Wer Wind sät, wird Korsika ernten

Korsika
Korsika Reuters
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Die „Insel der Schönheit“ verdient ihren Namen. Sie hat aber auch ihre Tücken. Wie menschliche Schönheiten ist sie nicht leicht zu erobern. Es braucht vor allem Zeit, um über kurvige Bergstraßen die Bergdörfer zu erreichen. Für Bade- und Faulenzerurlaub ist die Insel fast zu schade.

Tramontana von oben, Mistral von links, Scirocco und Levante von rechts – es bläst, es stürmt. Plastiksessel, Gläser, Zeitungen fliegen durch die Luft. Das ist das Erste, was an Korsika auffällt. Und das Zweite: Dass die Korsen stark an ihrer Eigenständigkeit und Quasi-Unabhängigkeit festhalten.

Das beginnt schon bei Kleinigkeiten: Pfirsiche, Nektarinen, Melonen, Pomelos, Orangen, Zitronen, Marillen liest der Besucher auf einem Schild bei einem der Straßenstände, hinter jeder Frucht steht groß das Wort „korsisch“. Der Nationalstolz führt allerdings auch dazu, dass die Einwohner gern die französische Bezeichnung auf Straßenschildern mit Schrotflinten beschießen oder Bauten an Stränden, die Bürgermeister bereits genehmigt haben, im Frühstadium abfackeln. Die Strände seien ja für alle da. Bei den Regionalwahlen 2015 wurden die korsischen Separatisten mit 35 Prozent erstmals stärkste Partei.

Der Minikontinent Korsika setzt sich zäh gegen seine Eroberung durch den Massentourismus zur Wehr. Zu Hilfe kommt den Korsen dabei ihre Landschaft: Auf steilen, schmalen Bergstraßen kann man oft nur mit Tempo 30 bis 40 fahren. Schwellen dämpfen die automobile Risikofreude der Einwohner radikal, auch in den kleinsten Dörfern, in denen neben der Kirche oft ein Versammlungshaus steht, in dem sich die Männer in Bruderschaften über Jagd, Fischerei oder Kulturpflege austauschen.

Unbeliebter Napoleon

Die traditionsverbundene korsische Gesellschaft hat allerdings ihre Doppelmoral: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder zum Studium nach Frankreich, wo sie dann oft zum Arbeiten bleiben. Die Dörfer leeren sich, man sieht viele alte Leute und verfallene Steinhäuser. Ohne die Investitionen Frankreichs und der EU in die Infrastruktur könnte Korsika schwerlich überleben. Blutrache, Banditen und Freiheitskämpfer – das sind alte Geschichten. Ebenso Napoleon, der auf Korsika geboren wurde, aber wenig beliebt ist, weil er seiner politisch-militärischen Karriere und den Franzosen diente. Verehrt wird hingegen Napoleons Gegenspieler, der Revolutionär und Widerstandskämpfer Pasquale Paoli.

Deutlicher als die politischen Verwerfungen ist der Raubbau an der Natur. Wie viele Mittelmeerinseln war auch Korsika einst bewaldet – heute bedeckt Macchia weite Teile der Insel. Das ändert aber nichts an ihrer landschaftlichen Schönheit, die allerdings nicht auf die Schnelle mit dem Auto konsumierbar ist. Am besten nimmt man sich 14 Tage Zeit oder zumindest eine Woche und reist von einem Ort zum anderen, von Calvi im Norden nach Bonifacio im Süden.
Österreichische Outdoor-Fans, aber auch Familien, die nur baden wollen, frequentieren gern die Ferienanlage Zum Störrischen Esel in der Nähe von Calvi. Zwei Vorarlberger Volksschullehrer haben in der Nachkriegszeit Wanderer, Kletterer und Radfahrer aus ihrer Heimat ins damals noch exotische Korsika gelockt. Nahe am Meer wurde gezeltet, gekocht und gesungen. Nach Querelen mit den Nachbarn und Behörden erwarben die Vorarlberger eine heruntergekommene Hotelanlage und renovierten sie – mit Handwerkern aus dem Ländle. Die Bungalows sind einfach, sauber, gemütlich und wetterfest. Die Dorfküche mischt lokale und alpin-internationale Gerichte, korsischer Rindsbraten kommt hier ebenso auf den Tisch wie nahrhafter Riebel, ein Verwandter des Sterzes aus Maisgries.

Geröstete Maroni

Wer flüchten will, nutzt die exzellente korsische Infrastruktur, die Busse. In einer Snackbar im Bergdorf Envisa etwa speist man da Salat mit gerösteten Maroni – früher ein Grundnahrungsmittel der Korsen und wichtiger als Getreide – und herrlichen Ziegenkäse, dazu ein Gläschen Rosé. Übrigens: Fahrzeuge sind mit Alkomaten ausgestattet, starten kann nur, wer nüchtern ist. Ebenfalls nicht ratsam sind längere Ausflüge in die Berge ohne Karte und ohne Begleitung.

Korsika hat viele schöne Sandstrände, besteht aber zum Großteil aus Hochgebirge. Im Sommer wird es sehr heiß, manchmal regnet es 60 Tage nicht – Wasser und Proviant muss man mitnehmen, die Unterkünfte sind nicht so dicht gesät, speziell in der Hauptsaison muss man reservieren, etwa auf dem berühmten GR 20, der in 15 Tagesetappen über die Insel führt. Der höchste Berg ist mit 2700 Metern der Monte Cinto. Im Störrischen Esel werden zahlreiche geführte Ausflüge angeboten, etwa Berg- oder Bootstouren, darunter zum Weltnaturerbe La Scandola im Westen der Insel in der Nähe des idyllischen Porto.

