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Intoleranz vor der Klagemauer

(c) Münchner Opernfestspiele
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Fromental Halévys "La Juive" bei den Münchner Opernfestspielen: musikalisch auf hohem Niveau, szenisch mit zahlreichen offenen Fragen. Dennoch sehenswert.

Längst hat man sich an dieses Bild bei Premieren gewöhnt: Die musikalische Leistung wird freundlich bis enthusiastisch beklatscht, bei der Bewertung der Regie mischen sich in den Beifall Buhrufe. Bei dieser Festspielaufführung an der Bayerischen Staatsoper waren es nur vereinzelte. Aber waren sie berechtigt?

Ansatzpunkte, um Halevys Fünfakter „La Juive“ (nach einem Libretto von Eugène Scribe) eindrucksvoll zu deuten, gibt es viele. Noch dazu mit den Erfahrungen der Gegenwart. Ob man je eine Zeit ohne Rassismus erleben wird, fragt der Psychologe Mark Terkessidis in seinem Beitrag im inhaltsschweren Programmbuch, in dem er die Aktualität des Stoffs gründlich beleuchtet.

Oder soll man sich nicht doch besser auf die vielen persönlichen Konstellationen, die in diesem Text zu finden sind, konzentrieren? Das jedenfalls war der Ansatz des einst für seine unkonventionelle Sicht bekannten Regisseurs Calixto Bieto. Er legt den Fokus vor allem auf die Darstellung der individuellen Konflikte. Aber nur halbherzig und mit Zutaten, die nicht wirklich klar werden. Soll die von Rebecca Ringst gebaute, zuerst im Hintergrund platzierte, später als Raumteiler dienende mächtige Stahlwand an die Klagemauer erinnern oder den Schrecken eines Konzentrationslagers beschwören? Sieht man am Beginn den Taufritus einer Sekte? Was soll es bedeuten, dass Kardinal Brogny am Ende unvermutet Éléazar die Füße wäscht? Ein Versuch, den assimilierten Juden von seiner Religion quasi reinzuwaschen und ihn für das Christentum zu gewinnen? Oder sind das bloß Assoziationen, die Bieto während der Arbeit an diesem Stück gekommen sind, für deren Abstimmung aufeinander er keine Zeit mehr gefunden hat?

Jedenfalls: Ein klares Konzept, gar eine durchgehende gestalterische Linie, ist in Bietos Regie nicht zu erkennen. Dass die dunklen Kostüme (Ingo Krügler) von der heutigen Alltagswelt inspiriert sind, soll wohl sagen, dass das diese Oper beherrschende Thema Toleranz aktueller denn je ist. Nur Rachel sticht mit ihrem grünen Kleid aus der grauen Monochromie. Grün als Farbe der Hoffnung, die schließlich in den Flammen erlischt? Und weshalb tritt Éléazar meist mit Aktentasche auf, gewissermaßen als Vertreter, geradezu als Lobbyist? Auch das bleibt unbeantwortet.

 

Choristen mit Augenbinden

Dass es in dieser zwischen intimen Einzelszenen und prägnanten chorischen Tableaus changierenden Oper um heftige Emotionen, um bald dechiffrierte Lügen, um ein oft bewusstes Nichteingehen auf die Ansichten und Meinungen anderer geht, wird trotzdem deutlich. Ebenso hat es Sinn, dass die Choristen zuweilen mit Augenbinden auf der schwarz ausgelegten, in dunkles Licht getauchten Bühne auftreten: als Symbol für das Wegschauen, um später nicht für Nichthandeln zur Verantwortung gezogen zu werden.

Ungleich geschlossener als dieses szenische Ideenmosaik präsentierte sich die musikalische Seite dieser Premiere. Wie bei der Wiener Produktion 1999, mit der die erfolgreiche Renaissance dieses einstigen Opernwelterfolgs eröffnet wurde, hat man auch in München die Ouvertüre, Chorwiederholungen und das Ballett gestrichen. Dadurch kommt das Geschehen deutlicher zum Ausdruck, wie es Bertrand de Billy detailliert in einem Essay im Programmbuch begründet. Er bildete an der Spitze des sorgfältig studierten Orchesters, in dem die Bläser nicht immer mit der nötigen Sicherheit agierten, die musikalische Drehscheibe dieses Abends, mit sorgfältig auf die einzelnen Darsteller abgestimmten Tempi und ebenso bedacht gesetzten Akzenten.

Alexsandra Kurzak zeigte sich als bis an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten gehende, emotional bewegende Rachel. Robert Alagna meisterte die Herausforderungen des Éléazar meist souverän, zeigte nur im Finale Ermüdungserscheinungen. Ungleich angestrengter widmete sich John Osborn seiner Aufgabe als Reichsfürst Leopold. Als Versprechen für die Zukunft stellte sich die junge, nur manchmal die Höhen zu steil ansteuernde Vera-Lotte Böcker als Eudoxie vor. Gewohnt verlässlich und profund in der Tiefe Ain Anger als Kardinal Brogni, untadelig die übrigen Comprimarii. Gut studiert agierte der durch seine Personenführung die undurchdringliche Macht der Wand noch verstärkende Chor der Bayerischen Staatsoper.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2016)