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Wer die wilde Weisheit will

Sie hatten sich in ihrer Kunstwelt eine Kunstsprache erdacht. In der kommunizierten sie während ihrer zwei Jahrzehnte dauernden Beziehung. Manchmal wie Verliebte. Manchmal wie Geschwister. Stets wie liebende Geschwister. Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze zum 90. Geburtstag.

Ingeborg Bachmann wird 40. Der Briefadressat, Hans Werner Henze, ebenso: „Jetzt kommen unsre Geburtstage . . . Ich bin nicht nur gefasst, sondern teils gleichgültig, teils erheitert: und im Ganzen ruhig, weil ich mir denke, so was Schifoses wie meine Dreißigerjahre ist nicht mehr auf Lager . . . Mit wehmütigem Zurückblicken ist's also nichts . . . Fegen wir's also weg, alles Schlechte, mit neuen Seiten, zu zwei und zu vier Händen. Al tuo futuro, al nostro, al mio, alla saggezza selvaggia!“

Saggezza selvaggia – „wilde Weisheit“ wünscht sie. Die will auch er, der gerade feststellt, dass ihm sein Einzelgängertum „auf die Dauer nicht bekommen würde. Ich war zu jung und längst nicht stark genug und reif zur Einsiedelei, war ja gerade erst 40 geworden und wollte viel Leben . . .“ Auch darin war man sich einig.

Und das „Schifose“, das sie anspricht? Es handelt sich um einen aus dem Italienischen (schifo: Ekel, Abscheu) ins Deutsche transferierten Begriff. Henze und Bachmann hatten sich in ihrer Kunstwelt eine Kunstsprache erdacht. In der kommunizierten sie während der zwei Jahrzehnte dauernden Beziehung. Manchmal wie Verliebte. Manchmal wie Geschwister. Stets wie liebende Geschwister: Die Bachmann, geboren am 25. Juni 1926, war eine Woche älter als Henze. Er sprach von ihr in höchster Verehrung, von seiner „großen Schwester“, denn: „Ihr Wissen – um die Welt, um die Menschen, um die Dinge der Kunst – übertraf das meine um 2000 Jahr. Ich lehnte mich an sie an, ihr Geist half meiner Schwachheit auf.“ Auch sprach er ihr ein „gewisses Recht zur Bevormundung“ zu, „auf dessen kontinuierliche Ausübung ich allerdings auch größten Wert legte. Ich konnte sie alles fragen, konnte ihr alles sagen und tat es wohl auch. Sie antwortete, klug und lieb, fragte mich aber nicht alles und sagte mir auch nicht immer alles.“

Der Vorbehalt betraf die Parallellinien in ihrem privaten Leben. Doch in Kunstdingen und im Politischen herrschte Offenheit. Da durfte die „große Schwester“ den Verbündeten auch anstacheln, in einem von ihr angeregten Wahlkampfvortrag zugunsten von Willy Brandt, den er halten sollte, „ruhig ein paar Meter über die Sozialdemokratie“ hinauszugehen: Das schade „diesen Schüchterlingen gar nicht“. Henze tat, wie ihm „befohlen“. Er bezeichnet übrigens auch Fidel Castro, ebenfalls Jahrgang 1926, in dessen revolutionärem Kuba er Ende der 1960er komponierte, als seinen „grandiosen“ Altersgenossen. Er beherbergte Rudi Dutschke – eckte politisch wie künstlerisch an. Diesem Widerspruchspotenzial zum Trotz hegte er ein Harmoniebedürfnis, pflegte ein erlesenes Schönheits- und Lebensideal, das in sehr bourgeoisen Kulissen gedieh. In diese Traumwelt, in die er nicht geboren wurde, sondern die er sich selbst erobern und erarbeiten musste, lud er Prinzessin Ingeborg ein – oder auch: Ingeborg Baby, die adorabile sorella, die Göttliche, Karfunkelsteinhafte, die liebe Wildente, wie er sie in Briefen zärtlich-fantasievoll nannte.


