meese.

Im Osten gar nicht so viel neues Theater

Selten, zu selten ist der britische Theatermacher Simon McBurney in Wien zu Gast, aber wenn er die Festwochen beehrt, wie 2007 und 2012, dann wird es ein Fest. Diesmal war von ihm „The Encounter“ als Premiere im deutschsprachigen Raum zu sehen – und vor allem zu hören. Man glaubte sich an den Amazonas versetzt. Es rührte gegen Ende auch Pippo Delbonos sehr persönliches Schauspiel „Orchidee“ (siehe Kritik Seite 27) – entstaubtes Theater voller Lust und Energie. Das war das Schöne in diesem Jahr. Mit ihrer Intensität entzückte zudem die ukrainische Dakh Daughters Band. Mit „Roses“ hatte die Avantgarde-Gruppe bereits die Revolution in Kiew befeuert. Und sonst? Aus subjektiver Sicht viel zu wenige Hits!
Ist es Nostalgie? Gab es 2014 tatsächlich mehr Glanzpunkte, etwa mit dem Wien-Debüt des französischen Altmeisters Claude Régy, mit buddhistischen Übungen von Tsai Ming-liang, einem tollen „Germinal“ und einer noch wilderen Tschechow-Show namens „Tarabumbia“? War 2015 alles so packend wie „Abschied vom Papier“, ein Solo von Jewgeni Grischkowez?
Nein. Ein Festival, das wagt, kann natürlich auch verlieren. Aber das vermindert Schöne der Vorjahre scheint bereits zu verblassen, während die aktuellen Flops noch frisch in Erinnerung sind. Ziemlich platt war alles in allem Falk Richters Uraufführung „Città del Vaticano“. Als Tiefpunkt stellte sich diesmal Oliver Frljićs kroatische Uraufführung von „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heraus: simpel und roh, zudem laienhaft gespielt und langweilig im krampfhaften Bemühen zu schockieren. Nur geringfügig besser gelangen „Solaris“ von Andriy Zholdak und „Gewöhnliche Menschen“ von Gianina C?rbunariu. Nicht immer also gibt es viel Neues aus dem Osten. Ein Wechsel der Perspektive wäre vielleicht angebracht. (norb)

Wie wär's mit Frechem aus New York?

Das Gute zuerst: Jan Fabre feierte heuer in „Mount Olympus“ die griechische Tragödie: 24 Stunden, zu lang, viel nackte Haut, aber furios. Vor „Wir Hunde/Us Dogs“ der Gruppe Signa graute und grauste es manchen, aber die Performance berührte auch ein virulentes Problem: Warum binden sich viele lieber an Hunde als an Menschen? Weil sie freundlicher und fügsamer sind als ein Partner? Für Aufregung sorgte 2015 Romeo Castellucci im Burgtheater: Er zeigte einen verzweifelten Sohn mit seinem betagten, inkontinenten Vater. Das Jesus-Stück „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“ („Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“) war eine Art Passion, aber auch Ekel-Theater, freilich eines, das alle angeht. Hier stimmt's nicht mehr: Seit vielen Jahren zeigt Frank Castorf, gewiss ein wichtiger Regisseur, seine Aufführungen bei den Festwochen und dann an der Berliner Volksbühne, wo er Intendant ist. 2017 verlässt er nach 25 Jahren „sein“ Theater. Ihm folgt der Kurator Chris Dercon, zuletzt Leiter der Tate Modern. In Berlin (und München) ahnt man offenbar, dass die Bühnenkunst ein paar ganz neue Impulse braucht. Castorf hat in Wien tolle Aufführungen (Dostojewski, Tschechow) gezeigt, inzwischen aber wirkt er teilweise wie ein Epigone seiner selbst. Bitte eine Pause! Und: Gibt es vielleicht neue spannende Fusionen von Musik und Theater außer von Christoph Marthaler, auch schon lang präsent in Wien?
Was stört: Gastspiele erzählen des Öfteren, was wir schon wissen. Zum Beispiel vom Frust in den Ostländern, die früher unter dem Kommunismus und jetzt unter dem Kapitalismus leiden (Gorkis „Nachtasyl“ aus Litauen; „Wunschkonzert“ von Franz Xaver Kroetz aus Krakau). Manche Stücke sind, unabhängig von der Qualität, generell zu oft auf den Spielplänen, auch bei den Festwochen: Heiner Müllers „Der Auftrag“, Tschechows „Drei Schwestern“ und „Die Möwe“.
Anregungen für die Zukunft: Die Münchner Kammerspiele unter Intendant Matthias Lilienthal befassen sich kommende Saison unter anderem mit Migration und der Veränderung des Lebensgefühls durch die Digitalisierung. Interessant klingen die Dramatisierung von Tom McCarthys Roman „8 1/2 Millionen“ über Selbstentfremdung und Simulation. Kammerspiel-Hausregisseur Christopher Rüping befasst sich mit dem „ohnmächtigen Helden“ Hamlet. Wie wär's mal mit einem frechen Renner aus New York? Zum Beispiel „Sex Tips for Straight Women from a Gay Men“ nach dem Buch von Dan Anderson und Maggie Bergman. Mehr Heiteres dürfte man sich gelegentlich gönnen. Und ein ernst zu nehmendes, aber nicht zu ernstes Kinder- und Jugendprogramm. (bp)

