Wohin mit all dem Hass?

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Aggressionen im Netz gehören zur Tagesordnung. Frauen sind dreimal mehr davon betroffen als Männer. Darüber muss geredet werden.

Lange Zeit wurden sie weggelächelt. Die hasserfüllten, sexistischen und zum Teil strafrechtlich relevanten Kommentare auf Facebook und in Onlineforen. Irgendwie hatte man gehofft, dass das nur eine Phase sei, diese verbale Gewalt wieder weggehe oder weniger werde. Doch seit einigen Wochen regt sich Widerstand, sowohl unter Betroffenen als auch jenen, die täglich – als Leser – Zeuge dieser Beschimpfungen werden. Etwas, das so unübersehbar ist, geht nicht einfach wieder weg. Schon gar nicht, wenn man nichts dagegen unternimmt.

Auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef HC Strache wird Bundeskanzler Christian Kern mit dem Tod durch „eine schnelle Kugel“ gedroht. Journalistinnen wie die „Im Zentrum“-Moderatorin, Ingrid Thurnher, und Puls4-Infochefin Corinna Milborn werden im Internet mit Hassreden wie dieser konfrontiert: „Man sollte dieser Entarteten die Gebärmutter ziehen, ausspülen und einem Schutzsuchenden als Trinkschlauch auf die Reise in die Wüste mitgeben.“ Unter Artikeln zu polarisierenden Themen wie der Flüchtlingskrise, der Aufnahme der Töchter in die Bundeshymne oder, erst jüngst, dem Attentat in Orlando, bei dem 49 Menschen getötet wurden, finden sich rechtsradikale, homophobe und frauenfeindliche Kommentare. Verbale Gewalt im Netz erfahren Männer ebenso wie Frauen, aber Frauen sind dreimal häufiger davon betroffen, wie 2015 eine britische Studie ergab.

In der vergangenen Woche haben mehrere Medien eine Debatte über Gewalt gegen Journalistinnen angestoßen. Im „Falter“ berichteten Ingrid Thurnher, Corinna Milborn, die freie Journalistin Barbara Kaufmann und die Vice-Redakteurin Hanna Herbst unter dem Titel „Uns reicht's!“ über ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren und sexualisierter Gewalt im Netz. Auf dieses Thema aufmerksam gemacht hat bereits im Februar die „Wienerin“ mit Interviews, Kommentaren und einem Video, in dem Journalistinnen an sie adressierte Hasspostings vorlasen. „Kurier“ und „Profil“ starteten gerade eine gemeinsame Medieninitiative, informieren in einer Reihe von Artikeln über das Thema und liefern Strategien, die man dagegen anwenden kann.

Es wirkt, als habe die jüngste Welle der Berichterstattung etwas in Bewegung gesetzt. Statt sich gegenseitig anzujammern oder die unverschämten Beschimpfungen einfach wegzulachen, wollen Betroffene nun aktiv darüber sprechen, was sie erleben – und etwas tun, damit sich das Gesprächsklima im Netz verändert. Auf der Kampagnenplattform aufstehn.at solidarisieren sich seit Mitte der Woche Menschen unter dem Hashtag #solidaritystorm mit dem Aufruf der vier Journalistinnen im „Falter“. Bis Samstagmittag haben 10.000 Menschen die Solidaritätserklärung unterzeichnet.


Meldestelle gegen Frauenhass. Auch die neue Frauenministerin, Sabine Oberhauser (SPÖ), die ab 1. Juli die Frauenagenden in der Bundesregierung übernimmt, reagierte rasch. Sie kann sich die Einrichtung einer Meldestelle gegen Frauenhass im Web vorstellen: „eine Stelle, an die sich Frauen, die das Gefühl haben, sie sind im Netz von Gewalt, von Mobbing betroffen, wenden können“. Zudem möchte sie das Gespräch mit Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) suchen, um legistische Optionen zu erörtern. Doch das Strafrecht reicht ihrer Meinung nach nicht aus, auch wenn es „eine Menge Dinge“ gebe, gegen die man vorgehen könnte. Besonders wichtig ist der Ministerin ein öffentlicher Dialog darüber, der klarmache, dass solche Aktionen „nicht salonfähig“ seien. „In vielen Fällen gilt auch: Wehret den Anfängen“, sagte sie. Hass im Netz, darüber werde schon länger diskutiert, aber es sei wichtig, klarzumachen, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen „noch etwas Anderes ist“. Es gäbe schlicht einen Unterschied dazwischen, jemanden „nur zu beschimpfen“ und jemandem eine Vergewaltigung, die Verletzung der sexuellen Integrität, zu wünschen.


Was tut „Die Presse“? Auch „Die Presse“ beobachtet besorgt den kontinuierlichen Anstieg des Hasspegels von Internetusern auf ihrer Webseite und auf Facebook. Spezielle Werkzeuge können zwar die gröbsten Entgleisungen und Beschimpfungen gegen Redakteure oder Personen der Berichterstattung aufspüren und gar nicht erst freischalten, damit allein ist es aber nicht getan. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im vergangenen September wurde daher die Kommentarfunktion unter allen Texten zum Thema deaktiviert, und die Nutzer wurden in ein eigens eingerichtetes, moderiertes Forum zum Thema geleitet. Allerdings behielt und behält sich die Redaktion vor, solche Foren zu schließen, wenn das Gesprächsklima so entgleist, dass nur mehr Hasstiraden gepostet werden und auch eine Moderation nicht mehr eingreifen kann.

Seit April hat die „Presse“ einen Schwerpunkt auf die Communitybetreuung im Internet gesetzt. Ein eigenes sechsköpfiges Team kümmert sich seither um Kommentare und jegliche Anfragen, die die Redaktion digital erreichen. In Zukunft wird sich das Communityteam auch aktiver in den Foren selbst einschalten, wenn Diskussionen dort zu entgleisen drohen.

Damit zeigt man, dass man das Klima der Aggression nicht einfach hinnimmt. Das sei der erste Schritt, um aktiv etwas zu ändern, schreibt auch „Profil“-Autorin Ingrid Brodnig in ihrem Buch „Hass im Netz“. Sie rät, das Problem nicht nur ernst zu nehmen, sondern unfaire Diskussionsstile von Internetnutzern ganz konkret anzusprechen. Als Gastgeber auf Facebook- und Webseiten könne man zudem Grundregeln der Gesprächskultur vorgeben. Wer sich konstant nicht daran hält, wird ausgeladen oder geblockt. Man würde einen Unbekannten schließlich auch nicht in den eigenen vier Wänden schimpfen und brüllen lassen.

Meldestelle

Frauenministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) hat diese Woche angekündigt, dass sie sich eine Meldestelle gegen Frauenhass im Netz und die Einführung entsprechender Regeln im Strafgesetz vorstellen könne.

Buch: Die „Profil“-Journalistin Ingrid Brodnig zeigt in ihrem Buch „Hass im Netz“ (Brandstätter) auf, was man gegen Hetze, Mobbing und Lügen im Internet tun kann.