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Studie: Terroristen könnten zu ABC-Waffen greifen

�bung der ABC-Abwehrschule
Übung der ABC-Abwehrschule(c) APA (JAEGER ROBERT)
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Experten analysierten Bedrohung durch terroristischen Einsatz atomarer, biologischer und chemischer Kampfmittel. Größte Gefahr geht demnach von synthetischen Pockenviren aus.

Wien. Man kennt die Szenarien nur noch aus Filmen: Terroristen setzen atomare, biologische oder chemische Kampfstoffe (daher die militärisch gebräuchliche Abkürzung ABC) in einer Großstadt ein. Die Zahl der Opfer ist enorm.

Doch die Bedrohung, die mit dem Ende des Kalten Kriegs in der Schublade mit der Aufschrift „Denkunmöglich“ verräumt worden ist, wird weltweit von Sicherheitsexperten wieder ernst genommen. Das hat wenig mit Angstmache und einiges mit Faktenwissen zu tun. Vor einer Woche wurde in Österreich still und leise eine Studie fertiggestellt, die sich spezifisch mit der Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von ABC-Kampfmitteln auf eigenem Territorium auseinandersetzt. Zitat: „Das Risiko ist vorhanden, plausibel und gut nachvollziehbar zu begründen.“

Die Studie, die für unterschiedliche Kampfstoffe eine präzise und transparente Risikoeinstufung in Form einer Matrix zusammenführt, hat Gewicht. Dazu beigetragen haben Spitzenkräfte des Bundesheers, des Innenministeriums und des Gesundheitsministeriums. Die Koordination der sechs Monate dauernden Arbeiten übernahm die Plattform Kuratorium Sicheres Österreich (KSÖ), in der sich Behörden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft vernetzt haben.

Im Wesentlichen bewerteten die Autoren mit Unterstützung der Wissenschaftskommission des Verteidigungsministeriums zwei Dimensionen mehrerer ABC-Kampfmittel: Welche Auswirkungen haben sie? Und hat ihr Einsatz aus Sicht der Anwender „Sinn“? Pro Kampfstoff waren in beiden Dimensionen null (sehr gering) bis zehn Punkte (sehr hoch) vergeben.

Das Ergebnis: Die größte ABC-Gefahr geht von Pockenviren aus (14,25 von 20 möglichen Punkten), die von Terroristen in Umlauf gebracht werden könnten. Dahinter folgen speziell entwickelte Grippeviren und chemische Kampfstoffe wie VX (Nervengas) und Senfgas (stark hautschädigendes Kampfmittel). Auch der Einsatz von mit radioaktivem Material verseuchten Bomben wird wegen der guten Verfügbarkeit geeigneten Materials als denkbares Szenario bewertet.

Stark vereinfacht gesagt gibt es zwei Gründe für die Bewertung. Erstens: Die fatale und spektakuläre Wirkung von ABC-Kampfstoffen entspricht exakt den Anforderungen, die Terroristen an „gelungene“ Anschläge stellen. Zweitens: Das zu Herstellung und Verbreitung nötige Wissen ist im Jahr 2016 nicht mehr staatlichen Akteuren vorbehalten. Die Studienautoren (Titel: „Biologische, chemische, radiologische und nukleare Bedrohungen“) beschreiben das so: „Die größere Verfügbarkeit und leichtere Realisierbarkeit biotechnologischer Forschung kann [. . .] grundsätzlich einer breiteren Masse zugänglich gemacht werden.“

 

Vorsorge in mehreren Ländern

Zweifelsfrei bleibt der Einsatz von Handfeuerwaffen und Sprengstoff insgesamt die wahrscheinlichste terroristische Methode. Dass die Gegenseite über den Einsatz von ABC-Kampfmitteln zumindest nachdenkt, das weiß man jedoch aus der Welt der Nachrichtendienste. Es ist ein offenes Geheimnis, dass längst nicht alle syrischen Chemiewaffenbestände vernichtet worden sind. Im Nordirak wurde Senfgas aus dieser Quelle terroristisch eingesetzt. Nach den Paris-Attentaten im November hatte Frankreichs Regierung vor ähnlichen Einsätzen in Europa gewarnt und sich in Spitälern darauf vorbereitet.

Vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft übten die Behörden ganz gezielt ihr Einschreiten nach Anschlägen mit sogenannten schmutzigen, weil mit chemischen Kampfstoffen versetzten Bomben. In Polen probten Sondereinsatzkräfte gemeinsam mit der Feuerwehr das Vorgehen nach einem Giftgaseinsatz in der Warschauer U-Bahn.

Auch das österreichische Bundesheer bereitet sich auf entsprechende Einsätze vor. Ein Teil des jüngst beschlossenen 1,74-Mrd.-Euro-Investitionspakets soll in die Anschaffung von Spezialfahrzeugen für die ABC-Abwehr fließen.

>> Die Analyse als PDF: diepresse.com/risikoanalyse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2016)