Beider Väter Mitglieder der NSDAP

Auch sie fasste schon früh Fluchtgedanken aus ihrer Geburtsstadt Klagenfurt. Reiselust und das damit verbundene Eskapismus-Gen wurzelten wohl in der Herkunft: Beide entstammten klein-bildungsbürgerlichem Milieu. Beider Väter waren Lehrer und Mitglieder der NSDAP. Als die beiden Jungkünstler einander im Herbst 1952 anlässlich einer Tagung der Gruppe 47 erstmals begegneten, hatte Henze seine Deutschland-„Flucht“ schon geplant. Sein Heimatland blieb für ihn fortan ein geografischer Drohbegriff, Metapher für nördliche Kälte, für Nebel und Hässlichkeit, für Brutalität und Krieg. Und für Verfolgung. Henzes Vater sah nicht nur die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes skeptisch. Er warnte ihn, er werde wohl einmal als Stehgeiger in einem Café enden. Als er die Homosexualität seines Ältesten zu ahnen begann, stellte er den Sohn zur Rede. „Leute“ seines „Schlages“ gehörten ins Konzentrationslager. Ein Komponierverbot wurde verhängt, der Junge musste Holz hacken, statt Klavier zu üben. 1944, als man Postleitzahlen für Briefe in Deutschland eingeführt hatte, interpretierte Henzes Mutter die Ziffern angstvoll: „Du hast mir solchen Schock versetzt. Als ich die Nummer auf der Rückseite deines Briefes sah, habe ich gedacht: Nun ist er doch im KZ gelandet.“

In Italien wähnte Henze sich sicher. Sein erster Aufenthaltsort war Ischia. Dorthin lud er die Bachmann ein. Sein Sehnsuchtsziel, schwärmerisch umschrieben mit „Mozart, das Schöne, das Vollkommene, eine neue Wahrheit, die des Zeitgeistes nicht achtet und über den Tod triumphiert“ wollte er mit ihr genießen. Sie waren seelenverwandt – das war ihm klar, seit er sie zum ersten Mal ihre Gedichte hatte vorlesen hören. Ihre Art von Humor, ihn glauben zu lassen, sie schriebe gerade an einem Libretto für eine ländliche Oper, „Hiasls Abenteuer beim Fasslrutschen“, konnte ihn nicht irreleiten: Heimatdichterin war die keine!

Die Wirkung, die von ihrer Rezitation ausging, diese „zögernde, extrem schüchterne Art“ des Flüsterns hatte es ihm angetan: „Es war mir, als ob sie mich dabei anschaute und heimlich bei der Hand nähme, meine große Schwester, und mich mit beschwichtigenden Gesten zu den windischen Wäldern ihrer Kindheit führte“, formulierte es der Musikdramatiker. (Auch die Bachmann wollte übrigens ursprünglich Musikerin werden.)

Als die Bachmann zu Henze auf Ischia übersetzte, zelebrierte man in Forio gerade ein lokales Fest – mit Schiffsprozessionen und Feuerwerk. Ob sie wirklich glauben konnte, das sei hier Alltag? Jedenfalls steigerten sich Bachmann und Henze in eine Italophilie, verbunden mit einer Deutschland-Allergie, die zuweilen theatralische Züge annahm: „. . . dass wir es uns um unserer Gesundheit willen nicht erlauben können, in dieses Land von Mördern, Neofaschisten, Neoneurotikern zurückzukehren . . .“, schrieb er an sie. Dass ihr der ganze Körper weh tue, „so arg ist mir's, nicht in Italien zu sein“, klagte sie ihm – aus Wien!

Ihren gemeinsamen Alltag, der später in Neapel stattfand, hatten sie ihren Berufungen gemäß arrangiert: Morgens wurde gedichtet und komponiert. Mittags holte er sie zum Schwimmen ab. Nachmittags wurde redigiert. Die erste Zusammenarbeit betraf die Ballettpantomime „Der Idiot“, 1952. Es folgte das Hörspiel „Die Zikaden“. Schließlich dichtete die Bachmann für Henze zwei Libretti: die Opern „Der Prinz von Homburg“ und „Der junge Lord“. Luchino Visconti war es, der Henze nicht nur Kleist empfohlen hatte, sondern seinem Freund in Hinblick auf dessen Verehrung für Gustav Mahler auch den Rat gab, er solle sich seine „pesantezza tedesca“ abgewöhnen. Nichts lieber wollten Bachmann und Henze! Doch auch unter südlichem Himmel kam immer wieder Finsternis auf. So schrieb sie ihm: „Du bist so begnadet mit Deinem Schreiben. Man muss nur dafür bezahlen, und unsere Engel sind dunkel.“

Obwohl es in dieser vielschichtigen Beziehung klar war, dass es „Dinge gab, die uns für immer trennten“ – sie würden keine Kinder haben, und der „Alltag war nicht von Sex belastet“ –, haben sie einen Hochzeitstermin mehrfach erwogen und wieder verworfen.

