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150 Jahre auf der Mariahilfer Straße

Mariahilfer Straße
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Das älteste Geschäft auf Wiens größter Einkaufsstraße, das Papiergeschäft Miller, besteht als eines der wenigen kleinen Wiener Traditionsunternehmen im Umfeld der großen Ketten.

Wien. Nein, man sieht sie ihm wirklich nicht an, die 150 Jahre. Helle, verglaste Front, moderne Einrichtung, ein Flatscreen mit Werbefilmen. Nur der altmodische Schriftzug über dem Eingang verweist auf die lange Geschichte und auch die Tatsache, dass es hier noch Farbbänder für Schreibmaschinen zu kaufen gibt. Hier, im Miller Büro und Schreibkultur, dem ältesten noch bestehenden Geschäft auf der Mariahilfer Straße, das heuer seinen 150. Geburtstag begeht.

Auch wenn „der Miller“ als ein Urwiener Unternehmen gilt, hat er doch deutsche Wurzeln: Gründer Friedrich Miller ist aus Ulm eingewandert und hat im Haus Nummer 93 auf der Mariahilfer Straße im Jahr 1866 (wann genau, ist unbekannt) sein Geschäft eröffnet, in dem er zunächst Schreibfedern aus hochwertigem Stahl verkauft hat.

(c) Die Presse

150 Jahre, in denen die Familie – Georg Mosler führt das Unternehmen in fünfter Generation, seine Schwester Regine ist für Marketing, Gestaltung und Internetauftritt verantwortlich – viele Aufs und Abs erlebt hat. Der Erfolgskurs als Papier-Großhändler wurde von Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise gestoppt, der Urgroßvater des heutigen Chefs beging Suizid, der Großvater musste in jungen Jahren übernehmen.

Irgendwie hat man die Krise, die Kriege und später in den 1980er-Jahren auch die jahrelange U3-Großbaustelle überstanden, die viele andere Läden zum Zusperren gezwungen hat. Leicht war es nie, Lieferanten wurden vertröstet, Verwandte sprangen finanziell ein, zugesperrt hätte man schon öfters beinahe. Aber irgendwie hat sich der Miller immer gehalten.

Georg und Regine Mosler mussten noch als Studenten die Geschäfte übernehmen, als der Vater krank wurde, „eigentlich wollte ich das gar nicht, mit der ganzen Familie im selben Geschäft stehen“, erinnert sich Regine Mosler. „Daheim ging es immer nur um die Firma, sogar sonntags beim Frühstück.“

Die Geschwister haben dem Laden einen modernen Anstrich verpasst, 2013 ist man im selben Haus in ein kleineres (und günstigeres) Geschäftslokal übersiedelt, in dem heute wie früher Billets, Geschenkspapier, Schreibwaren („Es wird weniger geschrieben, aber Füllfedern werden immer noch gekauft“) angeboten werden. Im Hof gibt es ein zweites Geschäft mit Bürowaren.

Das große Lager hat man aus Kostengründen längst aufgegeben. Denn leicht ist es nicht, als Einzelhändler hier zu bestehen, wegen der hohen Mieten und der Konkurrenz: Der kleine Miller muss sich heute gegen große Filialen von Müller und Thalia behaupten, die direkt nebenan liegen. Wie das gelingt? „Man muss Nischen finden, die die Großen nicht füllen können“, sagt Mosler. Und man setze auf Kompetenz und Beratung, die die Ketten oft nicht bieten.

Abseits vom Miller gibt es entlang der Mariahilfer Straße nur noch wenige Traditionsbetriebe (siehe Grafik): den Huthändler Mauerer (seit 1873!) etwa, das Stoffgeschäft Komolka, Solinger (Messer) und Walter Weiss mit seinen Bürsten und Rasierpinseln.

An die Rückkehr kleiner Wiener Händler ist auf der großen Einkaufstraße freilich nicht zu denken: Gibt einer auf, steht das Geschäft meist eine Zeit leer (siehe Artikel unten), ehe eine Kette einzieht: Für einen kleinen Händler sind die Mieten schlicht nicht leistbar.

Wienweit ist der Miller einer von wenigen gehobenen Papierhändlern. Die Branche ist überschaubar geworden: Da gibt es etwa den Mastnak in der Neubaugasse, auch der Stöger und der Weidler im Ersten halten sich immer noch. Wie der Miller. Auch wenn man ihm die 150 Jahre nicht ansieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)