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„Da kommt das ganze System ins Wanken“

Philipp Hildebrand
(c) Bloomberg (Krisztian Bocsi)
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Die Finanzkrise und ihre Folgen haben enorme Frustration in der Gesellschaft hinterlassen, sagt der ehemalige Schweizer Notenbanker und Blackrock-Vize Philipp Hildebrand. Auch die Mittelschicht bekommt die Folgen zu spüren.

Die Presse: Wir schreiben das Jahr 2020, Großbritannien hat die EU vor vier Jahren verlassen. Wie sieht Europa aus?

Philipp Hildebrand: Solche Prognosen sind immer schwierig. Und das ist das Kernproblem. Gerade aus wirtschaftlicher Sicht brauchten wir dringend mehr Zuversicht. Ein Brexit würde enorme Unsicherheit ins System bringen – und die kann die Welt nicht brauchen. Den Unternehmen und den Menschen mangelt es generell an Zuversicht. Sie investieren nicht, und die Wirtschaft kommt nicht in Schwung.

Ist es da nicht verständlich, dass viele Briten sagen: Wir wollen unsere Unabhängigkeit zurück?

Natürlich ist die Versuchung groß, sich eine heile Welt der Vergangenheit zurückzuwünschen. Ich habe lang in England gelebt. Gerade als Insel hat man dieses Nostalgiegefühl von der guten, alten Zeit noch viel stärker. In der Realität ist es eine Illusion. Wir leben in einer vernetzten Welt. Davon können wir uns nicht abkoppeln. Die Ernüchterung würde relativ rasch kommen. Aber das Brexit-Lager hat die Aufmerksamkeit auf Migration und Fremdbestimmung gelenkt. Mittlerweile ist der Grundtenor ja: Wir wissen, es wird uns wehtun – aber wir wollen es trotzdem.

Donald Trump fährt eine ganz ähnliche Strategie.

Genau. Auf der Welt gibt es immer Probleme. Aber im Moment haben wir sehr viele. Insbesondere damit, dass große Teile der Mittelschicht sich von den vergangenen 20 Jahren betrogen fühlen. In den USA sind in diesen 20 Jahren 25 Millionen Menschen aus der Mittelklasse abgestiegen. Seit Bill Clinton ins Weiße Haus eingezogen ist, ist das Median-Einkommen um 3000 Dollar gefallen. Das sind echte Zahlen, keine Gefühle.

Waren die Zukunftsaussichten vor 20 Jahren tatsächlich besser?

Man kann Segmente der Bevölkerung identifizieren, die heute weniger Hoffnung haben, als sie vor 20 Jahren gehabt hätten. Das gilt nicht für die gesamte Gesellschaft. Aber die fatalen Entwicklungen vor der Finanzkrise haben zu einer Ungleichheit beigetragen. Wenn das die Mittelklasse trifft, die das Fundament der Gesellschaft ist, dann haben wir ein Problem. Da kommt das ganze System ins Wanken.

Was ist da schiefgelaufen?

Die Finanzkrise ist ein wichtiger Teil davon. Daran tragen alle Mitschuld. Die Akademiker, die Medien, die Professoren, die Banken, die Regulatoren. Wir haben ein System zugelassen, das nicht nachhaltig war und zu stark auf Hebelwirkung ausgelegt. Das hat zwar Gewinne produziert, die aber maßgeblich als Kompensation für ganz wenige im Topmanagement abgezogen wurden. Gleichzeitig hat es enorme Risken für ganze Volkswirtschaften produziert. Das hat enorme Frustration hinterlassen.

Kann so etwas wie Lehman jederzeit wieder passieren?

Das glaube ich in diesem Sinne nicht. In den Bilanzen hat sich schon viel verändert. Wir haben heute andere Probleme. Wir generieren zu wenig Wachstum. Die Politik muss Strukturen ändern in der Wirtschaft. Das kann eine Notenbank nicht.

Besteht angesichts der extremen Geldpolitik der Notenbanken nicht auch die Gefahr von Verwerfungen?

Wenn die Notenbanken nicht so gehandelt hätten, wären wir heute in einer viel schlimmeren Situation. Man muss aber nochmals festhalten: Die Notenbanken können kein Wachstum bringen. Sie haben direkt auf dem Finanzmarkt unterstützend gewirkt, das bevorzugt natürlich die, die Finanzinvestments halten. Hier ist auch eine soziale Ungleichheit eingebaut. Wenn dieser Zustand mehrere Jahre andauert, dann wird es kontraproduktiv. Wenn ich keine Rente mehr bekomme, weil meine Pensionskasse keine Renditen generiert, dann bin ich irgendwann gezwungen, mehr zu sparen, weil ich sonst meine Rente nicht finanzieren kann.

Was sollen denn die Regierungen konkret tun?

Erstens sollten sie, wo es möglich ist, unterstützend die Fiskalpolitik einsetzen. Das ist in Europa nicht einfach. Deutschland ist extrem fixiert auf die Politik der schwarzen Null. Es gibt aber Bereiche, wie Bildung, Sicherheit und auch Infrastruktur, in denen öffentliche Investitionen gut wirken können. Insbesondere, wenn sie Anreize für Investoren schaffen. Zweitens braucht jedes Land Strukturreformen. In Frankreich betrifft es ganz klar den Arbeitsmarkt und die Staatsausgaben.

Was ist denn aktuell das Problem in Frankreich?

In den zehn Jahren ab 2004 hat Frankreich kumuliert genau null Arbeitsplätze im privaten Sektor geschaffen. Das muss man sich einmal vorstellen. Stattdessen hat Frankreich Jobs im öffentlichen Bereich geschaffen und die Staatsausgaben auf 58 Prozent vom BIP hochgefahren. In Deutschland und selbst in der Schweiz kann der Staat Impulse bei Forschung und Ausbildung setzen, um private Investitionen anzukurbeln. Auch bei Infrastruktur, Integration und Sicherheit gibt es Nachholbedarf. Der Schutzschirm der Amerikaner wird nicht mehr in dem Ausmaß existieren, wie wir es gewöhnt sind.

Warum nicht?

Im Moment kommt eine Welle auf die USA zu, die dazu führen wird, dass sich die Vereinigten Staaten von vielen Verantwortungen verabschieden müssen, die sie in den vergangenen Jahren übernommen haben. Die Kandidaten sind alle sehr kritisch gegenüber dem Welthandel. Wir kommen in eine Phase, die historisch gesehen nicht unüblich ist, in der Amerika wieder stark nach innen schauen wird. Das bedeutet, dass wir in Europa selbst Verantwortung übernehmen müssen.

Stichwort Russland. Da gibt es wieder Gespräche. Ist das Ende der Eiszeit eingeleitet?

Wir müssen einen Weg finden. So unangenehm das für Politiker sein mag, wir können nicht so tun, als hätten wir diesen großen Nachbarn im Osten nicht, der für Europa auch historisch immer sehr wichtig war. Die Idee, dass man Russland ignorieren und abgrenzen kann – das ist eine Illusion. Um vorwärtszukommen, braucht es einen Dialog zwischen Europa und Russland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)