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Die mühsame Suche nach der Ausgewogenheit

Gasdrehscheibe Baumgarten
Gasdrehscheibe BaumgartenAPA/ROBERT JAEGER
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Die EU-Staaten arbeiten seit Jahren daran, einseitige und übermäßige Abhängigkeiten beim Energieimport zu verringern und den Energiemix zu diversifizieren. Das gelingt ihnen unterschiedlich gut. Ein selektiver Überblick.

Wird das Metaziel der Europäischen Union, einseitige Abhängigkeiten der Mitgliedsländer beim Energiemix sowie beim Import einzelner Energieträger zu verringern, von allen EU-Staaten geteilt, so fallen die Fortschritte auf diesem Weg doch sehr unterschiedlich aus. Das hat nicht nur mit etwaigen unterschiedlichen Umsetzungsgeschwindigkeiten in den diversen Volkswirtschaften zu tun. Es liegt in einem gewissen Ausmaß auch an der Ausgangsposition der einzelnen Staaten. Und nicht zuletzt an ihrer natürlichen Geografie und Geologie.

 

Der Schwenk der Balten

So sind die baltischen Staaten, die ja einst zur Sowjetunion gehört haben, nach wie vor sehr abhängig von Russland. Vor allem, was den Bereich Gas und Öl betrifft, sind sie ihrem Nachbarn immer noch ausgeliefert. Was das bedeuten kann, musste etwa Litauen erfahren, als es im Jahr 2006 aus Russland plötzlich kein Öl mehr bekam, weil der Baltenstaat zum Missfallen der Russen seine Ölgesellschaft Mažeikių Nafta an ein polnisches Unternehmen verkauft hatte.

Während Litauen durch die kürzliche Installierung eines Flüssiggasterminals vor seiner Ostseeküste die einseitige Abhängigkeit von russischem Gas reduziert hat, betrug diese im größten Baltenstaat Lettland zuletzt immer noch 100 Prozent. Gemäß der EU-Aufschlüsselung vom Herbst des Vorjahres (https://ec.europa.eu/priorities/publications/national-factsheets-state-energy-unionen) ist das Handelsbilanzdefizit bei Energieprodukten mit fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechend hoch. Umgekehrt kann sich Lettland zugutehalten, dass es den Anteil der festen Brennstoffe am Energiemix binnen zweier Jahrzehnte von 6,1 auf 1,7 Prozent reduziert und den Anteil der erneuerbaren Energie auf 37,1 Prozent (2013) erhöht hat. Damit ist Lettland nach Schweden das Land mit dem größten Erneuerbaren-Anteil.

Auch weiter westlich steht die Welt nicht still, wobei die Art der Dynamik eine ganz andere sein kann. Tschechien etwa hat eine starke Diversifizierung seines Energiemix vollzogen, hängt allerdings mehr als der EU-Schnitt an Kohle und Atomenergie. Der Anteil der erneuerbaren Energie und der Atomenergie am Energiemix stieg binnen zweier Jahrzehnte von drei auf 7,5 bzw. von acht auf 18 Prozent an. Generell hat das Land eine geringe Abhängigkeit vom Energieimport, bei einzelnen Energieträgern hängt dieser aber stark von einem konkreten Land ab. So kamen laut Eurostat 2013 noch 99,9 Prozent des importierten Gases auf direktem oder indirektem Weg aus Russland.

 

Deutschland und Spanien

Deutschland wiederum ist zwar Russlands größter Gaskunde weltweit und bei allen fossilen Brennstoffen mehr abhängig vom Import als der EU-Schnitt, hat aber im Übrigen eine relativ geringe Konzentration bei seinen Energielieferländern. Auch ist das Land Nettoexporteur von Strom. Mit der Entscheidung, bis 2022 aus der Atomenergie auszusteigen (Energiewende), gewinnen die Erneuerbaren umso mehr Bedeutung: Bis 2020 sollen sie gemäß nationalem Energiekonzept 18 Prozent des Energieverbrauchs decken.

Im Südwesten des Kontinents hat Spanien zwar eine höhere Importabhängigkeit als der EU-Schnitt, die bei Öl und Gas sogar 100 Prozent erreicht. Andererseits hat es bei Gas seine Bezugsquellen so sehr diversifiziert wie sonst kaum ein EU-Land, wobei die meiste Bedeutung dem Flüssiggas zukommt. Bezeichnend, dass der Anteil des Gases am landesweiten Energiemix innerhalb von zwei Jahrzehnten von ursprünglich weniger als acht Prozent auf mittlerweile 22 Prozent gestiegen ist.

 

Großbritannien und Österreich

Demgegenüber liegt die Importabhängigkeit in Großbritannien deutlich unter dem EU-Schnitt. Weil das Land aber immer weniger Gas und Öl selbst fördert, steigt sie sukzessive an. War Großbritannien 2005 noch Nettoexporteur von Ölprodukten, so importierte es 2013 bereits 40 Prozent seines Verbrauchs. Bei Gas stieg der Import im selben Zeitraum von sieben auf 50 Prozent an. Großbritannien verfügt über 25 Prozent aller Importkapazitäten für Flüssiggas innerhalb der EU.

Und Österreich? EU-Daten zufolge hat Österreich eine höhere Importabhängigkeit bei fossilen Brennstoffen als der EU-Schnitt. Bei Gas ist Österreich zu etwa drei Fünfteln von Russland abhängig. Allerdings hat das Land unterirdische Gasspeicher mit mehr Kapazität als der eigene Jahresverbrauch.

DIE ABHÄNGIGKEIT DER EU

Ganze 53 Prozent der gesamten Energie, die die Europäische Union verbraucht, muss sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt importieren. Das verursacht Kosten von mehr als einer Mrd. Euro täglich für die Mitgliedstaaten. Energie macht demnach über 20 Prozent der gesamten EU-Importe aus. Im Detail sieht die Situation so aus, dass die EU ganze 90 Prozent des konsumierten Rohöls durch Importe abdecken muss.

Bei Erdgas sind es immerhin 66 Prozent, nur ein Drittel kommt also aus Eigenproduktion.

Bei Kohle und anderen festen Brennstoffen liegt der Importanteil bei 42 Prozent.

Und bei Uran und anderen Nuklearbrennstoffen beträgt der Importanteil 40 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)