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Tourismus: Finsterer Sommer in Ägypten

A Chinese tourist poses for a photo in front of the Sphinx at the Giza Pyramids on the outskirts of Cairo
Mit dem Einbruch des Tourismus entfällt auch eine wichtige Einnahmequelle in Ägypten. Im Bild: eine chinesische Touristin vor der Sphinx.(c) REUTERS (AMR ABDALLAH DALSH)

Zwischen Sharm el-Sheikh und Hurghada bleiben die Strände leer. Vor allem Deutsche verbringen noch ihren Urlaub in Ägypten, aber auch sie zweifeln an der Sicherheit.

Kairo. „Der Tourismus hisst die weiße Fahne“, titelte kürzlich eine Kairoer Zeitung. Noch nie zuvor erlebte die Sonnenbranche Ägyptens so finstere Zeiten. „Das ist kein Einbruch, das ist ein Zusammenbruch“, klagte Amani El-Torgoman, Vorstandsmitglied des nationalen Tourismusverbandes und Generaldirektorin beim größten heimischen Reisekonzern Travco. Der Badeort Sharm el-Sheikh gleicht seit Monaten einer Geisterstadt. Einsam plärren die Musikboxen in den leeren Cafés entlang der Promenade am Roten Meer. Das Spielkasino ist verrammelt, die Parkplätze davor genauso leer wie das Rollfeld des Flughafens. Manchmal landet noch eine Chartermaschine aus der Ukraine, Weißrussland oder Saudiarabien.

Ahmed Mahmud arbeitet seit neun Jahren in Sharm el-Sheikh, was lange als Vorzeigeprojekt der heimischen Urlaubsbranche galt. „So beschissen war es noch nie“, sagt der 39-Jährige, der sein Geschäft normalerweise mit T-Shirts und pharaonischen Souvenirs macht. „Aber was können wir tun? Wir können nur auf bessere Zeiten hoffen.“

Seit dem Absturz der russischen Chartermaschine im vergangenen Oktober über dem Nordsinai mit 224 Toten, der nach Moskauer Erkenntnissen durch eine an Bord geschmuggelte Bombe verursacht wurde, sind nicht nur in Sharm el-Sheikh, sondern in ganz Ägypten die Besucherzahlen kollabiert. Derzeit liegen sie noch bei einem knappen Drittel der Rekordwerte im vergangenen Mubarak-Jahr 2010, als 14,7 Millionen Feriengäste das Land am Nil besuchten. In diesen goldenen Zeiten steuerte die Branche elf Prozent zum Bruttosozialprodukt bei.

Heute dagegen stehen die vielen Hotels mehr oder weniger leer – egal, ob in Kairo oder am Roten Meer, auf dem Südsinai oder entlang der gegenüber liegenden Seite in Hurghada. 70 Prozent der 250 Tauchzentren haben aufgegeben, 500 Baderesorts zugemacht. Von den 260 Hotelschiffen auf dem Nil zwischen Luxor und Assuan fahren noch ein Dutzend. 600.000 der insgesamt 900.000 Hotelangestellten wurden nach Angaben des ägyptischen Hotelverbandes in den vergangenen fünf Jahren arbeitslos. Und Besserung ist nicht in Sicht.

Denn die populären Charterflüge von Russland ans Rote Meer, vormals mit drei Millionen Besuchern die größte Kundengruppe, sollen frühestens wieder im Herbst beginnen. Auch die britischen Reisekonzerne, die eine Million Gäste an ägyptische Strände brachten, nennen derzeit September oder Oktober als Rückkehrtermin. Und so sind momentan die Deutschen die größte Touristengruppe unter den Europäern, aber auch ihre Zweifel an der Sicherheit und Stabilität Ägyptens wachsen. Die Italiener bleiben weg, seit der italienische Doktorand Giulio Regeni schwer gefoltert und totgeschlagen aufgefunden wurde, und Ägypten die römischen Ermittler mit immer neuen Fahndungspossen an der Nase herumführt.

 

Russisches Sicherheitspersonal

Zudem sind die Sicherheitsexperten Russlands und Großbritanniens unverändert skeptisch bei den Kontrollen in ägyptischen Terminals. Ein erstes Teilgutachten der britischen Firma Control Risk, die im Auftrag Kairos die sieben internationalen Flughäfen des Landes unter die Lupe nimmt, kam zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen. Vor allem der Zugang zum Rollfeld sei unzureichend gesichert, befanden die Gutachter.

Die Kontrollen des Bodenpersonals seien lax, die Zäune um die Flugplätze faktisch unbewacht. Auch argwöhnen die Fachleute, dass der Arbeitseifer ihrer ägyptischen Scanner-Kollegen sofort wieder in den üblichen Schlendrian zurückfällt, sobald ihnen niemand mehr auf die Finger schaut. Moskau verlangt daher, dass ihr Sicherheitspersonal künftig permanent auf ägyptischen Flughäfen stationiert wird. „Das ist absolut inakzeptabel“, hieß es dazu empört in Kairo. „Das verletzt die ägyptische Souveränität.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2016)

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