Wer Frühpensionierungen wirklich stoppen will, sollte sich zuerst Gedanken über die Neugestaltung von Gehaltskurven und Karriereverläufen machen.
Ein Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts IHS hat in der Vorwoche gesagt, eine Erhöhung des faktischen Pensionsantrittsalters von derzeit 58 auf das gesetzliche Antritttsalter von 65 Jahren sei hierzulande notwendig, wenn man das Pensionssystem erhalten wolle. Da hat er hundertprozentig recht. Und er hat gemeint, das Gegenargument, es gebe keine Arbeitsplätze für über 60-Jährige, sei eine „Mär“. Da hat er sich zu hundert Prozent als Bewohner von Wolkenkuckucksheim geoutet.
Ein Gewerkschafter hat darauf repliziert, er sehe nicht, wo in ausreichender Zahl Arbeitsplätze für über 60-Jährige herkommen sollten, wenn es schon schwierig sei, gekündigte 50-Jährige wieder in den Arbeitsprozess zu bringen. Das weist ihn als Realisten aus. Seine Schlussfolgerung daraus war freilich, man könne Experten nicht ernst nehmen, die ein Verstopfen der immer noch bestehenden Schlupflöcher in die Frühpension verlangen. Das zeigt wieder, dass er wohl mit den Grundrechnungsarten auf Kriegsfuß steht. Damit haben wir das Dilemma der hiesigen Pensionsdebatte schon auf den Punkt gebracht: Die einen haben von ihren geschützten Elfenbeintürmen aus einen nur sehr eingeschränkten Blick auf das, was da draußen läuft. Und die anderen können (oder wollen) nicht rechnen.
Fakt ist, dass das Pensionssystem kracht wie eine Kaisersemmel, weil immer mehr Pensionisten immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen. Das hat seinen Hauptgrund darin, dass ein Umlagesystem (die gerade Aktiven zahlen mit ihren Beiträgen die Pensionen der Pensionisten) nur funktioniert, wenn die Altersstruktur der Bevölkerung halbwegs einer Pyramide gleicht. Und nicht, wie derzeit, einem rundum abgeschnetzelten Kebap. Was übrigens das so gern gebrauchte Argument von den „Alten“, die den „Jungen“ ungebührlich auf der Tasche liegen, ein wenig relativiert: Dafür, dass „unten“ zu wenig Beitragszahler nachkommen, können die heutigen Pensionisten nämlich wirklich nichts. Aber sie gehen, da hat IHS-Experte Schuh schon recht, viel zu früh in Pension. Doch auch hier sollte man sich vor schnellen Schuldzuweisungen hüten: Fast jeder kennt einen oder zwei, die es geschafft haben, sich als blühende Endfünfziger in die Pension zu schummeln. Und zwanzig, die gegen ihren Willen in die Pension gekündigt wurden. Die Zwangstrennung von Mitarbeitern bei der erstbesten Frühpensionierungsgelegenheit ist nämlich durchaus gängige Praxis in der heimischen Wirtschaft. Im staatsnahen Bereich wird sie sogar gezielt als Mittel zur Personalstandsanpassung betrieben. Es ist also zu billig, zu meinen, die Frühpensionierungswelle habe ausschließlich mit „Faulheit“ zu tun.
Die Unternehmen, die solches praktizieren, haben dafür natürlich auch gute Gründe. Der wichtigste: Irgendwann Mitte 40 beginnen sich bei den derzeitigen Entlohnungssystemen Leistungs- und Gehaltskurve zu entkoppeln. Und irgendwann stehen Unternehmen, so zynisch das klingt, dann vor der ganz schlichten betriebswirtschaftlichen Frage, wieso sie eine Leistung mit X bezahlen sollen, die sie für 0,5 X auch bekommen.
Wenn Gewerkschaftern, Arbeitgebern und akademischen Pensionsexperten also wirklich an einer Reform gelegen ist, dann sollten sie sich erst einmal zusammensetzen und überlegen, wie man Karriereverläufe und Gehaltskurven so gestalten kann, dass das „In-Beschäftigung-Halten“ für alle Seiten wieder attraktiv wird. Anderswo funktioniert das offenbar ja schon einigermaßen.
Erst wenn man das halbwegs geschafft hat, sollte es ans Verstopfen wirklich aller „Fluchtmöglichkeiten“ gehen. Aber auch da muss man nicht unbedingt mit den „Hacklern“ beginnen. Wirklich gedrückt wird der Schnitt nämlich immer noch durch Eisenbahner, Landesbeamte und andere privilegierte Gruppen, die mit sechzig schon lang gediente „Altpensionisten“ sind.
Hoffnung gibt es allerdings wenig: Die Diskussion ist ja völlig ideologisch überfrachtet – und die Frühpensionierungen werden hierzulande auch als Mittel zur Verschleierung der wahren Arbeitslosigkeit politisch nicht ungern gesehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2009)