Die Zahl der Toten dürfte bei über 20 liegen, etwa 60 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Terrorwelle im Kaukasus erreicht einen Höhepunkt: Bomben und Morde stehen auf der Tagesordnung.
Moskau. Über dem August scheint förmlich ein Fluch zu liegen. Seit über einem Jahrzehnt gilt er den Russen als der Katastrophenmonat schlechthin. Und auch in diesem Jahr setzt sich die dunkle Tradition fort. Der vorläufige Höhepunkt ereignete sich am Montag in Nazran, der Hauptstadt der Kaukasus-Republik Inguschetien. Um circa neun Uhr Ortszeit jagte ein Selbstmordattentäter einen mit Sprengstoff beladenen Kleinlaster im Hof des Polizeihauptquartiers in die Luft. Die Zahl der Toten dürfte bei über 20 liegen, etwa 60 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Als Zeitpunkt des Anschlages hatte der Terrorist den morgendlichen Appell gewählt, zu dem sich die Beamten im Hof versammeln. Der Innenhof wurde durch die Explosion völlig verwüstet, parkende Autos brannten aus, das Gebäude fing Feuer.
Der Anschlag ist der Gipfel einer Serie, die bereits Anfang Sommer begonnen hat. Erst vergangene Woche wurde mit dem Bauminister der dritte hochrangige Vertreter der Republiksregierung direkt in seinem Büro erschossen. Ende Juni war der Republikspräsident selbst, Junus-Bek Jewkurow, Ziel eines Selbstmordattentates, das er im Unterschied zu seinen Leibwächtern schwer verletzt überlebte. Nach eineinhalb Monaten Rehabilitation ist Jewkurow erst vergangene Woche aus dem Krankenhaus entlassen worden und sollte dieser Tage auf seinen Posten in Inguschetien zurückkehren.
Radikalislamische Aufständische, die die Region destabilisieren wollen, stünden hinter dem gestrigen Anschlag, teilte Jewkurow mit und sagte: „Die Araber, die in den Nordkaukasus kommen, sind Söldner. Wir verstehen aber, wessen Interessen dahinterstehen: die der USA und Großbritanniens, aber auch Israels.“ Der Westen würde Russland bei der Wiedererstarkung behindern wollen.
Hilfe aus dem Ausland?
Auch Staatspräsident Dmitrij Medwedjew hat letzte Woche festgehalten, dass der bewaffnete Untergrund im Kaukasus Hilfe aus dem Ausland erhalte. Jewkurow hatte im Mai gemeinsam mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow eine Offensive gegen die Rebellen gestartet – bislang erfolglos, zumal sich auch in Tschetschenien die Morde zuletzt häufen. Ebenso übrigens in der Republik Dagestan, die neben Inguschetien als größter Unruheherd im Nordkaukasus gilt. Dort hatten am Freitag Rebellen einen Anschlag auf eine Sauna verübt und elf Polizisten und Frauen ermordet. Wie die russische Zeitung „Kommersant“ berichtet, hatte Anfang August eine anonyme Gruppe namens „Initiativgruppe der Muslime Shamilkal“ via Internet die Saunabesitzer unter Androhung von Gewalt dazu aufgefordert, ihre „unmoralischen Unternehmen“ zu schließen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2009)