Billig ist Korsika nicht. Kulinarisch empfehlenswert sind vor allem die Menüs, für 30 Euro und weniger gibt's etwa Wildschweinragouts inklusive schmackhafter Vor- und Nachspeisen. Meeresfrüchte werden in ?tang genannten, künstlich geschaffenen Salzwasserseen gezüchtet – die korsischen Austern, Langusten und Miesmuscheln sind köstlich und verhältnismäßig günstig – 40 Euro für eine Languste aus dem Restaurant-Becken. Im Alltag staunt man allerdings über die Preise im Supermarkt, ein Grillhuhn zum Beispiel kostet 15 Euro.

„Calvi in the Rocks“

Auch im „urbanen“ Raum sollte man gut zu Fuß sein. Die Korsen siedelten sich meist in den Bergen an und nutzten die Küstenorte vor allem als schwer bewachte Umschlagplätze für Waren. Auch wenn die vielen kleinen Buchten als ideale Zufluchtsorte für Freibeuter erscheinen: Die Korsen selbst waren keine Piraten. Der „Mohr“ mit Stirnband, das Wahrzeichen von Korsika, erinnert an den Kampf gegen die Mauren im neunten und zehnten Jahrhundert. Küstenstädte sind mit eindrucksvollen Zitadellen und befestigten Hafenanlagen bewehrt, wo heute imposante Jachten ankern.

Bastia ist städtischer, Calvi touristischer, beide Städte haben südländisch-französisches Flair, mit vielen Restaurants, Cafés, Läden, die nicht den eigens für Touristen hergestellten Plunder anbieten oder teure Flagship-Stores sind. Durch ihren Nationalstolz vermitteln die Korsen: Hier sind nicht nur Geschäftsleute und Touristennepper am Werk, sondern Gastgeber. Als besonders chic und modern gilt Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons.

Korsika bietet viel Kultur, darunter Ende Juni Jazz-Festivals in Calvi und Ajaccio, „Calvi on the Rocks“ im Juli (elektronische Musik), Festivals für zeitgenössische Kunst, italienischen Film oder Amateurtheater in Ajaccio. Dort gibt es auch das reichhaltige Musée Fesch, gegründet von Napoleons Onkel Kardinal Joseph Fesch mit 400 Werken italienischer Malerei vom 13. bis zum 17. Jahrhundert.

Essen

Strände & Meer

Märkte

Französische Spezialitäten

Veranstalter

Korsika

Restaurant U Fanale, Route de Porto Bord de Mer, etwas abgelegen vom Zentrum, mit schönem Blick

U Ricanto, direkt am Strand, beide in Calvi

Cote Marine, Bastia, direkt am Hafen

A Stalla, im autofreien Dörfchen Sant' Antonino

Acula Marina im Städtchen L'Ile Rousse, direkt am Strand

Viele Strände haben keine Infrastruktur (Schirme, Toiletten) und werden auch nicht gesäubert. Wenn man in Restaurants am Strand isst, kann man die Liegen gratis benützen, zum Beispiel im Acula Marina. Das Meer ist glasklar und sauber, auf Korsika gibt es keine Industrie. Allerdings kann es im Frühsommer (Mai, Juni) kühl, regnerisch und stürmisch sein. Auch vor Wolkenbrüchen und Gewittern ist man nicht sicher.

in Bastia: Auf dem Place de l'Hotel de Ville findet Samstag und Sonntag ein Bauernmarkt statt. Auf Märkten lassen sich am besten die korsischen Weine und Spezialitäten (Würste, Wildschweinpasteten, Rohmilchkäse) verkosten.

Domaine d'Alzipratu, Führung und Verkostung auf diesem sehr modernen Weingut in Zilia, acht Kilometer von Calvi entfernt in der Balagne (Norden). Eigentümer: Pierre Acquaviva, alzipratu@orange.fr

Mietwagen sind teuer, z. B. Avis 100 Euro pro Tag (mit Vollkasko ohne Selbstbehalt), wenn man das Auto mehrere Tage nimmt, wird es billiger.

Informativ: Jenny Hoch, „Gebrauchsanweisung für Korsika“, Piper. Ein Lesebuch über korsische Sitten, Gebräuche und Skurrilitäten unter besonderer Berücksichtigung des korsischen Menschen, einem unbändigen Charakter.

Polyfone korsische Gesänge: Paghjella, der polyfone korsische Männergesang, entwickelte sich vermutlich aus dem gregorianischen Choral. Die korsische Sprache ist italienisch-keltisch, geprägt durch die Herrschaft u. a. der Genueser. Nicht nur Kultur, auch Religion sind sehr wichtig auf Korsika, vor allem die Prozessionen zu Pfingsten sind sehenswert („Settimana Santa“, 15. Mai).

Un jour en France, Westbahnstraße 9, 1070 Wien, 0664/447 53 64, Mi–Fr, 10–19 Uhr, Sa, 10–18 Uhr, unjourenfrance.at

Selection Neubauer Epicerie Fine Porzellangasse 49a, 1090 Wien, 0664/86 26 888, Di–Fr, 8–20 Uhr, Sa, 8–14 Uhr, selection-neubauer.at

Gründer des Feriendorfs Zum Störrischen Esel sind die Eigentümer des Vorarlberger Reiseveranstalters Rhomberg Reisen. Last-Minute-Schnupperflüge gibt es jeweils Freitag nach Calvi, Sonntag wieder retour. Rhomberg bietet Direktflüge nach Calvi mit Fly Niki an, u. a. von Wien, Salzburg, München. Außerhalb der Saison sind die Bungalows günstig: 200–300 €. Sonst: Kosten ab 562 Euro p. P. korsika.at

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