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Salzburger Festspiele: Auf der Flucht durch die gerettete Welt

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Salzburger Festspiele. Jette Steckel inszeniert einen Roman von Ilja Trojanow: fulminant.

Jette Steckel, Tochter des Regisseurs und ehemaligen Intendanten des Bochumer Schauspielhauses, Frank-Patrick Steckel, zeigt beim „Young Directors Project“ der Salzburger Festspiele im Republic die Uraufführung der szenischen Fassung von Ilja Trojanows „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“.

Aus einem Land im Osten Europas flieht eine Kleinfamilie in den Westen. Sie fassen Fuß, aber um welchen Preis? Der sechsjährige Sohn Alex erleidet wohl schon beim Wurf über die Mauer bei Gorica ein erstes Trauma, obwohl der Wachposten wegschaut, als die Mutter stürzt und schreit. Alex' schüchterne Annäherungen an das Flüchtlingslager nahe Triest werden nicht durch schnelle Integration belohnt. Ein Schlepper lässt die Familie ohne Koffer auf einem Parkplatz mitten in der Nacht zurück. Später verunglücken die Eltern tödlich mit dem Auto, das sie sich nach langem Rackern in der Fremde angeschafft haben. Der 16-jährige Alex fällt in eine Depression, schafft nicht einmal mehr die Übersetzungen von Staubsauger-Gebrauchsanweisungen, die ihm das Überleben sichern. Da taucht aus der fernen Heimat sein Taufpate Bai Dan auf, ein Original und Spieler. Er rüttelt Alex wach und überzeugt ihn, dass Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, überall und immer überleben können. Jeder ist seines Glückes Schmied, die Welt ist groß usw.

Ein herzzerreißendes Märchen aus der Frühzeit der Emigration. Trojanow, der „Weltensammler“, gesegnet mit einer guten Erziehung, Eloquenz, Intelligenz, hat seine eigene Bio zur Legende gemacht. Man liest das Buch mit Entzücken, wiewohl jedem klar sein dürfte, dass Emigration meist ganz anders läuft bzw. eben gar nicht läuft.

Jette Steckel hat eine wahre Flut großartiger und lebendiger Bilder für die Story gefunden. Die blühenden Maispflanzen, die für die Heimat stehen (Bühne: Florian Lösche), werden ausgerissen. Jung-Alex, im Flüchtlingslager angekommen, spricht mit den Strünken, aus denen die immer gleichen Flüchtlingsschicksale dringen. Oben auf dem Balkon schwärmt ein Möchtegerncowboy vom Gelobten Land Amerika. Am Ende fahren Pate und Jüngling nach Paris und sogar bis New York.


Schaumstoff. Fantasy oder Realität, Steckel hat sich nicht auf diese Frage eingelassen. Sie lässt Schaumstoffkugeln aus einem Riesensack auf die zwei regnen, die Welt kommt als Geräuschkulisse und schubst den trüben Alex ins Leben zurück, er nimmt es an, auch wenn es grausam ist. Ein afrikanischer Weiser wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen. Immer wieder durchbricht Steckel die vierte Wand, lässt die Schauspieler aus dem Spiel heraustreten, um plastisch zu machen, was hier passiert, wie schwer es ist, jemanden aus der Lethargie aufzuwecken, wie leicht, beim Hütchenspiel zu verlieren. Wie oft sah man solche Versuche schon, hier funktionieren sie perfekt. Fast ein Wunder.

Die Schauspieler müssen rasch Rollen und Altersstufen wechseln. Bruno Cathomas ist ein recht junger Bai Dan von berückender Verführungskunst und ebensolchen Taschenspielertalenten, Jörg Pohl ist ein gewinnender Alex, Verena Reichhardt beeindruckt und amüsiert u.a. als Seherin, die nichts sieht vor lauter Haaren im Gesicht, aber ordentlich abkassiert für ihren Appell an Bai Dan, einfach loszufahren, um sein Patenkind zu finden, was auch gelingt. Noch ein Wunder! Der Zauber des Originaltextes, der kritische Fragen an den Autor gar nicht aufkommen lässt, leidet etwas bei der Landung auf der Bühne. Man fragt sich: Was für eine liebreizende Unwahrscheinlichkeit tritt als Nächstes ein? Doch den Namen Jette Steckel sollte man sich merken. Dieses Theaterkind gehört zu den nun immer häufiger auftretenden jungen, selbstbewussten, gut ausgebildeten Frauen, die über viel Einfallsreichtum verfügen und endlich einmal nicht das Kino oder andere Künste imitieren. Sehr erfreulich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)