Musiktheater ohne Musik: Das ist kein Fest

Markus Hinterhäuser? Endlich ein Musiker als Intendant, dachten wohl viele Kenner der Szene. Er würde doch Schluss machen mit der bei den Festwochen seit Langem notorischen Ignoranz gegenüber musikalischen Ansprüchen, wie man sie in dieser Stadt an ein Festival wohl stellen dürfe. Ein bisschen schwang von der altvertrauten Geringschätzung des klingenden Elements im Musiktheater aber 2014 noch mit, als die atemberaubend präzis gearbeitete „Cosí fan tutte“-Produktion Michael Hanekes gezeigt wurde. Wie in allen Städten, in denen diese grandiose Inszenierung davor gezeigt worden war, wurde sie auch in Wien von einem drittklassigen Kapellmeister dirigiert. Und das, obwohl sich Konzerthaus und Musikverein, die traditionsgemäß das sogenannte Musikfest der Festwochen ausrichten, im Mai und Juni nie lumpen lassen, und die führenden Maestri unserer Zeit in die Stadt holen.
An alte, große Festwochen-Zeiten – in den Sechzigerjahren gab es immerhin wichtige Erstaufführungen von Bergs „Lulu“ bis zu Einems „Danton“ – knüpfte man hingegen heuer mit dem Gastspiel von Weinbergs „Passagierin“ an. Und Achim Freyers poetisch-schöne Umsetzung von Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ zeigte 2015 vollends, wozu Festspiele gut sind: Vermittlung von zeitgenössischer Musik durch beeindruckendes Bildertheater. Da verzeiht man dem Altmeister auch, dass er mit Klassischem weniger anzufangen weiß und ihm heuer zu „Fidelio“ nichts Adäquates einfallen wollte.
Beethovens Oper als Festwochen-Aufputz ist ohnehin ein Missgriff und wiederum ein Rückfall in das alte Intendantenleiden: Wozu sollen denn Repertoire-Verdoppelungen und -Verdreifachungen gut sein? Regietheater-Deutungen interessieren zwar gelangweilte deutsche Feuilletonisten, aber nicht echte Kenner, die darauf Wert legen, dass, wenn einmal eine echte Regisseurgröße anreist, diese dann bitte im Doppelpack mit einem ebenso bedeutenden Dirigenten erscheinen möge. Sonst ist es kein Fest . . . (sin)

