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Transgender dürfen in Schweden oben ohne baden

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(c)Die Presse - Clemens Fabry
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Frauen, die sich wie Männer fühlen, müssen in Schwimmbädern kein Oberteil tragen. Aktivisten feiern das neue Urteil der Antidiskriminierungsstelle als „Schritt in richtige Richtung“.

Stockholm. „Jetzt dürfen alle topless in die Schwimmhalle!“, titelte die schwedische Boulevardzeitung „Aftonbladet“ verheißungsvoll über ein Urteil des schwedischen Antidiskriminierungsamtes. Herbeigeführt hat eine Transgender-Person diese Schlagzeile: Die Bademeister der kommunalen Stockholmer Badeanstalt Liljeholmsbadet hatten eine Frau, die ohne Brustbedeckung badete, aus der Schwimmhalle geworfen. Die Frau hatte protestiert und angegeben, Transgender zu sein. Das heißt, dass sie sich trotz ihres weiblichen Aussehens nicht als Frau identifiziert, sondern eher als Mann.

Nun wandte sich der Badegast an die Antidiskriminierungsstelle. Die gab ihm recht und rügte die Schwimmhalle. Denn die Bademeister behandelten den Transmann als Frau, obwohl er das nicht wollte. In Schweden gibt es inzwischen auch neben er (han) und sie (hon) eine geschlechtsneutrale Bezeichnung, das hen, das sich derzeit in den Zeitungen etabliert und auch in diesem Fall genutzt wird.

Der Boulevard freut sich, aber auch schwedische Frauenrechtler applaudierten dem Urteil, denn sie fordern seit Jahren, dass die Brustbedeckungspflicht für alle Frauen aufgehoben wird. Der Bedeckungszwang sei genauso rückschrittlich wie der Zwang zum Tragen von Burkas, argumentieren sie überspitzt. Männer müssen sich auch nicht die Brust in Schwimmbädern bedecken. Und das, obwohl die männliche Brust auch eine erogene Zone sein kann und gerade übergewichtige Männer oft viel größere Brüste in Schwimmhallen zur Schau stellen als Frauen, so die Argumentation.

In Schweden gibt es seit vielen Jahren die Kampagne Bara Bröst, einem Wortspiel aus „nur eine Brust“ – warum also so viel Aufsehen darum? – und eine bare, also nackte Brust. Bara-Bröst-Aktivistinnen waren in der Vergangenheit mehrmals ohne Oberteil in Schwimmhallen gegangen. Doch eine Klage beim Antidiskriminierungsamt hatte in diesem Fall, bei Frauen also, die sich als solche fühlen, keinen Erfolg.

 

Umsetzung schwierig

Mit der derzeitigen Regelung dürfen nur Frauen, die sich eher als Männer fühlen, ungestraft in den staatlichen Schwimmbädern des Landes baden gehen. Doch das sei immerhin ein Teilsieg, so die Anhängerinnen von Bara Bröst. Auch Per Holfve vom Antidiskriminierungsamt findet, dass das Urteil in die richtige Richtung führe. „Das beeinflusst die Sicht der Gesellschaft auf Geschlechterfragen in eine tolerantere Richtung.“

Doch die Badeanstalt Liljeholmsbadet findet den Entscheid problematisch. In der Praxis funktioniere es einfach nicht, wenn alle Frauen ohne Oberteil baden würden, so die Chefin Carina Engström. Schließlich badeten auch religiöse Männer und Frauen, etwa aus der muslimischen Minderheit in ihrer Badehalle. „Das riskiert, mit anderen Kulturen und Religionen zu kollidieren. Es gibt bei uns auch Frauen, die in Ganzkörperanzügen baden. Auch diejenigen, die keinen religiösen oder kulturell anderen Hintergrund haben, könnten sich von Frauen, die mit nackter Brust baden, gestört fühlen“, unterstreicht sie.

Anika Johansson geht regelmäßig im Liljeholmsbad schwimmen und fühlt sich nicht gestört. „Letztens schwamm wieder eine Frau ohne Oberteil neben mir. Sie fragte mich höflich, ob das okay für mich sei und ich sagte Ja.“ Auch Mats Ivarsson, Herr über alle Schwimmhallen in der Kommune Gävle, zeigt sich in den schwedischen Medien gelassen. Das passiere immer wieder und sei für die anderen Badegäste nie ein Problem.

„Natürlich gibt das Risiko, dass es zu sexuellen Belästigungen kommt. Aber das passiert leider auch Frauen mit Brustbedeckung regelmäßig.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)