Nach der Übernahme des Roboterherstellers Kuka stehen rund 20 deutsche Unternehmen auf den Einkaufslisten chinesischer Investoren. Zuletzt belebten Gerüchte den Wirecard-Kurs.
Frankfurt/Wien. Anleger, die Montagmorgen auf den Kurszettel des deutschen Technologieindex TecDAX blickten, rieben sich verwundert die Augen: Mitten im Brexit-Kursgemetzel auf den Märkten lag die Aktie des deutschen Zahlungsverkehrsabwicklers Wirecard mit vier Prozent im Plus. Der Grund: ein Zeitungsbericht, in dem zu lesen war, dass die chinesische Alipay, die Zahlungsverkehrstochter des Alibaba-Konzerns, ein Auge auf das deutsche Unternehmen geworfen hatte.
Konkret soll Wirecard mit den Chinesen über eine Beteiligung von bis zu 25 Prozent verhandeln. Ein Dementi von Alipay zu Mittag machte aus den vier Prozent Kursgewinn zwar sehr schnell wieder einen marktkonformen Tagesverlust von rund zwei Prozent. Aber dass ein Zeitungsbericht zu solchen Ausschlägen führt, ist bezeichnend: Chinesen sind derzeit massiv auf Einkaufstour in Deutschland unterwegs, wobei nicht die ganz großen Unternehmen, sondern mittelständische Perlen auf dem Einkaufszettel stehen. Weil die meisten davon börsenotiert sind und Übernahmeschlachten naturgemäß die Kurse treiben, können Anleger mit etwas Glück und Gespür damit jetzt recht ordentlich verdienen. Das Dementi von Alipay wurde demgemäß von vielen Börsianern auch nicht ganz ernst genommen, sondern eher so interpretiert, dass Alipay möglicherweise nicht an der Börse zuzukaufen gedenkt, sondern im Rahmen einer Kapitalerhöhung einsteigt.
Wirecard ist vergleichsweise günstig zu haben. Die Aktie war im Frühjahr nach einer eher dubiosen Analyse (die später in Zusammenhang mit einem Shortseller-Angriff gebracht worden war) dramatisch abgestürzt und hat sich von diesem Rückschlag noch immer nicht ganz erholt.
Falls sich die Wirecard-Gerüchte doch bewahrheiten, dann ist das ein weiterer Punkt auf der langen Einkaufsliste, mit der chinesische Investoren in Deutschland unterwegs sind. Der spektakulärste davon könnte schon demnächst abgehakt sein: Die volle Übernahme des in Bayern beheimateten Industrieroboterherstellers Kuka durch seinen bisherigen chinesischen Mitaktionär Midea um rund 4,5 Mrd. Euro.
Der Deal, der hohe politische Wellen geschlagen hatte und sogar Gegenstand eines Gesprächs der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, mit ihrem chinesischen Amtskollegen war, könnte noch in dieser Woche perfekt werden, hieß es nach einer Aufsichtsratssitzung am Samstag. Offenbar haben sich die Chinesen in einer Investorenvereinbarung verpflichtet, den Stammsitz des weltweit agierenden Roboterherstellers vorerst in Augsburg zu behalten. Zudem soll eine Standorte- und Beschäftigungsgarantie bis 2023 vereinbart worden sein. Normalerweise werden solche Garantien nur für fünf Jahre abgegeben.
Verhandelt wird zurzeit auch über die Übernahme des schwer angeschlagenen deutschen Chipherstellers Aixtron durch den chinesischen Investmentfonds Fujian Grand Chip Investment. Hier ist der Zug für Anleger, die an Übernahmefantasie verdienen wollen, allerdings abgefahren: Seit bekannt ist, dass die Chinesen sechs Euro pro Aktie bieten (was einem Unternehmenspreis von knapp 680 Mo. Euro entspricht), ist der Kurs um rund 50 Prozent gestiegen und hat sich dieser Marke stark angenähert. In Spitzenzeiten hat die Aktie des in Probleme geschlitterten Konzerns allerdings fast 90 Euro gekostet.
Insgesamt sollen rund 20 Unternehmen aus TecDAX und MDAX auf chinesischen Einkaufslisten stehen. In Deutschland gibt es wegen des damit verbundenen Know-how-Transfers bereits heftige Widerstände. (red./AG)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2016)