Musiktheater ohne Musik: Das ist kein Fest

Markus Hinterhäuser? Endlich ein Musiker als Intendant, dachten wohl viele Kenner der Szene. Er würde doch Schluss machen mit der bei den Festwochen seit Langem notorischen Ignoranz gegenüber musikalischen Ansprüchen, wie man sie in dieser Stadt an ein Festival wohl stellen dürfe. Ein bisschen schwang von der altvertrauten Geringschätzung des klingenden Elements im Musiktheater aber 2014 noch mit, als die atemberaubend präzis gearbeitete „Cosí fan tutte“-Produktion Michael Hanekes gezeigt wurde. Wie in allen Städten, in denen diese grandiose Inszenierung davor gezeigt worden war, wurde sie auch in Wien von einem drittklassigen Kapellmeister dirigiert. Und das, obwohl sich Konzerthaus und Musikverein, die traditionsgemäß das sogenannte Musikfest der Festwochen ausrichten, im Mai und Juni nie lumpen lassen, und die führenden Maestri unserer Zeit in die Stadt holen.
An alte, große Festwochen-Zeiten – in den Sechzigerjahren gab es immerhin wichtige Erstaufführungen von Bergs „Lulu“ bis zu Einems „Danton“ – knüpfte man hingegen heuer mit dem Gastspiel von Weinbergs „Passagierin“ an. Und Achim Freyers poetisch-schöne Umsetzung von Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ zeigte 2015 vollends, wozu Festspiele gut sind: Vermittlung von zeitgenössischer Musik durch beeindruckendes Bildertheater. Da verzeiht man dem Altmeister auch, dass er mit Klassischem weniger anzufangen weiß und ihm heuer zu „Fidelio“ nichts Adäquates einfallen wollte.
Beethovens Oper als Festwochen-Aufputz ist ohnehin ein Missgriff und wiederum ein Rückfall in das alte Intendantenleiden: Wozu sollen denn Repertoire-Verdoppelungen und -Verdreifachungen gut sein? Regietheater-Deutungen interessieren zwar gelangweilte deutsche Feuilletonisten, aber nicht echte Kenner, die darauf Wert legen, dass, wenn einmal eine echte Regisseurgröße anreist, diese dann bitte im Doppelpack mit einem ebenso bedeutenden Dirigenten erscheinen möge. Sonst ist es kein Fest . . . (sin)

„Es ist die Kunst, ja, ja, die hält mich jung“

Das sang Maria Lassnig in einem ihrer großartigen animierten Videos. Tatsächlich, bildende Kunst hält auch Festivals darstellender Kunst jung, sie ist flotter als die Riesenapparate, sie durchbricht diesen „Blick auf Zeit“ bei Theater, Oper etc. durch angenehme Dauer. Sie ändert schlicht den Rhythmus, in dem man ein Festival erleben kann. Lang gab's bei den Festwochen null Kunst, mit Hinterhäuser hat sich das wieder geändert. Es gibt zwar nicht mehr die gewichtigen kulturhistorischen Ausstellungen wie einst. Es spielt sich eher im Off-Bereich ab, heuer etwa in der alten Postzentrale. Dafür ist man eindeutig politischer, „Universal Hospitality“ kreiste fast schon manisch ums Migrationsthema. Heuer gab's als Draufgabe sogar noch eine Personale im Künstlerhaus, von Sigalit Landau, einer poetischen israelischen Multimedia-Künstlerin. Die allerdings ein bisschen in der Luft hing, nicht etwa in einer zusätzlichen Inszenierung verankert war. Grundsätzlich gibt's in diesem Bereich aber nichts zu nörgeln. Das wird, denkt man an die erste Bekanntgabe des nächsten Festwochen-Chefs, Jonathan Meese für „Parsifal“ engagiert zu haben, wohl auch so bleiben. Und für die Salzburger Festspiele darf man endlich auch wieder begründete Hoffnungen in diese Richtung hegen. (sp)