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Der (Alb-)Traum vom heimeligen Staat

(c) APA/AFP/ODD ANDERSEN
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Die Briten wollen keine Fremdbestimmung mehr. Verständlich. Aber wie wollen sie aus einer globalisierten Welt zurück ins 18. Jahrhundert?

Natürlich sind die Briten zu verstehen. Sie wünschen sich Übersicht zurück, Sicherheit und Geborgenheit. Das Brexit-Referendum war Ausdruck einer tiefen Skepsis vor einer Welt, in der Entscheidungen nicht mehr in unmittelbarer Nähe, sondern in Brüssel, bei G7-Treffen oder irgendwo anders getroffen werden. Da mag es auch nicht verwundern, dass gerade in ländlichen Gebieten dieser Wunsch besonders stark ist. Hier fühlten sich die Menschen schon in der Vergangenheit von der Hauptstadt bevormundet – und jetzt noch von der EU.

Dieser Wunsch läuft auf die Rückkehr zu einem engen Staat hinaus, in dem alles wieder souverän, ohne Rücksichtnahme auf andere, entschieden werden kann. Er läuft auf einen Markt hinaus, auf dem vorwiegend eigene, regionale Produkte verkauft werden. Und er läuft auf ein Leben ohne Zuwanderer hinaus, die anders aussehen, anders sprechen und den Arbeitsmarkt beeinflussen.

Es ist ein sehr passives Modell, das auf einem Ohnmachtsgefühl beruht und sich gegen jede Öffnung stellt. Die Voraussetzung dafür wäre, dass die Uhren zurückgedreht werden, in ein Zeitalter, als es noch keine modernen Verkehrsmittel und kein Internet gab. Damals, im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, war es für die Bevölkerung tatsächlich übersichtlicher. Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts und der industriellen Revolution haben sich die Vorzeichen jedoch geändert. Die schrittweise Arbeitsteilung und schrittweise Globalisierung sind Fakten geworden, die das Leben und die politischen Entscheidungen verändert haben.

Das grenzüberschreitende Wirtschaftssystem hat so manche unangenehme Wettbewerbssituationen geschaffen und perverse Auswüchse wie Steueroasen. Aber wie soll ein einzelner Staat hier noch Gerechtigkeit und Ordnung schaffen? Indem er sich davon abschottet? Das ist schlicht nicht möglich, außer die Bevölkerung dreht ihr Internet ab, verzichtet auf Elektronik aus China und Autos aus Deutschland. Was hat Großbritannien sonst für Alternativen? Es kann sich statt an die EU noch stärker an die USA binden. Doch damit wird es zulassen müssen, dass viele Entscheidungen zwar nicht mehr in Brüssel, dafür in Washington gefällt werden.

Heute einen engen Staat zu realisieren hieße letztlich, die Gestaltung dieses globalen Zeitalters aufzugeben. Das „System“, das hier angeprangert wird, ist die moderne Grundlage unserer Existenz. Gerade die Briten haben davon in den vergangenen 50 Jahren stark profitiert. Die EU ist, entgegen einem großen Missverständnis, nicht das „System“. Sie ist lediglich eine Plattform, auf der in Europa gemeinsame Entscheidungen getroffen werden. Sie muss reformiert werden – zweifellos. Sie ist aber nicht das Problem, für das sie ständig verantwortlich gemacht wird. Sie hat etwa die Flüchtlingskrise nicht ausgelöst, sie ist nur daran gescheitert, weil 28 Regierungen aus nationalen Eigeninteressen keine einheitliche Linie gefunden haben.

Wie würde denn der heimelige Staat aussehen? Er wäre ein abgeschottetes Gebilde, in dem Menschen alles vorfinden, was sie brauchen, in dem sich alle am Gemeinwohl und der gemeinsamen Sicherheit beteiligen. In dem es keine Einflüsse mehr von außen gibt. Das mag idyllisch klingen. Alle Versuche freilich, einen solchen Staat in einem Zeitalter der Globalisierung zu verwirklichen, sind bisher gescheitert: in Indien, in China, in Nordkorea. Ihre übersichtliche Enge war letztlich nur noch ein Korsett, in dem es an Bewegungsfreiheit fehlte.

Die jüngere Generation hat das auch in Großbritannien erkannt. Sie hat mit klarer Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt. Auch der urbanen britischen Gesellschaft ist diese Erkenntnis näher, weil sie mit einer multikulturellen Welt vertrauter ist – ihre Nach-, aber auch Vorteile täglich erlebt.

Der Traum von der totalen Souveränität im übersichtlichen Staat ist heute nicht erfüllbar. Die Briten mögen sich ins 18. Jahrhundert zurückwünschen. Aber sie sollten sich ehrlich eingestehen: Damals waren sie es, die weit über die eigenen Grenzen hinweg agierten und dominierten. Auch diese Zeit ist vorbei. Zum Glück.

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2016)