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Sicherheitsexperte; „Friedensvision ist für Stupide“

Palestinian children have their picture taken in front of the Dome of the Rock in Jerusalem´s Old city, on the first day of Eid al-Adha
Der Tempelberg in Jerusalem mit dem Felsendom – ein ebenso archaischer wie symbolischer Streitherd zwischen Juden und Arabern.(c) REUTERS (AMMAR AWAD)
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Dan Schueftan, israelischer Analytiker und Ex-Politberater, geht mit dem türkischen Präsidenten, mit der arabischen Kultur, aber auch mit den Europäern hart ins Gericht.

Wien. Sechs Jahre nach dem Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Israel und der Türkei bahnt sich eine Aussöhnung zwischen den strategischen Ex-Partnern an – sehr zum Unmut Dan Schueftans. Der israelische Sicherheitsexperte, ein Berater der Ex-Premiers Rabin und Scharon, hält Recep Tayyip Erdoğan für den gefährlichsten Politiker der Region, wenn nicht der westlichen Hemisphäre.

„Erdoğan ist eine Mischung aus einem Megalomanen, einem Antisemiten und einem gefährlichen Muslimbruder. Er hat eine Konterrevolution gegen Atatürk und die kemalistische Gesellschaft in Gang gesetzt. Man kann mit ihm nicht zusammenarbeiten“, sagt er im Interview an die Adresse der Europäer und Angela Merkels, die mit dem türkischen Präsidenten einen Flüchtlingspakt geschlossen haben. „Erdoğan manipuliert die Europäer, als wären sie Kinder.“

Schueftan kann sich einen Seitenhieb auf die Europäer nicht verkneifen: „Sie sind ja so große Verhandler – und wollen, dass Israel von ihnen lernt.“ Dem Rat der Europäer zu folgen, sei selbstmörderisch. „Saddam Hussein und Assad hätten dann über Atomwaffen verfügt, Selbstmordattentäter würden durch Tel Aviv vazieren.“

„Erdoğan ist gefährlicher als der Islamische Staat (IS).“ Der Analytiker, geschätzt in Tel Aviv wie in Washington, hält die Bedrohung durch die IS-Milizen ohnehin für übertrieben. „Können sie radikaler als Hamas sein? Auch die Hamas exekutiert ihre Verräter, nur nicht vor Kameras. Das ist ein Haufen von Barbaren. Ob IS, Hamas oder Hisbollah – es macht keinen echten Unterschied, außer dass sie weniger besessen von Juden sind.“

Eine Nahost-Perspektive ist für den 73-Jährigen, der so viele Initiativen scheitern gesehen hat, nicht in Sicht. „Es wird kein Abkommen mit den Palästinensern geben“, zeigt er sich überzeugt. Jede Verhandlung sei Zeitvergeudung, dies habe John Kerrys Vorstoß offenbart. „39-mal ist er in die Region gereist, ohne irgendein Ergebnis – dieses Genie.“

 

Salam Fayyads Nichte

Dan Schueftan ist die Inkarnation eines geistreichen, ironischen, mitunter sarkastischen Interviewpartners, salopp und kontroversiell, mit einem Faible für pointierte Formulierungen, explizite Meinungen und politische Unkorrektheit, der mit Assoziationen um sich wirft und bei Gelegenheit Heinrich Heines „Loreley“-Gedicht auf Deutsch rezitiert.

„Wer die USA verstehen will, muss ihre Filme studieren. Die USA sind eher wie John Wayne denn wie Woody Allen“, lautet etwa eine Erkenntnis. „Der Einzige, der bei den Palästinensern Frieden machen kann, ist Ex-Premier Salam Fayyad, und der hat die Unterstützung seiner Nichte an einem regnerischen Monat.“ Derlei Bonmots sind der Grund, warum Schueftans Vorträge – wie am 28. Juni in der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien – so begehrt sind. „Ich bin sehr arrogant, selbst für israelische Verhältnisse.“

Völlig ernst ist es dem Freund von Ex-Premier Ehud Olmert indes mit der Ansicht, dass mit den Palästinenser mindestens für eine Generation kein Frieden zu bewerkstelligen sei. Schueftan plädiert denn auch für den einseitigen Abzug Israels aus dem Westjordanland – nach dem Modell des Rückzugs aus dem Gazastreifen. Er hat dabei einst Ariel Scharon beraten, und er trauert dem bulligen General nach: „Er hatte die Macht, den Zynismus und den Machiavellismus.“ Israel brauche eine Mischung aus Sparta nach außen – eisenhart – und Athen nach innen – soft und offen. „Wir können den Nahen Osten nicht ändern. Die Friedensvision ist für Stupide.“

In Ehren hält Schueftan die Außenpolitik der Realpolitiker in Washington à la Nixon und Kissinger. Mit Barack Obama – und nicht nur dessen Iran-Politik – geht er indessen hart ins Gericht. Der Iran, „ein barbarisches Regime mit Atomwaffen“, erfüllt für ihn ein Horrorszenario. In zehn Jahren, nach Ablauf des Atomdeals, werde Teheran ein Atomarsenal bei der Hand haben.

„Obama versteht den Nahen Osten nicht.“ Dass er im Zuge des Arabischen Frühlings Hosni Mubarak fallen ließ, kreidet er ihm als schweren Fehler an. „Wer sonst soll für Stabilität in der Region garantieren außer Ägypten, Saudiarabien und Israel? Die Aktivisten auf dem Tahrir Square waren 100.000, der Rest sind sind 90 Millionen. Sie hatten die Chancen eines Schneeballs in der Hölle. Was erwarten wir in Ägypten? Einen Demokraten?“

Mit der demokratischen Kultur in der arabischen Welt sei es nicht weit her. „Sie produziert nur Katastrophen – und Europa importiert die arabische Kultur mit den Flüchtlingen. Es fehlt das Erbe des Pluralismus. Es ist die Erklärung, warum Singapur ein Erfolg und Syrien ein Desaster ist – die Araber sind loyal gegenüber ihren Clans. Sie sind die größten Versager in der modernen Geschichte. Sie wissen, was zu tun wäre – aber sie sind nicht dazu bereit. Dafür müssten die Eliten Privilegien, Macht, Positionen aufgeben.“ Syrien werde seier Meinung nach als Alawistan enden, als Domäne Assads rund um Damaskus, Aleppo und den Küstenstreifen. „Der Rest wird im Chaos versinken.“ Ähnlich verhält es sich mit dem Kunstgebilde Irak.

 

Antisemitismus in Europa

Irritiert zeigt sich Schueftan angesichts des Aufstiegs der Rechtspopulisten in Europa: „Es ist noch keine Seuche, aber sie kann sich ausbreiten.“ Mehr noch gibt ihm jedoch der wachsende Antisemitismus zu denken, insbesondere jener der Eliten. Rund 50 Prozent der Deutschen meinten, Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. „Die schlimmsten Antisemiten sind die Gebildeten. Günter Grass wusste ja selbst nicht, dass er einer ist.“

ZUR PERSON

Dan Schueftan (73)
ist Chef des National Security Studies Center an der Universität von Haifa. Als Sicherheitsexperte war er Berater mehrerer Premiers in Israel. Er plädiert für den unilateralen Rückzug aus dem Westjordanland. Am 28. Juni (19.30 Uhr) hält er einen Vortrag in der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. [ Katharina Roßboth]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2016)