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Ökostrom: Europa steigt auf die Bremse

Themenbild Solarenergie
Themenbild SolarenergieMichaela Bruckberger
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In Europa fielen die Investitionen in erneuerbare Energieträger im Vorjahr um ein Fünftel. Potenzielle Investoren verlieren das Vertrauen in den Kontinent. Das meiste Geld für saubere Energie gab 2015 China aus.

Verpasst Europa gerade einen globalen Boom der erneuerbaren Energieträger? Während im Vorjahr weltweit das Rekordvolumen von 256 Milliarden Euro für neue Solar- und Windkraftwerke ausgegeben wurde, gingen die Investitionen in Europa im Vorjahr um 21 Prozent zurück. Das ist das Ergebnis des aktuellen UNO-Reports „Global Trends in Renewable Energy Investment“.

Der mit Abstand größte Investor in saubere Energie war 2015 die Volksrepublik China. Mit 89,5 Milliarden Euro stemmte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein Drittel des gesamten Kapitals, das in den Sektor floss. Im Windschatten Chinas, das in diesem Bericht als Schwellenland gezählt wird, erreichen auch die übrigen Schwellenländer einen historischen Erfolg: Erstmals finanzierten sie mehr Solar- und Windparks als die alten Industrieländer zusammen. „Die stark gesunkenen Kosten für Solar und Wind haben Projekte in ärmeren Ländern realisierbar gemacht“, schreiben die Autoren dazu. Reichere Staaten fuhren indes ihre Ökostromförderungen wieder zurück – und gerieten so ins Hintertreffen.

Europa ist das Paradebeispiel dieser Entwicklung. Im vergangenen Jahrzehnt hat der Kontinent den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen de facto im Alleingang versucht (siehe Grafik). Doch die damit verbundenen Kosten für Steuerzahler und Stromkunden haben nach der Finanzkrise zu einem radikalen Umdenken bei vielen Regierungen geführt.

 

Rückfall trotz Offshore-Booms in EU

Italien, Frankreich, Spanien: All die Länder, in denen vor wenigen Jahren noch zig Millionen an Förderungen den Bau unzähliger Solaranlagen und Windparks befeuert haben, tätigten im Vorjahr kaum Investitionen. Dass sich in Deutschland die Ausgaben „nur“ halbierten, liegt vor allem am immer noch anhaltenden Offshore-Boom in Europa. 17 Milliarden US-Dollar gaben Investoren in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden 2015 für neue Windkraftanlagen auf hoher See aus. Es ist der höchste Wert seit 2011. Dennoch sank Europas Marktanteil bei erneuerbaren Energieträgern stark.

Der Hauptgrund für das plötzliche Ausbleiben der Investoren liegt wohl im Kurswechsel der meisten Regierungen auf dem Kontinent. Etliche Staaten, vor allem in Südeuropa, haben ihre Subventionen für Ökostromanlagen nach der Krise sogar rückwirkend gekürzt – und damit das Vertrauen potenzieller Geldgeber verspielt.

 

Öko-Kraftwerke schlagen Öl und Gas

Aber auch in Ländern wie Deutschland hielten sich diese 2015 zurück. Zu absehbar war bereits, was vor wenigen Wochen Realität wurde: Deutschland verabschiedet sich in Zukunft von dem System fixer Einspeisetarife, das Investoren eine risikoarme Rendite gesichert hat. Stattdessen ist nun die Auktionierung neuer Ökostromanlagen geplant. Wer am wenigsten Förderung für den Bau fordert, erhält den Zuschlag. Wie sich diese Systemumstellung auf den Ausbau der Erneuerbaren auswirken wird, ist noch unklar. Erste Testversuche in verschiedenen Ländern lassen keine eindeutigen Prognosen zu.

Aber egal, wie schnell der Ausbau der Erneuerbaren in Europa wieder Tritt fassen kann, global ist der Ökostrombranche zumindest ein Triumph sicher: Die fossile Konkurrenz findet derzeit kaum noch Geldgeber. Im Vorjahr floss mit 116 Milliarden Euro nicht einmal halb so viel Geld in neue Öl- und Gasprojekte wie in den Bau von Ökostromanlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)