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Alfred Komarek: Ein Schlusspunkt für Simon Polt

Alfred Komarek
(c) Michaela Bruckberger
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Tote Kellergassen, ausgeblutete Dörfer – und das Ende eines Dorfpolizisten: Alfred Komarek lässt seinen Weinviertler Krimihelden ein letztes Mal ermitteln.

Schluss hätte sein sollen. Nach dem vierten Kriminalroman rund um den Weinviertler Dorfgendarmen Simon Polt wollte dessen Schöpfer Alfred Komarek den Stift zur Seite legen. Seine Hauptfigur, den liebenswürdig verschrobenen Ermittler Polt, ließ er dem Staatsdienst Lebewohl sagen. Viermal hatte Inspektor Polt ermittelt, in jeder Jahreszeit war er in den weiten Weingärten und engen Dörfern des fiktiven Wiesbachtals über einen Fall gestolpert. Eigentlich hätte Schluss sein sollen.

Doch dann hat sich's Alfred Komarek anders überlegt und seinen äußerst erfolgreichen Krimihelden wieder auferstehen lassen. „Zum letzten Mal“, wie der Autor beteuert. In „Polt.“ – mit der Endgültigkeit des Schlusspunktes – hat sich der Gendarm im frei gewählten Ruhestand seine Tage im beschaulichen Wiesbachtal ganz nach seinem Geschmack eingerichtet. Er genießt sein Leben als Wochenendwirt des Dorfgasthauses, als staatlich geprüfter Kellergassenführer und als Hilfskraft in der Greißlerei der gesprächigen Frau Habesam. Dort hat sich Polt zum Chef-Salzgurkenschlichter gemausert und zum gestrengen Überprüfer der Ablaufdaten. Auch privat läuft dank Langzeitfreundin Karin Walter alles bestens.

Dörflicher Dinosaurier. „Im fünften Polt schließen sich alle Kreise. Alle Nebenhandlungen kommen zu einem Ende“, erklärt Alfred Komarek im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ – so, als wollte er allen Spekulationen über einen Kriminalfall Nummer sechs gleich einmal vorweg den Nährboden entziehen.

Als Komarek vor mehr als zehn Jahren die Figur des Simon Polt erfand und ihn in den Weinbauerndörfern Niederösterreichs ermitteln ließ, hatte er einen guten Riecher. Regionalkrimis waren noch nicht so en vogue, wie sie es heute sind. Und kaum jemand interessierte sich für jenen Rand des Weinviertels, der jahrzehntelang aufgrund der dichten Grenze zur damaligen Tschechoslowakei als tot galt. Dem gebürtigen Bad Ausseer gefielen die ruhige Gegend des – realen – Pulkautals und die Gassen außerhalb der lang gezogenen Straßendörfer, in denen sich Weinkeller an Weinkeller reiht. Mittlerweile besitzt Komarek selbst zwei Presshäuser im nördlichen Weinviertel und kennt die Welt, über die er schreibt, aus dem Innersten.

Doch in den einstigen Weinbauerndörfern hat sich vieles verändert, seit der „dörfliche Dinosaurier“ Polt 1998 erstmals seine Nase in Dinge steckte, die ihn eigentlich nichts angehen. Die meisten Jungen pendeln heute in die Bezirkshauptstadt oder nach Wien. Die dörflichen Strukturen brechen auf – im Roman wie in der Realität. Die Dorfschule muss zusperren, weil es nicht mehr genug Kinder gibt. In den Kellergassen wird es ruhiger. Immer weniger Winzer bewirtschaften immer größere Flächen und produzieren ihre Weine abseits der Kellergassenromantik in modernen Hallen.

„Die strengen Regeln des Dorfes lockern sich“, beobachtet Komarek. Grundsätzlich nichts Schlechtes, doch gleichzeitig fürchtet sich der Romanheld – und mit ihm vermutlich auch der Autor – vor toten Kellergassen und ausgebluteten Dörfern. Simon Polt ist ein Herr der alten Schule. Er verbringt Tage und Nächte in den Tiefen der Weinkeller, wo der Wiesbachtaler gerne in Eintracht schweigt.

Seine Popularität verdankt Komareks Romanheld auch Erwin Steinhauer, der in den erfolgreichen Verfilmungen Simon Polt mit der nötigen Unaufgeregtheit spielt. „Ich bin glücklich mit den Filmen. Die trauen sich, langsam zu sein. Es wäre nicht besser gegangen“, gesteht Komarek ein. Die Verträge für „Polt.“ sind längst unterschrieben, auch wenn eine ORF-Verfilmung von Regisseur Julian Pölsler um ein Jahr auf 2011 verschoben werden musste. Gedreht soll wieder in Komareks Wahlheimat im Pulkautal werden.

Markenzeichen Waffenrad. Im jüngsten Krimi nimmt sich Komarek wieder ausreichend Zeit, Stimmungen und Landschaften zu beschreiben. Polt zieht auf seinem Steyr-Waffenrad seine Runden, schaut und genießt. Große Reden schwingt er keine. Dafür zählt das wenige, das er sagt. Eigentlich schade, dass der Simon Polt das letzte Mal durchs Wiesbachtal radeln soll.


Alfred Komarek „Polt.“ Haymon Verlag 168 Seiten 17,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)