Mit knapp 16 Jahren wurde sie verheiratet, musste aus der Türkei zu einem Mann, den sie nicht liebte, nach Wien ziehen. Dort erlebte Zerife Yatkin Jahre der Demütigung - bis sie es schaffte, sich aus der Ehe zu befreien.
Wenn eine Vergewaltigung unumgänglich ist, versuche sie wenigstens zu genießen. Zerife Yatkin war knappe 16 Jahre alt, als sie mit diesem türkischen Sprichwort im Kopf ihre Hochzeit feierte. Sie bemühte sich, inmitten von Familie und Freunden gute Laune zu versprühen. Gleichzeitig hatte sie Angst. Den Mann, den sie heiraten sollte, hatte sich die junge Frau aus der Türkei nicht selbst ausgesucht, geschweige denn liebte sie ihn.
„Ich war 15, hatte nur Fußball und Politik im Kopf“, erzählt die 35-Jährige, „als eines Tages ein junger Mann aus Österreich zu uns kam“. Zu uns, das war Antakya, ein Stadt in der Südtürkei, nahe der syrischen Grenze. Der junge Mann, 23 Jahre alt und selbst türkischer Herkunft, verliebte sich in das Mädchen – und wollte heiraten. Erst waren die Eltern dagegen, sie sei noch zu jung. Doch als der junge Mann einverstanden war, dass sie einmal ihren Schulabschluss machen und erst dann zu ihm nach Wien ziehen sollte, willigten die Eltern schließlich zu einer Verlobung ein.
„Die ganze Familie hat auf mich eingeredet, ich sollte es doch einfach mal probieren“, erzählt Yatkin. Und so ließ sie es geschehen. Eine Entscheidung, die sie bald bereute. Denn als sie bemerkte, wie unterschiedlich sie und ihr Verlobter waren und sie die Verlobung lösen wollte, machten ihre Eltern plötzlich Druck, die Schwiegereltern drängten auf eine schnelle Hochzeit.
Auch ihre eigenen Eltern waren plötzlich dahinter, die Tochter zu verheiraten. In Wien könne sie studieren. In einer sichereren Umgebung, schließlich war die Tochter arabischstämmiger Eltern schon als Kind politisch aktiv – so wie ihre Cousins im linken Spektrum und immer wieder auf Konfrontationskurs mit dem türkischen Staat. Und schließlich sei ihr zukünftiger Mann Europäer und würde sie gut behandeln. „Meine Eltern haben es gut gemeint“, sagt Yatkin heute. Und dabei ihren Willen sukzessive gebrochen: „Zum ersten Mal im Leben hat mich mein Vater damals geschlagen.“
Einige Tage nach der Hochzeit saß sie im Flugzeug nach Wien. Allein – ihr Mann war schon zwei Wochen zuvor geflogen – und unglücklich. „Bei der Grenzkontrolle habe ich gebetet, dass sie mich nicht ins Land reinlassen.“ Schließlich fand sie sich in der Wohnung ihrer Schwiegereltern in Wien wieder. Man saß zusammen, sprach miteinander. „Alle waren bemüht um mich“, erzählt sie. Gegen Abend fragte sie schließlich, wann sie und ihr Mann in die eigene Wohnung fahren würden. Der nächste Schock: Die gab es nicht. Nur ein Zimmer in der Substandardwohnung, das Klo am Gang. Und das sollte das schöne Europa sein? „In der Türkei hatte ich ein eigenes Zimmer in einem großen Haus!“
Ohne Liebe geht es auch. Kaum hatte sie sich einigermaßen an die Lebensumstände gewöhnt, kam der nächste Einschnitt. „Auf einmal war ich schwanger.“ Und mit der Schwangerschaft kamen die Vorwürfe der Schwiegermutter, warum sie denn nicht aufgepasst habe. Doch bei aller Verzweiflung, eines kam für sie nie in Frage: das Kind abzutreiben. Im Gegenteil, vielleicht würde dadurch ja auch ihre Ehe gefestigt. „Ohne Liebe geht es auch“, dachte die damals 17-Jährige, spielte die Glückliche und begann, ihre Situation immer mehr zu akzeptieren.
Doch dann der nächste Tiefschlag. Als die Entbindung anstand, wurde sie von ihrem Mann zum Krankenhaus gebracht. Er lieferte sie bei einer Krankenschwester ab, machte kehrt und ging wieder. „Er hält das nicht aus, hat er gesagt.“ Die 17-Jährige blieb ohne ihn zurück. „Ich habe mich noch nie so allein und unglücklich gefühlt.“ Eineinhalb Stunden später war es soweit, sie brachte einen Sohn zur Welt. Ein kurzer Moment des Glücks, der gerade bis zu dem Zeitpunkt anhielt, an dem sie ihren Mann anrief. „Er schläft“, sagte die Schwiegermutter am anderen Ende der Leitung. In der Früh werde er vorbeikommen, auf dem Weg zur Arbeit.