Henze liebte es, die Partnerin anlässlich von Premieren an seiner Seite zu wissen. So seien selbst Buhrufe und Vorwürfe leichter zu ertragen gewesen. Vorwürfe, die den schönheitssüchtigen Komponisten trafen, lauteten: Er „drehe die Uhr zurück“. Das weckte seinen leicht zynischen Argumentationsgeist: „Hält man mich wirklich eines solchen Kraftaktes für fähig? Welche Uhr? Wie spät ist es denn überhaupt?“, fragte er zurück. Und stürzte sich wieder in die Arbeit, sein Allheilmittel, das er auch ihr empfahl: „Nimm Dir viel Zeit für Deine Arbeit, und verschwende sie nicht. Schau nicht nach rechts oder links, sondern nach oben zu den Planeten.“

Manchmal glichen einander die Therapien, die sie, einer dem anderen, verordneten. Als er sich 1967 in einer Krise befand, war sie es, die rigoroses Schwimmen und Wanderstunden anordnete. Doch das, was Henze schließlich half, waren „nur die Gespräche mit der schwesterlichen Freundin“. Sie duldete es, wenn er sie „einsperrte“, damit sie arbeitete. Er wusste: „Du bist nicht gemacht für den Wartesaal 2. Klasse im bayrischen Rundfunk, umgeben von Scheißintellekturellen Cretins, und nicht für das Café Luitpold.“ Für sie war der Alltag möglicherweise noch wesensfremder als für ihn.

1958 vertraut sie Paul Celan, der ihr sehr nahe war, aus Neapel an: „Paul, Lieber. Einer dieser toten Sonntage . . . Ich schreibe trotzdem und bin ängstlich froh darüber, es geht langsam . . . Und sonst nichts. Gleichgültigkeit fast in dieser Einsamkeit. Ein Tag wie der andere. Keine Menschen. Hans arbeitet nebenan, ab und zu gehen wir ins Kino am Wochenende wie alle Leute hier. Es ist ein ganz gutes Leben, man bedarf so wenig, wenn man begriffen hat. Man hütet sich, Fragen zu stellen, bei so viel offenbarer Sinnlosigkeit. Welche Instanz wüsstest Du?“

Ingeborg Bachmann, die Ungreifbare, hat männliche Instanzen bezaubert. In ihrem Gedicht „Erklär mir Liebe“ aber heißt es:„Sollt ich die kurze schauerliche Zeit / nur mit Gedanken Umgang haben und allein / nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun? /Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?“ Männer umschwirrten sie, betört von ihrem Genie, von ihrer Aura.


Maria Callas verehrt

Die Bachmann hat Maria Callas verehrt, wohl auch das Divenhafte an ihr. Die elegante Dichter-Primadonna war ein Magnet für Intellektuelle. Henry Kissinger, dem sie in den USA als jungem Professor begegnet war, erinnerte sich: „Sie war ein ziemlich abstrakter Mensch. Von persönlicher, unglaublicher Tiefe. Sie sah Dinge, über die sie nicht sprechen konnte – nur schreiben.“

Max Frisch, den Henze noch in seinen späten Jahren als das „Dichterschwein“ bezeichnete, hatte seiner Ingeborg am Schweizer Silser See ein riesiges Herz und ihren Namenszug in die Schneedecke geschrieben. Doch auch diese so konkrete Beziehung haben die Beteiligten „nicht gut bestanden“, wie Frisch resümieren musste. Die eingangs erwähnte „sagezza selvazzia“, die wilde Weisheit, zu finden und zu leben, das war ihr nur ansatzweise möglich.

Henzes tiefes „Entzücken“ für Bachmanns drückt sich am unmittelbarsten aus in seinem ersten Brief an Sie: „Liebes Fräulein Bachmann – Ich sehe sie nicht mehr? Montag früh fahre ich nach Köln, wenn Sie wollen, nehme ich Sie mit. Ihre Gedichte sind sehr schön und traurig, aber die Idioten, selbst Leute, die so tun, als ob sie ,verstünden‘, verstehen nicht.“ Wer hatte sie verstanden? Von wem wollte sie verstanden sein? Schon der Gymnasialprofessor hatte anlässlich ihrer Maturaarbeit, die sie in Hexametern verfasste, gemeint, für dergleichen gebe es kein Notensystem. Schon als Gymnasiastin interessierte sie sich für Astrophysik – eher nicht für die Ehe.

Einmal schrieb sie an Henze: „Ich glaube nicht an Gerechtigkeit im Leben und an schöne Prinzen. Es gibt viele und verschiedene Wege, in die Hölle zu fahren.“ Und ein anderes Mal notierte er: „Ich habe eine Wut auf alle, nur nicht auf Dich. Verpfuschtes Leben. Wo ist der rote Sessel?“ Wenn sie ihm fehlte, dann fehlte ihm auch sein Schutzengel, bekannte er. Und: „Sie ist sehr wichtig gewesen in meinem Leben, aber ich weiß nicht, habe nie gewusst, bis zu welchem Punkt ich ihr wirklich wichtig gewesen bin.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)