Warum wir von den Straßen Londons träumen

Ob Regent Street oder Leicester Square, Brighton oder Penny Lane: Der Britpop hat die (urbanen) Landschaften seiner Insel zum internationalen Sehnsuchtsgebiet gemacht. Eine schnelle Magical Mystery Tour.

„They seek him, they seek him there, in Regent Street, in Leicester Square . . .“ Wer irgendwo in Europa ein Tagesbegleitradio laufen hat, hat gute Aussichten, diese innig genäselten Zeilen zu hören: „Dedicated Follower of Fashion“ von den Kinks ist ein Evergreen im besten Sinn. Ray Davies besang darin 1966 die Welt des Swinging London, in der die „Carnabitians“ – also die regelmäßigen Besucher der Carnaby Street, wo damals die Hipness residierte – von Shop zu Shop flirrten.

So wurden und werden die Pop-hörer mit der Topologie Londons konfrontiert. Derweil fahren in einer kleineren, nördlicheren Stadt stündlich bunte Busse durch die Suburbs: Die „Magical Mystery Tour“ durch Liverpool rollt und rollt, sie führt zur Penny Lane und zum Tor des Waisenhauses Strawberry Field; sie würde nicht dorthin führen, wenn nicht John Lennon und Paul McCartney 1967 in einer sentimentalen Laune je ein Lied ihrer Heimatstadt gewidmet hätten . . .

Was klingt wie der geniale Langzeitplan eines Tourismusmanagers, ist eine erstaunliche kulturelle Leistung des britischen Pop: Er hat seine Heimat zum Sehnsuchtsland für die westliche, ach was, für die ganze Welt gemacht. Wenn die Sex Pistols 1977 in „God Save The Queen“ riefen, dass es keine Zukunft für „England's dreaming“ gebe, negierten sie damit vielleicht die Träume des Königsreichs, induzierten aber zugleich Träume vom Königreich, und zwar in Millionen Jugendlichen, ob sich diese Sicherheitsnadeln durchs Revers bohrten oder nicht. Wenn Mods vom Strand träumen, dann von dem in Brighton, den die Who in „Quadrophenia“ besungen haben; wenn Punks eine Stadt rufen (oder brennen) hören, dann London, den Songs der Clash gehorchend.

Die Politiker Harold Wilson und Edward Heath kamen passiv ins popkulturelle Gedächtnis, weil die Beatles sie im steuerfeindlichen Song „Taxman“ erwähnten, Margaret Thatcher gesellte sich als Hassobjekt von Morrissey, Elvis Costello etc. dazu. Doch Premierminister Tony Blair war der Erste, der den Britpop als Exportschlager und nationales Asset erkannte. Die Band Oasis unterstützte ihn dafür sogar 1997 im Wahlkampf, distanzierte sich aber später von ihm, wobei Gitarrist Noel Gallagher Worte fand, die in diesen EM-Tagen besonders aktuell klingen: „Politik ist für mich wie Fußball. Labour ist nun einmal mein Team. Nur weil du den Mittelstürmer nicht magst, hörst du nicht auf, Fan zu sein.“


Pop & Fußball. Beides erklärt, warum es in jeder zweiten Stadt Europas – natürlich besonders in Wien! – ein Lokal namens Chelsea gibt, wo man dann auch Ale und Cider trinkt. Die in „Candy and a Currant Bun“ von Pink Floyd gepriesenen britischen Süßspeisen haben sich weniger verbreitet, und auch Cricket hat sich auf dem Kontinent kaum etabliert, trotz des Songs der Kinks, in dem es über den schwer verständlichen Ballsport heißt: „It has honor, it has character and it's British.“

Das gilt auch für den britischen Pop, der selbst das Produkt eines gelungenen Kulturtransfers ist: Die erste Generation des Britpop hat ab 1963 den Rock'n'Roll von Amerika nach England übertragen, von der Route 66 auf die Carnaby Street sozusagen, und dort heimisch gemacht. So heimisch, dass England via Popmusik für viele zur zweiten seelischen Heimat geworden ist. Die kann auch ein Brexit nicht zerstören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2016)

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