„Du stinkst“, war seine Begrüßung, als er seine von der Entbindung erschöpfte Frau besuchte. „Hätte ich vor deinem Besuch vielleicht in einen Schönheitssalon gehen sollen?“ Ein Dialog, der viel über die gemeinsame Ehe aussagt. Immerhin, geschlagen hatte er sie damals noch nicht. Das begann erst später. „Du kannst auch einmal die Windeln wechseln“, hatte sie zu ihm gesagt, als sie eines Abends nicht gleich von ihrem Deutschkurs nach Hause gekommen war und er ihr Vorwürfe gemacht hatte, dass ihr Sohn weinte. Vor der ganzen Familie gab er ihr eine Ohrfeige. Ein einmaliger Ausrutscher, hoffte sie. Schließlich kauerte er sich danach hin, weinte und bat seine Frau um Entschuldigung.
Schläge und Schweigen. Doch es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Zwar zog das Paar mit dem Sohn bald in eine eigene Wohnung, doch die Spannungen ließen nicht nach. Immer brutaler wurde Yatkin von ihrem Mann geschlagen. Einmal so heftig, dass sie eine Gehirnerschütterung und ein blaues Auge davontrug. Spätestens da wusste sie, dass sie weg musste. Den Gedanken an eine Scheidung hatte sie zwar schon von Anfang an, doch so einfach war es nicht. Als junge Frau ohne Schulabschluss, die gerade erst Deutsch lernte, hätte sie sich allein kaum über Wasser halten können.
Eine hoffnungslose Situation. Und eine, in der niemand da war, mit dem sie über all die Schwierigkeiten hätte reden können. Auch wenn sie im Sommer ihre Eltern in der Türkei besuchte, verschwieg sie ihre Probleme. Aus Stolz. „Ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich geschlagen werde!“ Erst nach der Gehirnerschütterung, zu diesem Zeitpunkt war sie schon rund sechs Jahre in Wien, sprach sie zum ersten Mal mit ihren Eltern über ihre triste Situation, die Schwierigkeiten mit ihrem Mann und seiner Familie.
So hatten sie es sich nicht vorgestellt, als sie ihre Tochter mit einem Mann nach Wien ziehen ließen, der versprochen hatte, ihr alles zu ermöglichen. Sie bereuten, was sie ihrer Tochter angetan hatten. Und dennoch, Yatkins Vater bat sie, ihrem Mann noch eine Chance zu geben. Vielleicht würde er sich ja noch ändern, die drohende Scheidung vor Augen. Doch von Änderung war keine Spur.
Wenige Monate später reichte es schließlich. Die junge Frau ging zur Scheidungsberatung und konfrontierte ihren Mann damit, dass sie eine Trennung wollte. Immerhin, sie würde in Wien bleiben und der gemeinsame Sohn könne auch Zeit mit seinem Vater verbringen. „Mein Mann hat gleich seine Mutter angerufen. Und dann drohte er, sich, mich und das Kind zu töten.“ Kurz darauf Tag brachte Yatkin ihren Sohn in einem anderen Kindergarten unter und nahm ein kleines Zimmer in einem Studentenheim. Ohne Wissen ihres Mannes reichte sie schließlich die Scheidung ein. Eine wichtige Voraussetzung für diesen Schritt hatte sich kurz zuvor erfüllt – sie war eingebürgert worden.
Keine Alimente. „Ich war psychisch am Ende“, erzählt sie über die Zeit nach der Scheidung. Vor allem die Schwiegermutter beschuldigte sie immer wieder, die Familie kaputt gemacht zu haben. „Nur mein Sohn hat mich am Leben gehalten.“ Und ein Halbtagsjob, bei dem sie 6600 Schilling (480 Euro) verdiente – allein ihr Zimmer kostete schon 3600 (260 Euro). Alimente von ihrem Mann bekam sie nicht. Aber Geld von ihrer Familie wollte sie trotzdem nicht – „dafür war ich zu stolz“. Und sie biss sich durch.
Mit Kursen bildete sie sich beruflich weiter, schaffte immer wieder kleine Karrieresprünge bei ihrem Arbeitgeber, der VHS Ottakring. Und schließlich wagte sie sogar den Einstieg in die Politik, was sie schon als Mädchen in der Türkei gereizt hatte. Bei den Grünen fand sie ihre politische Heimat, hier brachte sie es im Lauf der Jahre bis zur Bezirksrätin in Hernals. Endstation soll das allerdings keine sein – bei den Wiener Landtagswahlen 2010 will sie den Sprung ins Rathaus schaffen.
Zu ihrem Mann hat sie seit der Scheidung im Jahr 1997 keinen Kontakt mehr. Dafür aber Verständnis: „Er war auch ein Opfer. Seine Eltern sind nach Österreich ausgewandert, er wuchs bei den Großeltern auf. Als er dann nach Wien gekommen ist, musste er gleich in die Sonderschule.“ Zerife Yatkin zeigt sich mit der Vergangenheit versöhnt. Und auch, wenn es hart klingt, kann sie ihrem Schicksal sogar Gutes abgewinnen: „Ich bin meinem Ex-Mann dankbar“, sagt sie, „denn er hat mich stark gemacht“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)